Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Altes Wappen

Wundervoll vergessne Pfade
Laßt mich wandern, still und weit.

Wie ein seliger Nomade
Will ich ziehn im Pilgerkleid,

Als Vermächtnis bleibt mir gern
Eine Muschel und ein Stern.

An der Ewigkeiten Schwelle
Leg ich hin, was ich geliebt:

Eine Muschel, die der Welle
Form getreulich wiedergibt,

Und am Himmel, groß und fern
Den verklärten Abendstern!

Wilhelm Rlemni

Die Schlange im Paradiese

Von Erik Iuel

Bei der Geburt schon war das merkwürdige
kleine Mal auf Lydias Leib sichtbar.

„Das verblaßt," tröstete die Hebamme, „das
verwächst sich," fügte sie hinzu, „das verschwindet
mit der Zeit."

Aber es verschwand nicht. Das kleine Mal
wuchs und wuchs. Lydia wurde konfirmiert und
ging hinaus in die Welt, uni selbst für Kleider
und Essen zu sorgen, und das kleine Muttermal
war ein großes Mal geworden, das nun deutlich
die Gestalt einer Schlange angenommen hatte,
die sich mitten auf Lydias sonst tadellosem Leib
ringelte.

Bis zu Lydias sünfundzwanzigstem Lebens-
jahr gab es niemanden, der ihr Geheimnis kannte,
denn sie war ein tugendhaftes und sittsames
Mädchen, doch gerade an dem Tage, da sie ihr
fünfundzwanzigstes Jahr erreichte, heiratete sie
den Matrosen Iönsson, und so wurde Lydias
Geheimnis offenbart — ihrem Manne Iönsson.
Aber die beiden waren ja nun eins, und die
kleine Schlange erzeugte keine Zwietracht zwi-
schen ihnen.

Im Gegenteil, Iönsson muß die Schlange
sehr ansprechend gefunden haben, denn als er
kurze Zeit darauf nach den Südseeinseln segelte,
ließ er sich ein gleiches Schlangenmal auf den
Leib tätowieren, als Seemannszeichen für seine
treue Sehnsucht von fernen Ländern aus nach
Lydia, die ein ganzes Jahr lang gleichsam im
Witwenstand leben sollte, während Iönsson das
Meer und die salzigen Wogen pflügte.

Aber als Witwe zu leben, soll nicht leicht
sein. Einen einzigen Monat erst hatte Lydia
die Wonnen der Ehe genossen, als die Pflichten
des Berufs Iönsson aus ihren Armen rissen.
Doch kurze Zeit darauf warf das Schicksal einen
andern Sohn des Meeres in denselben Hafen —
in Lydias Arme — in dem Iönsson das Allein-
recht auf den Ankerplatz hatte.

„Was drei wissen, weiß die ganze Welt!"

Und Matrose Persson!? — Nun ja! —
Lydia war allein, sehr lange allein, denn Iönsson
segelte auf den: Stillen Ozean hin und her, und
bald wußte Persson das von Frau Lydia, was
nur Iönsson wissen sollte.

„Was drei wissen, weiß die ganze Welt!" —
Die Welt ist groß für den, der festgebannt auf
einem Flecken sitzt, aber die Söhne der See, die
den Sturm in den Segeln fangen oder die Wege
des Meeres mit Volldampf pflügen, treffen sich
ebenso leicht am Nordkap wie am Südkap, an
den Küsten Australiens wie im Westen der Wüste

Sahara. — Iönsson und Persson trafen sich im
Stillen Ozean.

Warum nicht am Nordkap, sondern gerade
an der Küste des Stillen Ozeans, wo die Sonne
glüht und die Mittagshitze die Schiffsmannschaft
aus den Kleidern zwingt, damit sie die Körper
in den Meereswellen kühlen?

In der kleinen Schiffsjolle schaukeln Iönsson
und Persson. Sie haben die Ruder eingezogen
und werfen beide die Kleider ab — Iönsson zu-
erst. Nun steht er völlig nackt vor Persson, um
im Meere Kühlung zu suchen — steht splitter-
nackt vor Persson, mit der tätowierten kleinen
Schlange mitten auf dem Leib — mitten auf
dem Leib! — Vor Persson! —

Perssons Erinnerungen an die Schäferstunden
bei Frau Lydia erwachen alle zu neuem Leben
und verdrängen andere Erlebnisse bei dem An-
blick der Schlange, die mitten auf Iönssons Leib
tätowiert ist — mitten auf Iönssons Leib hier
vor Persson!

„Das ist ja — Teufel noch mal! — Genau
wie bei Lydia!" ruft Persson aus und weist
mitten auf die Schlange mitten auf Iönssons
Leib. „Seid Ihr Zwillinge, Du und Lydia? —
Beim Teufel! — Das ist ja Lydias Schlange
mitten auf Deinem Bauch!"

Bleich, wie gelähmt steht Iönsson in der
Jolle. Mit großen Augen starrt er Persson an.

-„Wann hast Du — Lydia gesehen?" stöhnt

er voll Angst.

„Im Herbst — eines Abends — Das ist ein
Teufelsweib! — Und dann diese Schlange mitten
auf ihrem Bauch! — — Seid Ihr Zwillinge,
Du und Lydia?" ruft Persson Iönsson nach,
der einen Kopfsprung macht in den Stillen Ozean
hinaus.-

Vergebens wartete Persson auf Antwort.
-Iönsson blieb fort.-

„Er ging zu Grund," sagte Persson.

„Er ging zu Gott," sagte Lydia hinter dem
Witwenschleier, der ehrbar Perssons Kind ver-
barg, das unter ihrem Herzen hinter der Schlange
wuchs — dem Zeichen der Sünde in paradie-
sischer Lust. (Autorisierte Übersetzung

aus dem Schwedischen von Rhea Sternberg)

J3cr )2>aum

Von Helmut!) tcn Moor

Eines Tages sagte der alte Merzbacher:

„Wir müßten ihn cigciitlid) schlagen-

es wächst bald nichts mehr auf dieser Seite vom
Haus."

Sie standen beide im Gemüsegarten. der alte
und der junge Merzbacher, und sahen auf die
Btlche, deren Äste von dem unendlich feinen und
zarten grünen Hauch des erstell Frühlings um-
schimmert waren. Es war richtig, selbst das Gras
kam nur noch kümmerlich fort. Zwanzig Meter
weit sandte der Riese seine mächtigen Wurzeln
aus, alle Kraft des Bodens beanspruchte er im
Herrenrecht für sich. Die Johannisbeeren wollten
nicht mehr reifen, die Erdbeeren verkümmerten,
was man an Kohl geerntet hatte, war kläglich
gewesen. Der Baum mußte fort. Aber der
junge Merzbacher dachte daran, daß er im Herbst
hinter dem Stamm die Lotte zum erftenmat
geküßt hatte, und einmal wollte er ihn doch noch
grün werden sehen.

„Im Herbst, Vater-Freilich muß er

fort. Aber für diesen Sommer ist 's doch zu spät."

Er küßte die Lotte unter dem grünen Baum,
wie er sie beim Fallen der Blätter geküßt hatte.
Im Hochsomnler aber mußte er unter die Waffen.
Er war bei Weißenburg dabei — bei Wörth —
bei Spichern. — — Ein Bajonettstich warf ihn
nieder. Acht Wochen hatte er sich im Lazarett
zu quälen, alles Elend der Einsanikeit und der
Fremde durchkostete er, ehe er als dienstuntaug-
lich entlassen wurde — halb geheilt, halb siech.

-Nun schleppte er sich von der Bahnstation

her über die verschneite Landstraße. Die Augen
schmerzten ihn, sie vertrugen das Schneelicht nicht
nach der langen Zimmerhaft, aber er strengte

doch seine Blicke an.-Den Kirchtum sah

er schon lange. Und das Dach vom Bruckbräu.
Und wenn er über jenem Hügel dort war, dann
nmßte er das Elternhaus sehen. — — Er war
nicht froh. Wer weiß, wie er die alten Leute

finden würde, und die Junge.-Er hatte

so viel Hartes gesehen, in ihm war noch jene
finstere Unruhe der Nächte nach den Schlachten,
ihm gellten noch die Todesschreie im Blut, ihm
hatte sich der Blick des Menschen zu tief in die
Seele gefressen, der ihm das Bajonett in die

Brust stieß.-Langsam und schwerfällig stapfte

er den Hügel hinauf. Und stand da oben, auf
seinen Stock gestützt, und die blinzelnden Augen
feuchteten sich.-Hoch ragte das weiß ver-

schneite Dach auf. Davor aber breitete es sich
mächtig, schien ihm tausend Arme entgegen zu

strecken.-Eine Stunde später ging er mit

dem Alten, dem die Hände ein wenig zitterten,
durch den Garten. Und sagte gleichmütig:

„Du hast ihn doch nicht schlagen lassen."

„Nächstes Frühjahr dachte ich-"

Aber im nächsten Frühjahr sprach keiner da-
von. Der Junge meinte nur, man sollte am
Ende die Johannisbeeren einmal versetzen. Hinten
beim Stall wär's sonnig genug. Und der Alte
grub stillschweigend die Erdbeeren aus und legte
neue Beete an. — — Als der Wind die welken
Blätter wieder über den Zaun wehte, machte der
junge Merzbacher Hochzeit. Und die neue Bäurin
wollte so allerlei anders gemacht haben und an-
ders eingerichtet — wie das so geht. Und als
der Schnee wegging, da meinte sie: den Baum
am Eck, den müßten sie wohl schlagen — wie
sollte denn da ein ordentliches Gemüse wachsen.
Dem Bauern wurde es ein wenig wunderlich zu
Mut. aber er stimmte doch zu. Freilich, man
konnte ja doch den Garten nicht brach liegen

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Wilhelm Klemm: Altes Wappen
Helmuth ten Moor: Der Baum
Fritz Burger-Mühlfeld: Ex libris
Erik Juel: Die Schlange im Paradiese
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