Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Kühn einen K-Wagen, die Bestürzung des Advo-
katen benutzend, und atmete auf. —

Constantia schüttelte den Kopf: Diese Theo-
retiker! Diese Theoretiker! Was nicht in den
Schmökern gedruckt steht, ist ihnen fremd. Im
übrigen war er sehr verstimmt und nachdenklich.
Er entschloß sich bei Hartmann zu speisen und
begrüßte dort hocherfreut den Doktor Pelides,
den er sonst nicht besonders schätzte: „Herr

Kollege, Sie gestatten, daß ich an Ihrem Tisch
Platz nehme!"

Pelides stocherte eben die Reste eines Kalbs-
filets aus seinen hohlen Zähnen und betrachtete
aufmerksam die Erfolge dieser Tätigkeit. „Sehr
angenehm, Kollega."

Constantia bestellte: „Nudelsuppe, Schweins-
karree — aber mager! —, mit Sauerkraut und
eine halbe Flasche Gumpoldskirchner." Dann
fragte er Pelides: „Wie denken Sie über ano-
nyme Briefe?"

„Semper aliquid haeret. — Cherchez la
femme.“

„Würden Sie darin ausgesprochene Anklagen
beachten?"

„Wenn sie gegen eine Frau gerichtet sind —
unbedingt."

„Warum dann?"

„Weil Frauen immer schuldig sind."

Dem gegenüber wendete Doktor Constantia
nervös ein:

„Sie gehen da entschieden zu weit, lieber
Freund, und die Erfahrung, gewissermaßen die
Statistik lehrt . . ."

„Statistik und Weiber schwindeln immer!"
Doktor Pelides nahm den spitzen Nagel seines
Zeigefingers zu Hilfe, um einen hohlen Mahl-
zahn von einer widerhaarigen Flcischfaser zu be-
freien, was den soignierten Speiseträger bewog,
einen zweiten Zahnstocherständer hinzustellen.

„Merci, brauch ich nicht. — Ist Ihnen be-
kannt , Kollega — wahrscheinlich nicht, denn
Sie sind Zivilrechtler, während ich in erster
Linie Verteidiger bin —, warum Ehebruchs-
Klagen sozusagen binnen sechs Wochen verjäh-
ren?"

„Weil . . . weil es nicht angeht, daß das
Fainilienleben durch längere Zeit in unerträg-
licher Spannung gehalten wird, da der Gatte,
beziehungsweise die Gattin, entweder . .."

„Mumpitz! — entschuldigen Sie. Weil sich
sonst die Zahl der Ehebruchsklagen ins Uncrmeß-
liche steigen würde und das gesamte flüssige Ka-
pital der Kulturvölker nicht hinreichte, auch nur
die Prozeßkosten zu bezahlen. Gut, nicht?"

Verzagt schnitt Constantin aus seinem Schweins-
karree kleinwinzige Bissen. „Sie ziehen alles
ins Lächerliche."

„Daher heiß ich unter den Richtern auch der
Cyniker. Was wollen Sie, wenn man tage!»
tagaus im Dreck — mit Verlaub — wühlen muß;
von amtswegen, geschüftshalber. Man will doch
verdienen!"

„Sachertorte!" bestellte Doktor Constantin.

„Zahlen, Garpon!" sagte Pelides und gab
acht Heller Trinkgeld. „Servus, Kollega!" —

Doktor Constantin trank »och eine zweite
Flasche Gumpoldskirchner und wurde innerlich
großartig; da er aber daran nicht gewöhnt war,
legte sidz ein Nebel um sein Hirn. Im Nebel
dachte er: „Das Duell ist ein Unsinn, zumal
immer oder doch gewöhnlich der Sdzuldige trium-
phiert. Sehr begreiflich — wer das Weib ver-
lockt, es dem anderen wegnimmt, ist der Stärkere
überhaupt. . . Der Frau kann man's also nicht
übel nehmen..." Seine Hand zitterte, daß der
sdzwarze Kaffee aufs Tischtuch spritzte. „Auch
abgesehen davon, nur keinen Skandal; daß die
Leute tuscheln und hinterrücks gemeine Gesten
machen. Bleibt also nur übrig, daß man. .."
Der Nebel! Der Nebel! Der Nebel mischte die
Gedanken durcheinander.

Vanitas

Albert Lang (München)
Albert Lang: Vanitas
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