Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Zur Jagd

- Nach Mitternacht, vom Irrgang matt,
Kehrt flüsternd Volk zurück zur Stadt,
Schleicht Lieb' und Kunst ben Berg empor,
Zieht wieder ein durchs dunkle Tor,
Verliert in engen Gaffen sich,

Sagt noch einmal: „Ich liebe dich!"
Schaut noch einmal vom Mauerrand
Hinaus ins ungewisse Land
Und schließt zu trübem Lampenschein
Sich in die enge Kammer ein. —

Der Dichter hat am längsten Licht;

Ihn trägt noch immer das Gesicht.

Was Magd und Liebster sich geholt,

Kuh, Liebesrausch ist längst verkohlt.

Der Dichter wacht in seinem Heim
Und wühlt beglückt in Vers und Reim
Und läßt der Worte Glihertand
Hingleiten durch die heiße Hand
Wie eine bunte Perlenschnur
Der schönen Frau Owärenur.

Johann Friedrich

ein schwerem 5ieg

von Walter von Molo

Unübersehbar standen die Massen und füllten
die Hügel, wie eine erstarrte Woge, die auf die

donnernde Flut wartet, die sie wieder mit sich
nimmt, wie der Tiger zum Sprunge gereckt.
Erz klirrte, Pferde wieherten, Waffen klangen,
im sumpfigen Feld standen die Alliierten. Die
Kürasse und Bajonette von Hunderttauseuden,
die flackernden Standarten und die gähnenden
Schlünde der Geschütze, die stolzen Regimenter
des jungen Kaiserreiches, all der furchtbar zer-
malmende Besitz des Länderkaufmanns gleißte
in der Sonne, die den Nebel scheuchte und den
Tod eilends rief.

Der Griffel der Weltgeschichte harrte auf einen
Namen, den die ringende» Massen aus der
dampfenden Erde stampfen mußten, durch Blut
und Not. Schon hielt das unerbittliche Schicksal
den Würfelbecher zuni Wurfe geneigt.

Den Kopf vorgeneigt, saß er auf seinem
Schimmel, die Rechte eingehakt und sprach. Sprach
zu seinen Getreuen, zu seinen Soldaten, die er
aus dem gärenden Kote einer toten Zeit geschaffen
hatte, um eigenwillige Söldner und unzufrie-
dene Demokraten zu willfährigen Werkzeugen
seiner Eisenfaust, zum Dienste seines Selbst zu
machen.

„ . . . Ihr dürft den Tod nicht fürchten; wenn
Soldaten dem Tode trotzen, dann treiben sie ihn
in die feindlichen Reihen ..." Der Schimmel
des Großen, Unverwundbaren begann unruhig
zu werden, ein kurzer Armstoß des Weltherrschers
hieß if)ii zittern, stehen. Napoleon stockte in
seiner Rede, die Faust ballte sich fester um das
knirschende Lederband des Zügels. Der Schimmel
unter ihm ward kleiner rmd streckte sich, es zuckte

Flexanclrs kunois (Paris)

um das Gesicht der Menschenniaffe, des Kaisers
messerscharfe Lippen wurden schmale Striche, die
Augen blitzten und hielten die Massen in Bann.
— Im Angesichte zweier Armeen, die das Los
der Welt entschieden, tat der Schimmel seine
Notdurft. — Der große Feldherr, der kalt ab-
wügende Herr über Leben und Tod von Mil-
lionen, preßte den Fuß an die Querstange des
Bügels, um ruhig zu scheinen. Nun zog wider
ihn der stärkste Feind zu Felde, die Lächerlichkeit
des Seins, die Würdelosigkeit des Lebens ....

In den Lüften kreisten die hungernden Krähen
und jammerten ihren Warteschrei.

Die Pariser, 40. äs liZns, standen und starrten,
Witzworte starben ungeboren, Lachen und Massen-
hohn verkroch sich. Mit den kleinen, stählern
stechenden Augensternen hielt er die Massen im
Bann, zwang er ihre Blicke, ihr Denken in sein
Antlitz, auf seine Stirn, weg von der bitteren
Ironie des Zufalls:

„Soldaten, Menschen, in Eure Hand ist es
gegeben, das Angesicht der Welt zu ändern!" —
Ein dröhnender, seufzender Erleichterungsschrei
der bezwungenen Menschenherde, die um das
Wegnehmen seiner Augen bettelten, flog über das
Feld und warf die Todeskrähen hinüber, wo der
Feind stand. Kniedruck und Sporenstich rissen
den Schimmel zusammen. Sie jubelten ihm zu,
die Bestien seines Willens. Dunkle Röte der
Erschöpfung stand in Bonapartes Muskelantlitz.
Nun war die Schlacht gewonnen!

„Marschall Ney, geben Sie Befehl zum An-
griff!" . . .

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Alexandre Lunois: Zur Jagd
Walter Reichsritter v. Molo: Ein Schwerer Sieg
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