Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Grosse CDahame

gegen di* vielzuviele srühlingsliederdichtung— undjugleicb befcbeidene jhianfprucbnabme— des alleinigen Vorrechts ju dieter Verrichtung

Me viele besingen doch die alljährlich wiederkehrenden Zrühlinge
Mühsam, im Schweiß ihres Angesichts! — ich nenne sie deshalb Lenz-Mühlinge,

Und weil sie ja meistens nur die Wiesenblümlein „besingen-, so heiß' ich sie Blühlinge,

Und weil sie ja doch nur nachfühlen, was andre schon vorgefühlt, Fühlinge,

Und weil sie bei aller Unbedeutendheit auch fast immer schwülstig sind, Schwülinge,

Und weil sie so gräßlich nach Reimen die Muttersprache durchwühlen, Wühlinge,

Und weil sie doch meist zu Haus im Sorgenstuhl sitzen statt in wirklichen Wiesen, Stühlinge,

Und weil ihnen die rechte Wärme in neunundneunzig von hundert Fällen mangelt, Kühlinge.

Solche Menschen haben nach meiner Meinung absolut kein Recht dazu
Und es gehört die ganze Laszivität von unsrem überarbeiteten Geschlecht dazu,

Wenn, unbekümmert um die Gottesgnadendichter, noch so ein grüner Specht dazu
Sein Dpus drucken läßt, Ich möchte doch wirklich wissen, was ihr sprecht dazu,

Ihr dreimaldrei Musen! Wenn solch ein Stümperling sich erfrecht dazu
Und ganze Bände mit skandierend erstampsten Versen, die meist auch noch schlecht dazu
Und holprig sind, und mit Reimen, die er sich abgezwungen, indem er unmäßig gezecht dazu
Und wohl auch gesoffen, erfüllt? Lr braucht ja ein wahres Stiergefecht dazu.

Lr braucht oft Stunden für eine Zeile, ja Tage und Rächt' dazu,

Bis er die klingenden Zeilenschlußworte radebrecht dazu.

Bin ich kein Wirtshaus, so stell' ich auch nicht meinen Tisch heraus.

So ein mühsamer Dichter hüpft aus der Prosa wie aus dem Wasser der Zisch heraus;

Und gibt er auch seine Gewalttat noch illustriert und weiß Gott wie künstlerisch heraus.

Man riecht doch immer den schrecklich durchstrichnen Äonzeptpapierwisch heraus.

Dft könnte man glauben, es sprach' aus den Versen vielleicht gar Haschisch heraus.

Za, wär's noch ein Drama, man riefe den Autor mit wildem Gezisch heraus;

Allein es ist Lyrik, die schluckt man und spricht nicht sein Urteil so frisch heraus
Und so kömmt aus Wut- und aus Mitleidsgefühlen ein wehrlos Gemisch heraus.

Da wär's ja doch traurig, wenn diesem Gelichter gegenüber nicht ein ganz anderer Kerl ich wärst
Ich würde niemals dichten, wenn mir das Dichten überhaupt entbehrlich wär'.

Ich dichte bloß deshalb, weil es für mich höchst gefährlich wär',

Wenn ich zu dichten aufhörte. — Wenn ich aber nach Ruhm so begehrlich wär'

Wie jene Dilettanten, o Gott, und wenn ich mit meinen Gefühlen nicht durchaus grundehrlich wär':

Ls müßt' um der Rachwelt willen von staatswegen angeschafft werden, daß jährlich wer
Meine Verse und Werke zählte, weil mir das selbst infolge Ueberflusses beschwerlich wär'.

Aber eben, ich rühr' nur in den Momenten der Glut meine Leier an
Und stimme meine Gesänge nur für der Seele intimste Feier an.

Seht aber einmal den nächstbesten der obenangespielten Frühlingslyrikmeier an,

Der gackert ja seine eigenen Verse wieder mit Versen wie die Henn' ihre Lier an
Und schaut jeden weniger produktiven verächtlich wie den Spatzen der Geier an.

Ich wollte hier nur in der beleidigten Musen höchsteigenem Ramen schreiben
Und für die Veilchen- und vergißmeinnichtdichter ein saftiges Gravamen schreiben,

Daß sie nicht mehr gar so viel poetischen Blimchen-Absud zusammenschreiben

Und das Dichten denen überlassen, die sich das Lied vom Herzen unter Feuer und Flammen schreiben.

Zm übrigen weiß ich mir Besseres zu tun als Makamen schreiben

Und freu' mich mit allen guten Menschen herzlich, daß ich endlich kann Amen schreiben.

Johann Friedrich

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Johann Friedrich: Große Makame
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