Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Damit bleib mir einer aus'» Leib! — Also auf’n Portu-
giesen war das mit die Kost man sehr slapp bestellt.
Das Futter war zwarst reichlich, aberst von eine fade
Lapprigkeit, sodaß ich nachts oft von die Fleischtöpfe der
flanken »Ottilie' dräumte. Bei diese Gelegenheit passierte
mich das häufig, daß ich meine Priem runtersluckte, der
sich denn immer in die herrlichsten Gerichten verwandelt
hatte. Was nu ’ne rechtschaffene Bremer Priem is, ver-
daut meine Maag' wie Rührei mit Schinken, aberst
die chinesischen Tauen’n machten mich manchmal viel Be-
swernis. Ich fing an elend zu werden und hatte alle
Nacht die smählichsten Koliken, as wenn mich ’n Igel
durch die Därm’ kroch! —

Ich ahnte ja noch nich, daß da der verdammte
Chinesenpriem an Schuld war, und bild’te mir förfötsch
ein, ich hätt mit das ecklichte Spitalwaffer 'ne bissige
auslünsche Worm in’n Leib gekriegt, und der frühstückte
nu da innwendig an mich rum.

Sließlich kam der olle Prahm denn doch in
Schanghai an, und ich machte mich sleunigst dünn und
kam wieder auf meine alte Liebe, die flanke »Ottilie' von
Bremen.

,Was siehst Du doch man slecht aus, Bratbors,'
sagte mein »Erster', Krischan Fleischfreier aus Lübeck,
zu mich. »Sie haben Dich da wohl hungern lassen auf
den smerigen Portugiesen, oder sünd Deine letzten drei
Buchstawen noch nich richtig auskuriert?' — Das sollt ’n
Witz an meinen Namen sein, indem schon unser oller
Paster intimer sagte, daß das Geflecht der Bratbors
(Bors—Barsch) gegen’s End zu ’n büschen sehr volks-
tümlich würd! —

»Krischan,' sag ich zu ihm, »Jedermanns Nam’ in
Ehren, und was das Essend anbetraf, war’s reichlich,
aberst da war man kein Verschlag drin. Speck könnt
einer da nicht anschichten. Das is's aber nich, ich glaub',
ich Hab' von das viele Wassertrinkend in’s Spital so 'ne
bissige auslänn’sche Worm in die Maag kregen, und
der piesackt mich nu innerlich, daß mich männigmal
ganz slapp wird! —'

,Tjong,-Tjong,' sagt’ Fleischfreier, »Du gefällst mich
nich, und Du mußt Dich furts (sofort) doktern lassen,
eh 's zu spät is. Dazu muß ich Dich auch im Intreff’
von unsen Reeder anhalten. Ich kenn’ Dir hier in
Schanghai ’ne berühmte Magendokter. Das is zwarst
’ne Chines’, aber 'ne ausgekochte. Der is bekannt an
die ganze »Tschaine Kohst' lekina coast) und hat auch
all den Kaiser seine Großmutter me Kur gehabt. Der
soll Dich wohl wieder auf’n Damm bringen. Die Firma
bezahlt allen©! —'

»Denn machen wir das,' sag ich, »helpt dat nicks,
denn schadt dat nicks!'

Denn annern Dag gungen wir denn los. Unner-
wegs erzählte mich Fleischfreier, um mich was zu kon-
firmieren, von dem berühmten Dokter.

»Der Kerl nennt sich Kal-Dun-Hung, das heißt auf
Deutsch »Vater der Gedärme'. Er is vor Jahren Diener
bei’n deutschen Augenarzt in Hongkong gewesen und hat
da minner bei die Opratschonen handgelangert. Da hat
er das denn öfters mit angesehen, wie der Dokter die
Patschenten die Augen vorn Kopp geholt hat und nach-
her wieder reingedrückt. Hat der Kerl mit seinen an-
schlägschen Kopp gedacht, das wär was zum Geld machen,
und hat heimlich angefangen, mit sein rechtes Aug' rum-
zuexerzieren, bis er das richtig rausnehmen könnt’. Hat
denn da solange an gezerrt und gedrillt, bis er's ’n halwen
Meter bammeln lassen könnt'. Wie er so weit war,
hat er sich hier in Schanghai als inwennigen Dokter
etabliert, weil daß er nu vor die gewöhnlichen Dokters
das voraus hatte, daß er mit sein Aug' überall hin-
kommt, wo die nichts mehr sehn konnten. So'n Kerl
is das!'

»Ohl reit,' sagt ich sehr unglöwig, ,un wenn er
mich nu das Baumelaug in’n Hals hält, denn kann er
mich bis in die Maag kucken! Na, wir werden ja sehen!'

Wir kommen denn da rein und der Vater von
die Gedärme is'n ganz manierlichen Chines’ und hat

äer Totenkopf-Husaren 1813

Jos. Andreas Sailer (München)
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