Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Ein Mensch

Wie Wetterleuchten über schwarzem Wald
Aufzuckt, hier magische Kontur oerleikt.

Dort einer Kiefer Schattenriß enthüllt:

So faßt im Strom des Lebens wohl ein Blick,

Ein jäh Erkennen den, der vor dir steht.

Der übervollen Seele Drang zn stillen
Trug er sie in der Andern bunten Kreis:

Hier, nehmt und teilt, ich — trag es nicht allein!
Doch Keiner war, der seine Hand ergriff. —
Nun geht er, der sich seines Reichtums schämt
Und Armut heuchelt, nur um jenen Andern
Ein wenig gleich, vielleicht gar nah zu sein.
Geht, leidgewohnt, des Bettlers scheue Wege,

Des Bettlers, der doch nie im Leben nahm,
Uneiugedenk, wie Tag um Tag der Gram
Sein fein Gewebe dichter um ihn lege. —
Und tragt ihm je der Wind verlornen Klang
Der eignen Seele zu aus fremdem Munde,
Preßt sich die Hand nur fester auf die Wunde:
Er glaubt nicht mehr, — nur manchmal noch,

im Traum,

Sieht er im lauen Frühlingswind sich heben
Des Schleiers eine Falte, und er schaut.
Ungläubig lächelnd, seinen Schatz von einst.

ff. Renting

Oer fjerr Abromait

von Erich Rramcr

Das Haus des Herrn Abromait war ein
sechs Schritt langes und fünf Schritt breites Ge-
mäuer mit gelbem Kalkverputz und einem roten
Blechdach. Es stand auf einer Moorwiese zwischen
viereckigen Tümpeln, über deren braunem Wasser
Kalmusstauden und Schilffahnen schwankten. Ein
verrosteter Maschinenteil lag irgendwo im Grase,
ein paar Maulwurfshaufen, ein paar Weiden-
ruten und Distclsträuche erhoben sich hier und da,
und die dicke Holzröhre einer umgestürzten Pumpe
flimmerte silberweiß wie ein großer Knochen.

Rings stieg das Gelände gegen den Horizont
zu niedrigen Sandhügeln empor, die ein ver-
blichener Haferpelz bedeckte, von kahlen Stellen
durchlöchert, als hätten ihn Würnwr zerfressen.
Ein grauer Schindelturm ragte darüber, und ost-
wärts zog sich längs der Höhe ein Streifen
Kiefernwald dünn und weitläufig wie ein Kamt»,
dem einzelne Zähne ausgebrochen sind, sodaß die
blaue Luft zwischen den Stämmen durchsah.

Auf der Wiese war früher eine Torfmacherei
gewesen, und das gelbe Haus hatte zur Auf-
nahme von Handwerkszeug gedient. Dann lagen
die Gruben jahrelang verödet. Ihre Böschungen
stürzten ein, fettgrüne Algen quollen aus dem
Sumpf, und die helle Wasserlinse wob ihr blankes
Schuppenkleid.

Da kam eines Tages ein Mann mit einer
geflochtenen Tasche am krummen Weichselstock
den Weg von den Hügeln herabgewandert.

Das war der Herr Abromait.

Das gelbe Haus mit dem roten Blechdach
leuchtete in der sinkenden Sonne, und aus den
Tünipeln schallte endlos schrille Froschmusik. Es
klang, als drehten sich hundert Wetzsteine jammer-
voll auf ungeölten Achsen.

Den Herrn Abromait ergriff eine tiefe Rührung.
Seine dicken Lippen lächelten sanft durch das
schnupftabaksbraune Bartgestrüpp, seine kleinen
Augen füllten sich mit Tränen.

Er dachte, daß dies ein hübscher, passender
Ort für ihn sei, um in Ruhe das Glück abzu-
warten, dem er zeitlebens mit der geflochtenen
Tasche und dem Weichselstock nachgelaufen war:

Da5 feine Netz

G. Schmidt-Goy

das goldene Glücksfuhrwerk bis obenhin gefüllt
mit Räucherschinken, mit Ringelwürsten und at-
laszarten Speckseiten, mit rötlichen Käsestollen,
Weinflaschen und dunkelgrünen, bastbesponnenen
Schnapskruken, lind ganz oben drauf ein schönes,
junges Fräulein knusperig wie eine frischgebackene
Brezel, fett wie ein Wachtelchen und schlehdorn-
blütenweiß über und über.

Der Herr Abromait hatte einmal in einer
Dorfschenke das Plakat einer Delikatessenhand-
lung gesehen, auf dem mit glänzendem Blau, Rot,
Gold und Grün ei» so köstlich gepolsterter Wagen
hingemalt war, der von einem runden Elfen-
fräulein kutschiert wurde. Seitdeni verwob sich
ihm das liebliche Bild mit seinen Träumen von
Glück und Zukunft so ganz und gar im Kopfe,
daß er beides nicht von einander zu trennen
vermochte.

Er stand noch einen Augenblick und lauschte
dem Abendlied der Frösche, dann setzte er seinen
Stock weiter und ging geradeswegs auf das
gelbe Haus zu.

Den Wiesengrund bedeckte eine dürre Gras-
narbe. Sie knisterte bei jedem Schritt wie bren-
nendes Stroh und dampfte von rötlichem Stand,
der in Wolken um Herrn Abromaits Stiefel
quoll und beim Herabsinken auf den Halmen
wie alter Eisenrost liegen blieb.

Herr Abromait fand die Lattentür des gelben
Hauses offen stehn. Er trat hinein, hängte seine
gefloäztene Tasche an einen Haken und lehnte
den Weichselstock in eine Ecke. So nahm er
Besitz von dem Gerätschuppen und der Moor-
wiese, und da niemand da war, der ein Inter-
esse an dem Ödland hatte, blieb er ungehindert
wohnen und ging von dort aus seinen Geschäften
mit Ruhe und Gelassenheit nach.

Der Herr Abromait hatte sich sein Haus recht
behaglich eingerichtet. An der Wand klebten zer-
knitterte, fettfleckige Zeitungsbildchen, die früher
als Einwickelpapier gedient und die er mm dem
Straßenschmutz aufgehoben. Eine leere Zement-
tonne war sein Vorratsschrank, ein morsches Latten-
geftell mit Lumpen und Heu gepolstert sein Bett.
Dort saß er nach vollendetem Tagewerk, blickte
durch das verstaubte, vor Alter grünrot schillernde
Fensterglas und träumte von dem goldenen Fuhr-
werk, von den Schinken und Schnapskruken und
dem weißen Speckfräulein.

Oft glaubte er, der Wagen stünde schon vor
seiner Tür, sprang auf und guckte hinaus. Aber
da war nichts zu sehen als der dürre Wiesen-
plan, die schwarzen Grubenböschungen, der braune
Sumpfspiegel, auf dem die Wasserlinse schwamm,
und hoch oben der Abendhimmel mit zackigen,
bernsteingelben Wolken, die sich wie eine Garten-
landschaft in Terrassen emportürmten. Und die
Frösche hockten im feuchten Kraut und sangen
mit geblähter Kehle ein schrilles, endloses Lied.

Der Herr Abromait war kein schöner Mann.
Seine Augen blickten stier und entzündet wie
Gallertflecke mit roten Rändern, seine Rase hing
weich und formlos wie ein halbleerer Sack und
von einem Retz blauer Äderchen umspannt in
den Bart hinein, und das Schädeldach war so

abgeplattet, daß oben bequem drei Töpfe hätten
stehn können. Der Herr Abromait liebte es
nicht, Wasser auf seine Haut zu bringen, weil
er ewig an Zahnschmerz, Ohrenreißen und
Gliederstechen litt, und deshalb hatten Gesicht
und Hände die Farbe eines Torfziegels an-
genommen. Wie es aber mit den übrigen
Körperteilen bestellt war, das wußte keiner,
denn der Herr Abromait trug Tag und Nacht
einen langen pfeffergrauen Flausrock und inäch-
tig große, schöne Transtiefel mit Harmoiüka-
falten.

Jeden Morgen, wenn noch der Nebel auf
den Sumpfgruben lag, hängte sich der Herr
Abromait seine Lischke, den geflochtenen Ran-
zen, an einem Strick um die rechte Schulter
und uni die linke ein zerbeultes Blechkännchen,
faßte das Weichsclrohr und ging den Ge-
schäften nach. Da sein Bezirk sehr groß war
und er nicht alle Tage vor derselben Tür er-
scheinen durfte, mußte er oft recht lange Märsche
niachen.

Sobald nun die ersten Häuser eines Dorfes
in Sicht kamen, zog der Herr Abroinait zwei
Blechmedaillen, eine weiße und eine gelbe, aus
der Lischke, heftete sie mit bunten Bändern an
seine Brust, gab sich eine stramme Haltung und
ließ die Transtiefel taktmäßig auf die rauhen
Pflastersteine knallen.

Die Kinder, die zur Schule gingen, liefen
hinter ihm her und plärrten im Chore:

„Herr Abromait, Herr Abromait,

Wat hewst in dine Lischke?

Een grauten Klompen Tätigkeit,

Een Semmel un twei Fischke!"

Der Herr Abromait fühlte sich durch diesen
Hohn keineswegs gekränkt. Es war ihm ein
sehr schmeichelhafter Gedanke, daß mmi von seiner
Persönlichkeit so viel Aufhebens machte und seinen
Namen in alle Winde schrie. Er blickte noch
stolzer und kriegerischer drein. Ja bisweilen stei-
gerte sich sein Entzücken derart, daß auch er mit
krächzender Stimme zu singen begann:

„Voll Tapferkeit und heiligem Mut
Maschiert in die Schlacht der Herr Rekrut,
Er opfert sein Leben — ihm fällt's

nicht schwer —
Für seines Vaterlandes Ehr
Bei der
Bei der

Bei der Kanonen Gebrumm."

Das waren die einzigen hochdeutschen Worte,
die Herr Abromait kannte.

„Bei der
Bei der

Bei der Kanonen Gebrumm,"
plärrte die fröhliche Jugend und trommelte mit
den Fäusten auf ihren Schiefertafeln.

Der Herr Abromait hatte in jedem Dorf seine
bestimmten Wohltäter: ein paar alte, fromme
Weiber und etliche Spaßvögel und Taugenichtse.
Die alten Weiber vergossen bittre Tränen, wenn
Herr Abromait seine Kriegserlebnisse vortrug,
doch hinterher gaben sie eine so schäbige Unter-
stützung, das es sich kaum lohnte, die Hand auf-
zumachen. Die Spaßvögel foppten und ärgerten
ihn, aber sie schenkten reichlicher.

Der Herr Abromait klopfte an die Türen,
trat in die Hausflure und Küchen ein, machte
eine tiefe Verbeugung und begann sofort von
einer wilden Schlacht zu erzählen. Wie da das
Blut drei Meter hoch über den Boden geströmt
und die abgehackten Beine, Arme und Köpfe
gleich Mückenschwärmen in der Luft herumge-
flogen seien, wie er sich aber keineswegs gefürchtet,
sondern mit dem Säbel gehauen, mit der Flinte
geschossen und mit dem Bajonett gestochen habe.

Dies alles erzählte der Herr Abromait. Das
Feuer der Begeisterung riß ihn hin, sein Mienen-
spiel wurde schreckenerregend. Seine Augen
stützten, seine Ohren wackelten, der Bart sträubte
wie der Pelz eines Igels, und, was das
Erich Kramer: Der Herr Abromait
Cäcilie Schmidt-Goy: Das feine Netz
F. Reuting: Ein Mensch
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