Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Oesterreichische Kleinstadt-Typen

Die Lebensfreude

Von Hermann IVagner

Die Vpererren-Vorstellung

„Der sidele Bauer," veranstaltet von der allen
Kunstfreunden auf das vorteilhafteste bekannten
Theatergesellschaft Julius Bretschneider, findet ini
Saale des „Elysium" statt.

Die Theatergesellschaft Julius Bretschneider
verfügt über folgende Mitglieder:

Frau Direktor Minna Bretschneider, die mit
nie ermüdendem jugendlichem Eifer und seltener
Pflichttreue schon seit dreißig Jahren die Rollen
einer „Komischen Alten" spielt;

Fräulein Ella von Weiß-Mierisch, der es
trotz ihres hohen und ehrenhaften Alters inimer
wieder und wieder gelingt, auf den Brettern, die
in Kitzenleutha die Welt bedeuten, naiv und
jugendlich zu lieben;

Fräulein Rest Dünkelmann, die die 180 Pfund
ihres Leibes, drei Kinder im Alter von 4 bis
18 Jahren und der Mangel eines offiziellen Vaters
nicht abhalten, die Strapazen einer Soubrette
immer wieder von neuem auf sich zu nehmen:

Herrn Jose Eberle, den Tenor, der zwar
einen dämonisch-weichen Blick, aber keine Zähne
und keine Stimme hat;

Herrn Eduard Feuerstein, den zweiten Tenor,
der nicht einmal den dämonisch-weichen Blick
hat und

Herrn Siegfried Glasel, den ein tückisches
Ischiasleiden tiefsinnig und zum Komiker ge-
macht hat.

Das Publikum kennt seine Lieblinge schon
seit Jahrzehnten, spendet ihren Leistungen immer

Th. Waidensclilager

Schwäbische Runde

.... zur Rechten sah man wie zur
Linken einen halben.. heruntersinken.

den gleichen liebenswürdigen Beifall und unter-
stützt sie, indem es ihnen die Stickereien, die
sie im Nebenberuf anfertigen, bereitwillig ab-
kauft.

„Die Kunst geht nach Brot," sagt mit einem
melancholischen Lächeln Herr Siegfried Glasel,
der Komiker.

* * *

Das Schießfest

oder das „Königsschießen" des k. k. priv. bürger-
lichen Schützenkorps ist eine drei Tage währende
Festlichkeit, während welcher Gevatter Schuster-,
Schneider-, Tischler-, Bäcker- und Böttchermeister
ihre Schießprügel auf den krummen Rücken neh-
men, damit „ausrücken", unter Zuhilfenahme von
Bier und Tabak nach der Scheibe schießen und
nichts treffen.

Wer am wenigsten oft nichts trifft, wird
„König".

Während die Väter Soldaten spielen, führen
die Mütter die Kinder auf dem Festplatz spa-
zieren, wo die Leierkästen der Karussells, Ticr-
buden und Luftschaukeln einen ohrenbetäubenden
Lärni verursachen.

Auf dem Festplatz amüsiert sich auch das
Volk.

Das tut es in solchem Maße, daß die Luft in
einem Umkreis von zwei Kilometern mit Schweiß,
Rauch und dem Gestank von Würsteln, Heringen
und Limonade verpestet scheint.

Die Bürger sitzen dagegen im Schützenzelt,
trinken Pilsner, rauchen Virginierzigarrcn, essen
Kalbs- und Schweinebraten und lauschen dem
Konzert der verstärkten städtischen Kapelle.

Abends wird getanzt.

Die Bürger tanzen im Schützenhaus, das
Volk tanzt in Döllingers Gasthof.

Dreißig Prozent der Bürgermädchen haben
ein Jahr später Kinder und sind verheiratet,
fünfzig Prozent der Töchter aus dem Volke
haben ein Jahr später auch Kinder und sind
nicht verheiratet.

Die Mitternacht hat alle Klassenunterschiede
aufgehoben, man ist betrunken.

Proletarier und Bürger umhalsen sich stürmisch
im Straßengraben.

Reinhaltung der Kopfhaut

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jeder, der sein Haar lieb hat, sich an eine regelmäßige Kopfwaschung m'1
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Hermann Wagner: Österreichische Kleinstadt-Typen
Theo Waidenschlager: Schwäbische Kunde
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