Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Georg Pfeil (München)

Lrüß/ahrs - Meeting

„Jetzt geht's um den Preis der Stadt München." — „Geld, Oclbilder oder Maidock?"

„Io, Korl, wie wulln 'n mnn schönstens
bidden."

Der Karl Vogelfang reckte sich über das
Moorloch, packte den einen Stiefel und riß aus
Leibeskräften daran, während ihn der Otto Grün-
klee am Rockschoß festhielt, damit er nicht ins
Wasser falle. Aber der Herr Abromait hatte
durchaus nicht die Absicht, seine Stiefel zu ver-
schenken. Er wollte nicht, was auch die Herren
Amtsbrüder für Gründe aufbringen mochten, er
wollte nicht, Und darum hielt er die Beine fest
und steif zum Himmel empor und gab keine»
Zollbreit irach.

Der Karl Vogelfang ließ den Stiefel wieder
los und richtete sich schnaufend und mit dunkel-
rotem Kopf in die Höhe.

„Nee, hei giwt se »ich, hei giwt se »ich herut,
hei is 'n igensinnger Mann, de Herr Abromait."

Nun versuchte auch der Otto Grünklee seine
Überredungskünste, aber der Herr Abromait schlug
ihm die Bitte ebenso rundweg ab wie dem Karl
Vogelfang.

Sie guckten noch in das gelbe Haus hinein
und freuten sich über die hübsche Einrichtung.
Bon etwas Eßbarem war nirgends eine Spur
zu finden.

Dann drehten sie der Moorwiese den Rücken
und humpelten fort wacklig und schlotternd wie
aus Lappen zusammengenäht.

Nach einer Weile sahen sie sich noch einmal um.

O, da hatte sich die Krähe schon wieder über
die Stiefel hergemacht. Sie trippelte mit ge-
spreizten Flügeln auf und nieder und pickte und
pickte eifrig gegen die Sohlen.

„De will ok de Steweln vun 'n Herrn Abro-
mait," sagte der Karl Vogelfang, „awer hei giwt
se »ich, hei giwt se doch nich."

„Nee, hei giwt se nich herut, hei hat ’» igen-
sinngen Kopp, de Herr Abromait."

Mein Zimmer

Geht aus dem Zimmer alle, alle,

Und laßt mich bei mir selber sein
Und mich erholen von dem Schwalle
Und all dem lügnerischen Schein.

Nehmt mir die Angst, ihr werdet wiederkehren,
Und laßt allein mich meine Zeit vertun,
Beim Gang der Uhr mein Eigenstes verzehren
Und bei mir selber sein und ruhn.

Wilhelm Schüsse»

Das Wettrennen

Von Llenrcntine lU-amcc

Ludwig — der schöne Mann — gähnte: „Gott,
sag doch einer was Vernünftiges, es ist ja zu öd."
Aber keinem fiel etwas ein. Endlich schlug das
junge Mädchen vor: „Geschichten erzählen."

„Weshalb nicht ein Pfänderspiel? Tötet
schneller und sicherer," sagte der Sportsman, der
am bittersten enttäuscht war, weil Ski und Rodel
ins Wasser gefallen. Aber es half ihm nichts.
Das hartnäckige junge Mädchen plädierte zum
zweitenmal für das Geschichtenerzählen. Also,
man sollte ein Thema wählen und jeder der
Reihe nach mußte eine kleine Erzählung dazu
machen. Ein Märchen oder eine Halbweltge-
schichte, etwas Trauriges oder Frohes, ganz
gleich, was ihm gerade im Augenblick in den
Sinn käme.

„Zum Beispiel die Li—ie—ie—be," machte der
schöne Ludwig und markierte Krämpfe.

„Oder der Frühling," sagte das junge Mäd-
chen, „oder der Tod oder der Winter oder die
Rodelpartie."

Man diskutierte über das Thema, obgleich
mnn sich im Prinzip keineswegs geeinigt hatte.

„Das Wettrennen," schlug der Sportsman
vor. Nach wenigen Einwänden waren es alle
zufrieden, denn noch immer schnürlregnete es
draußen lustig weiter.

Jede Geschichte durfte nur ganz kurz sein und
vor allen Dingen mußte sie sich der Erzähler selbst
nusgedacht haben.

Der Sportsman begann ganz nett vom Schah
von Persien und von einem Wettrennen, welchem
der beigewohnt habe, aber bald rief jemand da-
zwischen, das sei ein alter Witz.

„Wieso," fragte der Sportsman, man wisse
doch gar nicht, was komme. — Natürlich wisse
man das, daß der Schah von Persien gesagt
habe, ein Wettrennen interessiere ihn nicht, denn
er habe schon immer gewußt, daß ein Pferd
schneller laufen könne, wie das andere; und ob
cs Fritz oder Liefe! heiße, das sei ihm auch egal.

„Vielmehr Emma oder Fred," machte der
Sportsman ganz ernsthaft.-

Dann bestürmten alle den schönen Ludwig, er
sei an der Reihe. Der machte aber bloß schläf-

rige Augen und rührte sich nicht. Da begann
der Bildhauer: „Es waren einmal zwei Knaben
und die rodelten. Und weil der eine immer dem
andern zuvorkommen wollte, prallten sie eines
Tages zusammen und sausten in die Tiefe. Als
sie tot drunten lagen, sprach der eine: ,Entschuldigen
Sie, mein Herr, es soll nicht wieder Vorkommen?
Da erwiderte der andere, der nicht weniger höf-
lich sein wollte: ,Oh bitte sehr. Wollen Sie viel-
leicht eine Zigarette haben bis zur Auferstehung?*
Hierauf kommen noch ein paar kleine Punkte und
dann ,Endeh" schloß der Erzähler.

„Dumm," machte der schöne Ludwig und
stützte den Kopf in die Hand.

Da begann das junge Mädchen: „Es waren
einmal zwei Männer, die bewarben sich beide um
die Gunst einer schönen Dame."

„Natürlich," brummte der Sportsman, „immer
die Liebe."

„Um die Gunst einer schönen Dame," fuhr
jene fort. „Der eine versprach, er wolle sie auf
Händen tragen, der andere, er werde ihr ein
Automobil kaufen."

„Den nimmt sie totsicher," rief jemand da-
zwischen.

„Der eine versprach wieder, er werde täglich
ein Gedicht auf sie machen und der zweite, sie
dürfe sich jede Saison zwölf Hüte ä 100 Mark
kaufen."

„Hat ihn schon," rief wieder die Stimme.

„Der erste, welcher nur ideale Güter zu bieten
hatte," fuhr das junge Mädchen fort, „war aber
wunderschön, noch schöner wie unser Freund
Ludwig."

„Nicht möglich," rief es von verschiedenen
Seiten.

„Noch schöner, sage ich! Da war die Um-
worbene in großer Verlegenheit und aß und trank
und schlief nicht mehr vor ihren Zweifeln und
magerte ab und alterte sehr. Da wollten sie auf
einmal beide Männer nicht mehr haben und
jeder sagte: ,Bitte nach Ihnen?" Das junge
Mädchen besann sich. Sie war in eine Sack-
gasse gelaufen und wußte nicht recht weiter.

„Das ist aber doch ein sehr hübscher Schluß,"
sagte der Bildhauer. „Bitte, nach Ihnen, jeder
hätte gern Hausfreund werden wollen, keiner
aber Ehemann, was?"

(Schluß auf Seite 694 b)
Georg Pfeil: Frühjahrs-Meeting
Clementine Krämer: Das Wettrennen
Wilhelm Schussen: Mein Zimmer
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