Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Von Mcinhold Rau

II. Der Hausherr

In dem Haus, worin der Mieter wohnt,
Ist der Hausherr ein geplagter Sklave,
Welchen Keiner liebt und Keiner schont,
Hausbesitz ist nämlich eine Strafe.

Denn der Staat hat ihn bei einem Ohr,
Bei dem andern Kreis und Stadtgemeinde,
Was er dort an Wolle nicht verlor,
Scheren pünktlich seine kleinern Feinde.

Welch ein Glück gewährt das eigne Dach!
Ziegel brechen und Kamine wanken,
Maurer klettern, Spängler steigen nach,
Und die Rechnung dehnt sich ohne Schranken.

Maler pinseln an des Hauses Wand
Und vergnügen sich mit frohem Pfeifen,
Und man sieht den ganzen Handwerksstatrd
Freudig in den Sack des Hausherrn greifen.

Seine Treppe und fein Pflasterstein,

Alles wird für ihn zu einer Falle,

Denn es fällt ein Mensch und bricht ein Bein,
Und der Hausherr fällt herein für Alle.

F. Staeger

fllaiboch

„Dö richtige Frühjahrsstimmung, dö kann halt nur
bei uns, nia in preuß'n aufkummal"

Und das ausgelöschte Treppenlicht,

Das ein Mieter einen Schweinstall nannte.

Tieferschüttert hört er den Roman,

Bon dem schlecht erwärmten Wannenbade,
Welches einer Dame weh getan,

Denn es hatte Keine 30 Grade.

Wenn ein Jüngling für Musik entbrennt
Und bei Nacht mit kraftgestählten Fingern

Freudig tobt auf seinem Instrument
In dem Vorspiel zu den Meistersingern,

Und der Herr darüber liebt den Schlaf
Mehr als Wagner und die Kunst der Töne,
Muß der Hausherr, den dies Unheil traf,
Sorgen, daß er Schlaf und Kunst versöhne.

Und ein Andrer, dessen Ofen raucht,
Schreibt ihm wie mit blutgetränkter Feder,
Daß er so was nicht zu dulden braucht,
Denn ersticken wollte er erst später.

Und der Gleiche zahlt die Miete nicht,
Denn an so was kann man nicht ersticken,
Auch nicht an der Lüge, die er spricht,
Wenn er sagt, er wird sie später schicken.

Aber als die Wohnung er bezog,

War sie neu, — nun liegt sie wild verwüstet,
Und er geht, wie jenes Tier vom Trog
Ohne Gruß, beleidigt und entrüstet.

Wenn einmal des Hausherrn Zorn entbrennt
Uber diese undankbaren Horden,

Wird auch dieser Dulder ein Klient,

Und zum Tiger ist das Lamm geworden.

Leidenschaftlich führt er dann Prozeß
Um das Recht in seinen eignen Mauern,
Mieter geh'n und kommen unterdes,

Aber Mietprozesse blühn und dauern.

Ihn erschreckt die Heizung, welche nicht,
Oder kälter als sie sollte, brannte,

et'yy'sUifen AJeatelluiiiseu Ulttet man auf tlio Mülleimer „J UtiENU“ liezu« zu nehmen.

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Meinhold Rau: Juristische Balladen
Ferdinand Staeger: Maibock
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