Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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5000 Milliarden

So groß ist nämlich ungefähr die Zahl der
elektrochemischen Laboratorien, die jeder erwach-
sene Mensch in und mit sich herumträgt, der
Körperzellen (Muskel--, Haut-, Nerven- und
Knochenzellen). Gewiß erfreuen sich die aller-
meisten von ihnen einer geringen Selbständigkeit,
da grade im Zusammenwirken, in der „Korrela-
tion", in den gegenseitigen Beziehungen, ihre
Zauberkraft beruht. Aber man würde fehlgehen,
wollte man bei den staatlich organisierten Zellen
eine geringere Vielseitigkeit voraussetzen, als bei
den einzeln und frei lebenden, den Bakterien,
Protozoen, Mikroben, Amöben rc. Jede einzelne
Körperzelle ist vielmehr mit verantwortlich für
das Wohl des gesamten Zellenstaates, wie sie um-
gekehrt von der Gesamtheit beeinflußt wird.

„Elektrochemische Laboratorien" nenne ich die
seßhaften Körperzellen zum Unterschiede von den
Blutkörperchen, die zwar auch Zellformen besitzen
und zum Teil, wie die Leukozyten und die Phago-
zyten (Freßzellen), sogar einen Kern haben und
amöboide Bewegungen ausführen; diese sind aber
höchstens als „Gehilfen" der Körperzellen
zu betrachten, denn ohne die letzteren wäre der
Mensch oder auch nur ein Organ desselben un-
fähig zu existieren, während nicht nur die Herz-
tätigkeit, sondern auch alle sonstigen Lcbcnsfunk-
tionen, sogar das Sehen, Hören und Denken,
viele Stunden laug ohne Blutkörperchen
erhalten werden können, wenn man näuilich nach
vollkommener Verblutung das Gefäßsystem mit
einer etwa einprozentigen blutwarmen Salzlösung
ausfüllt. (Infusion.)

Nun, eine derartige Salzlösung, bei der außer
reinem Wasser namentlich Kochsalz und ein wenig
Kali und Kalk beteiligt sind, macht auch normaler-
weise (dem Volumen und Gewichte nach) vier
Fünftel des Blutes aus. Unter dem Mikroskop
finden sich zwar in jede 111 Kubikmillimeter
Blut etwa 5 Millionen rote und einige Tausend
farblose (weiße) Blutkörperchen, und welche Be-
deutung die roten Blutkörperchen als Sauerstoff-
vermittler haben, geht daraus hervor, daß sie
ausgebreitet ein bayrisches Tagwerk bedecken
würden: trotzdem und obschon uns das Blut als
ein einheitlich rot gefärbter Saft erscheint, nehuien
die Blutkörperchen und sonstigen festen Bestandteile
des Blutes nur ein Fünftel der gesamten
Flüssigkeit ein, beim erwachsenen Aienschcu be-
stehen also ca. 4 Liter Blut lediglich aus
Salzlösung.

Noch vor ein paar Jahrzehnten glaubte man,
daß die Salzlösung eine einfache, mechanische
„Mischung" von Wasser und Salz sei, ähnlich
derjenigen von Wasser und Zucker: heute weiß
nian oder könnte man wissen, daß es sich hier
nicht bloß um eine innige chemische Verbindung
von mindestens vier Elementen (z. B. Chlor,
Natrium, Wasserstoff und Sauerstoff), sondern
auch um eine physikalische Kraftquelle ganz
eigener Art handelt. Man weiß, daß die Mole-
küle der Salzlösung in Ionen gespalten werden,
die bei der Elektrolyse teils zur Kathode, teils
zur Anode wandern, daß diese Ionen den Stroui
leiten, daß sie mit Elektronen beladen sind und
diese Ladung an Eiweiß- und andre Körper ab-
geben, wodurch diese Körper elektrisch werden.
In den Organismen gewinnt die Salzlösung er-
höhte Bedeutung: in den Körperzellen erzeugt
sie vermöge der verschieden gearteten Durchlässig-
keit der Membranen elektrische Spannungen und
Potentiale, und da bei den kleinsten Einzelligen
wie durch das gefaulte Pflanzen- und Tierreich
alle Körpersäfte im Wesentlichen aus aktiver
Salzlösung bestehen, ohne welche jedes Leben aus-
geschlossen ist, so hatte ich wohl das Recht, was

mir anfangs fast übel genommen ward, von einem
„elektrochemischen Betrieb der Orga-
nismen" und einem das Herz ingangsetzenden
„Elektrolyt kreis lauf" zu sprechen.

Es mar ein glückliches Schlagwort, da es
allen, die klar sehen wollten, mit einem Schlage
zur Leuchte in bisher dunklem Gebiete ward.
Denn cs brachte die richtige Vorstellung, daß
die ganze Dynamik der Blutdruckschwankungen,
daß der Energiehunger der verschiedenen Körper-
organe und ihrer Zellen zunächst als Elektro-
lytdurst aufgefaßt werden müsse. Wenn
durch die leiseste psychische Aufmerksamkeit ein
Blutstrom nach dem Gehirn, durch die Tätig-
keit des Magens, des Darmes, ja schon durch
den Anblick von Speisen ein solcher Strom
ilach den Verdauuugsorganen geleitet wird, so
Kanu es sich itt erster Linie nur um das alle
Lebensgeister beherrschende Salzhydrat handeln.
Meine Schlußfolgerung, daß fast alle psychischen
Schwächezustäude, voll der einfachen Ermüdung,
Ohuniacht und Somnolenz bis zuni Sopor, zur
Apoplexie und zuni Kollaps und Koma, fast alle
momentanen Herzermüdungen auf mangelhafter
Elektrolytbespülung beruhen, ist zwar noch nicht
offiziell anerkannt, aber auch nicht abgelehnt
worden. Ich halte diesen Zusammenhang für so
zweifellos, daß ich jedem, der eine ungewöhnliche
körperliche oder geistige Anstrengung vor oder
hinter sich hat, nur raten kau», sich durch eine
warme Lösung doppeltkohlensauren Natriums zu
stärken?) Dadurch wird uäiulich dein mit jeher
Anstrengung und Aufregung verbundenen Säure-
überschuß entgegengewirkt, wird das Gleich-
gewicht der Ionen befestigt, ohne welches
eine vollwertige Elektrisierung nicht möglich ist.

Ein englischer Forscher hat das hübsche Bild
vom Bnllsnnl erfunden, itt dem die Herren sich
an einem großen Büfett (der Kathode), die Damen
an eineui großen Spiegel (der Allode) sammeln.
Soll dann die Paarung stimmen, so darf weder
aul Büfett iloch ani Spiegel Unterzähligkeit herr-
schen. Beim Ionenaustausch — so erlaube ich
mir das gewagte Bild zu ergänzen — hat näm-
lich ein Defizit an lebensbejahenden Elementen,
wie wir die alkalischen Tänzer nennen wollen,
die Abschwüchung der elektrischen Spannkraft
zur Folge. Auch unter den am Spiegel Ver-
sammelten, den Anionen, gibt es Lebensfrohe,
ja grade die Damen Hydroxylionen sind es, die
der ganzen Tanzerei erst den rechten Reiz ver-
leiheli. Jede einzelne Körperzelle stellt einen solchen
Ballsall vor. Alle Grade dielektrischer Berstim-
uuulg sind hier möglich, von der leichtesten Azi-
dosis bis zum Fieber-, Hunger- oder Diabetes-
Koma, vom bloßen Unbehagen bis zulu — Tode.
Loin du bal.

Die durch das Ionengleichgewicht hervorge-
brachte physikalische Sicherung der biocheulischen
Zellvorgänge nenne ich den elektrischen Zell-
turgor. Bon ihm ist nicht nur die normale
Tätigkeit der Zelle, namentlich der Stoffwechsel
einschließlich des Fermentverkehrs abhängig,
sondern auch die Immunität gegen schädigende
Eindringlinge, mögen dies Gifte, Bakterien oder
zellfremde Umlagerungen (Karzinom u. dergl.)
sein. Ist der Turgor geschwächt, wie bei chronisch
saurem Blut, so werden auä> die Zellwände an-
gegriffen und der Boden für krankmachende Ein-
flüsse immer günstiger. Selbstverständlich sind
auch andre, als elektrische, Salzwirkungen nicht
ausgeschlossen.

Indem ich mir erlaube, die Auffrischung der
im Erbleichen begriffenen Birdiowsd)en Zellular-
pathologie durch die Lehre vom elektrischen

') Immer ärztliche Zustimmung vorausgesetzt.

Zellturgor') vorzuschlagen, gehe ich von der
Idee aus, daß das „Leben" jeder pflanzlichen
wie tierischen Zelle an den Zwang ihrer elektrischen
Ladung gebunden ist. Diese vom Ionenaustausch
der Mineralstoffe abhängige Ladung halte id) für
einen durchaus primären Lebensfaktor, für
die physikalische Voraussetzung der höchst kompli-
zierten biochemischen Vorgänge, ail deren Stelle
sofort die gemeine Fäulnis, die Autolyse
(Selbstauflösung) tritt, wenn jener Zwang auf-
hört. Der Nachweis des elektrischen Zellturgors
ist freilich sehr erschwert durch die Zartheit der
Spannungen, namentlich in den Zellen der Warm-
blüter, da, wie ich nachgewiesen habe,^) die Stei-
gerung der mikroelektrischen Potentiale durch die
Verbrennungsprozesse eine ganz enorme ist: die
Ableitung von Aktionsströmen u. dgl. aus größeren
Zellverbänden aber wird kaum als genügend an-
erkannt. Ob Experimente, zu benen ich die An-
regung gegeben habe, erfolgreicher fein werden,
ist noch ungewiß. Unter allen indirekten Be-
weisen erscheint mir als der wichtigste eine fast
verschollene, jedenfalls bisher in diesem Zusammen-
hang unbeachtet gebliebene Erfahrung, die der
Engländer A. D. Waller auf dem Physiologcn-
kongreß in Turin 1901 mitgeteilt hat.

Er beobachtete mit dem Demarkationsgalvano-
meter den Strom von verletzten und unverletzten
Partien im Innern von Weinranken und Blatt-
rippen. „Die elektromotorische Kraft entspricht
der Lebensenergie der resp. Pflanzenteile. Die
Aktionsströme zeigen Ermüdung, Erholung, Sum-
matioli und Treppe. Sehr starke elektrische
Reize bewirken vorübergehende Reaktionslosigkeit
(Shock). Temperaturen über st- 40 bis 50° und
unter — 4 bis 6° töten ab. Der Tod durch Kälte
ist von einer explosionsartigen elektrischen
Erscheinung begleitet, worauf Vermehrung der
elektrischen Leitung eintritt, letztere vorübergehend
auch im Shodr. Wenig Kohlensäure verstärkt die
Aktionsströme, viel Kohlensäure sowie Narkotika
vermindern sie vorübergehend. Bei Obcrflächcn-
reizen einsteigende Aktionsströme."

Diese Beobachtungen zeigen deutlid>, daß zwi-
sdien dem Tode der betr. Pflanzenteile uild ihrer
elektrischen Explosion ein ganz direkter Zusam-
menhang besteht. Das Pflanzenexperinlent ist
vollkommen beweiskräftig, grade weil hier die
Verhältnisse noch viel einfacher liegen als beim
höheren tierischen Organismus. Der elektrische
Turgor „platzt" und nun beginnt sofort, trotz der
vermehrten Leitfähigkeit, die vom Lebenszwang
befreite Chemie ihr Zerstörungswerk. Die ailtike
Frage „Animal dum vivlt eur non pudrsselt?"
— warum geht das lebende Tier nid)t in Fäul-
nis über? — findet hier ihre einfadiste Antwort,
die freilich kein Aristoteles oder Galenus geben
konnte. Ware» bodj bis vor kurzem selbst die
quantitativen Beziehungen zwischen dem primären
elektrischen Tlirgor und dem sekundären Tem-
peraturkoöffizienten nicht bekannt.

Bei ben Warmblütern (mit Ausnahme der
Winterschläfer) ist die Tyrannei des Wärme-
optimums auf die Spitze getrieben. Es gibt kaum
eine zweite Regulation, die mit gleicher Rück-
sichtslosigkeit durchgeführt wird. Alle Körper-
reserven werden verbrannt, um die hohe Tem-
peratur aufrecht zu erhalten, auf welche der elek-
trische Betrieb eingestellt ist. Je mehr der Mensch
friert und hungert, desto gieriger greift der Heizer

') Das in der Physiologie eingeführte Wort „Tur-
gor" ist schwer zu übersetzen. Es bedeutet: Spannung,
kraftvolles Strotzen, Gesundheit. Es wurde bisher nur
für das Substantielle verwandt, der Begriff eines elek-
trischen Turgor ist neu. Bei gesunden jugendlichen
Lebewesen aber deckt sich der substantielle mit dem
energetischen Turgor meistens vollkommen.

2) „Unser Herz ein elektrisches Organ", S. 66, 82.

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Georg Hirth: 5000 Milliarden
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