Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

Page: 544
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Sotgfam packte er es in seinen Koffer und schrieb
an Gottlicbe einen langen Brief, in deni er die
bestimmte Hoffnung auf ein baldiges Wieder-
sehen aussprach.

Der Brief wurde nienmls beantwortet.-

3m Eifenbahnkupee traf er den jungen fchweig-
famen Maler, deni er auf der Soiree begegnet
war und der nach Salzburg fuhr. Der sagte
ihm, als sie im Speisewagen ihren schwarzen
Kaffee tranken, unvermittelte „Nehmen Sie sich
in acht vor Gottliebe von Carynx."

„Warum?" fragte Lelio höchst überrascht.

„Weil sie es liebt, die Menschen zu narren.
Sehr viele sind dieser Macht schon erlegen."

„Wieso?" fragte Lelio, der sich erregter fühlte
als nötig. „Sie ist ja sehr eigenartig — aber
schließlich, es gibt viel Schönere, viel Jüngere,
viel Geistreichere. Man kann sich ja sehr für
sie interessiere». Aber muß um» ihr darum ver-
fallen?"

Der andere zuckte nur die Achseln und es
war nichts mehr aus ihni herauszubringen.

Die ersten Tage in Wien brachten Lelio eine
Fülle von Unannehmlichkeiten. An einem ruhigeren
Abend endlich nahm er die Puppe aus ihrer
Schachtel und stellte sie in seinem Zimmer auf.
Und von da ab erging es ihm sonderbar.

Das kleine Holzgeschöpf ließ ihn nicht ruhig
arbeiten. Beständig zog es feine Aufmerksam-
keit auf sich, immer mußte er an seine Schöpferin
denken, deren leise übertriebenes Abbild vor ihin
stand. Er wurde nervös, fing an, den Briefträger
ungeduldig zu erwarten und hatte eine Periode
der Niedergeschlagenheit, als ihm klar wurde, daß
sie ihm nicht schreiben würde.

Aber sie verfolgte ihn noch anders. Als er
eines Abends in das elegante Heim eines be-
freundeten jungen Ehepaares kam und lachend
dem Haustöchterchen in fein Kinderzimmer folgte,
sah er zu seinen: Erstaunen eine Puppe dort
stehen, die von Gottliebe von Carynx stanunen
mußte: ein wenig anders als die seine in Haltung
und Kleidung, trug sie doch ganz unverkennbar
den Stempel ihrer Eigenart. Er machte eine
Geberde des Erstaunens. „Ach, die Carynx-Puppe!"
sagte die Hausfrau. „3n, wir haben sie von
einer Ausstellung in Darmstadt mitgebracht. Sie
war sündhaft teuer und nun mag Hedy sie nicht.
Sie behauptet, die Puppe wäre unheimlich, in
der Nacht spräche sie und bewege sich und lache sie
aus. Natürlich erlauben wir ihr nicht, sich solchen
hysterischen Unsinn in den Kopf zu setzen und
haben sie gezwungen, sie in ihrem Zimmer zu
behalten. Äber sie ist ganz unglücklich darüber."

„Das sollten Sie doch nicht," sagte Lelio ge-
preßt. „Wenn Hedy doch so feine Nerven hat."
Und zu dem Kinde gewendet: „Willst Du mir
sie schenken, Hedy? Du sollst dafür das größte,
schönste, blondeste Puppenbaby haben, das zu be-
kommen ist, mit den blauesten Glasaugen, wenn
Du mir diese Puppe hier geben willst!"

Hedy jubelte und Lelio zog mit der zweiten
Puppe ab, die er neben die erste stellte und die
wirklich die Eigenschaft hatte, bei Nacht.. Aber
Lelio schalt sich selbst einen Narren.

Noch eine dritte Puppe der Gottliebe sollte
in den nächsten Tagen in seinen Besitz kommen.
Er war fast gar nicht überrascht, als er bei einem
ärmlichen Trödlerladen in der Vorstadt vorbei-
ging und sie dort fand: es schien ihm, als nüisse
es so sein. Sie war schon ein wenig abgenutzt,
aber am liebevollsten ausgeführt von allen. Offen-
bar war sie eine der ersten Arbeiten des Fräuleins
gewesen. Sie ging fast bis zum Grotesken und
war in köstlich verblaßten pfirsichroten Samt ge-
kleidet.

Nun lebte Lelio mit seinen Puppen, und erst
wenn ihm jemand sagte: „Nein, wie lange man
Sie nicht gesehen hat!" merkte er plötzlich, wie
wenig er mehr unter Menschen kam. Er arbeitete
wie sonst, aber seine Feierstunden verbrachte er
zu Hause mit seinen drei Damen. Er führte
lange geistreiche Gespräche mit ihnen und sie ant-
worteten ganz in der leicht ironischen Art, wie

K. Arnold

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-Literarische Seltenheit J9J3

Dev Dichter Daniel Maimüllcv, dev zu-
fällig erst im nächsten Jahr seinen fünf-
zigsten Geburtstag feiert.

das Fräulein von Carynx es getan. Es war
eine äußerst seltsame Zeit.

Sie endete mit dem Besuch von Lelios Freund
und Hausarzt, der allerdings nicht von selber
kam. Lelios alter Diener, der eine Ahnung von
allem haben mußte, hatte ihn gerufen. Lelio
war zuerst arglos. Er klagte über Kopfschmerz,
Nervosität und Schlaflosigkeit und ließ sich ruhig
untersuchen.

„Dies ist der vollendetste Fall von Fetischis-
mus, der mir je untergekommen ist," sagte der
Hausarzt endlich. „Offenbar bist Du, ohne es
zu wissen, in diese Frauenzimmer verliebt."

„Was soll das heißen?" fragte Lelio gereizt.

„Das soll heißen, daß ich hier drei Holz-
puppen sehe, von denen Du zwar nicht gesprochen
hast, mit denen Du aber, wie ich höre, einen
wahren Kultus treibst. Auf Deiner Stirn tront
bereits die fixe 3dee. Du entschuldigst wohl?"
Und der Arzt packte plötzlich die Puppen und
warf sie, ehe Lelio es hindern konnte, in den
offenen Kann».

„Was tust Du?" schrie Lelio und wollte ihm
an den Hals springen. Dann besann er sich,
daß er die Puppen retten mußte. Aber das
Feuer tat bereits seine Schuldigkeit. Alles was
er erreichte, war, daß er einige leichte Brand-
wunden erwarb.

Schimpfend ließ er sie von dem Arzt ver-
binden. Der zog bedächtig sein Portemonnaie
und legte ein Goldstück auf den Kaminsims.
„3ch weiß natürlich, daß die drei Tacken mehr
wert waren — cs waren ja kostspielige Künstler-
puppen, nicht wahr? Es ist nur, damit Du nicht
sagst, man hätte Dich zu sehr geschädigt."

3» dieser Nacht, die Lelio in leichtem Fieber
verbrachte, wurde es ihm klar, daß er das Fräulein
von Carynx sich zu eigen machen müsse, koste es,
was es wolle.

Zwei Tage später reiste er nach München.
Es war inzwischen kalt geworden, der Himmel
war winterblau, auf den Bogen des Maximi-
lianeums schinnnerten Ornamente aus Rauhfrvst.
Dann fuhr er nach Schwabing hinaus. Eine
Dienerin empfing ihn und trug seine Karte ins
Atelier. Er stand in dem großen, etwas kahlen
Vorraum und überlegte, was er sagen wollte;
ganz einfach war es ja nicht. Das Mädchen
kam wieder heraus: das Fräulein empfinge nicht.

Seine Haltung mühsam wahrend, stieg er die
Stufen hinab. Langsam ging er durch das Sieges-
tor und die Ludwigsstraße hinab, wie damals
mit ihr. Nur erschien ihm die Straße jetzt end-
los, unbelebt, langweilig grau. Er bog in die
Briennerstraße ein, trat ins Cafs Luitpold und
goß einen schwarzen Kaffee hinunter. Dann ließ
er sich Briefpapier geben und schrieb auf dem
Marmortischchen einen langen Brief — einen
tollen, viele, viele Seiten langen Brief, wie ihm
später schien. Er sandte ihn mit einem roten
Radler hinaus und schärfte ihm ein, die Antwort
sofort in sein Hotel zu bringen. Als er endlich
mit der Uhr in der Hand feststellte, daß nun eine
Antwort kommen könnte, begab er sich in die
„Zahreszeiten".

Er traf gerade mit dem Boten zusammen,
der das Fräulein selbst gesprochen hatte: es sei
keine Antwort.

Nun gab es keinen Zweifel mehr. Er dachte
nochmals daran, ihr aufzulauern, sie zur Rede
zu stellen, dann fielen ihm ihre spöttisch grau-
samen Augen ein. Lelios Herz tat einen schmerz-
haften Sprung und war dann plötzlich ruhig.
Mit einem Mal begriff er das Törichte seines
Verhaltens. Es war besser so. Merkwürdig nur,
daß er sich in seiner Freiheit nicht glücklicher fühlte.

Am nächsten Morgen packte er seinen Koffer
und wollte reisen. Aber etwas in ihm sagte,
daß er noch Aufklärungen zu enipfangen habe,
Lösungen, die er innerlich brauchte. Plötzlich fiel
ihm der Maler ein, mit dem er damals bis Salz-
burg gefahren war und der, so schien es, mancher-
lei wußte. Er hieß Krause, mehr wußte er nicht
von ihm.

(Schluß auf Seile 544 b)

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Karl Arnold: Literarische Seltenheit 1913
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