Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Königin, jetzt wurde sie Vicomtesse de Sorgan.
Aber diese Einzelheit habe ich dem Vicomte nicht
erzählt.

Morgen verlassen wir das alte reizende Schloß.
Ich bedauere es, wir haben eine sehr hübsche Zeit
hier verlebt. Aber Paris ist nur auch lieb.

Der Vicomte wird diesen Winter auch in Paris
verbringen. Seine Tischnachbarin lebt auch dort.

Ob es was wird zwischen den beiden? Sie
ist ja reizend . . . Cherie, wie unpraktisch seid
Ihr Deutschen doch, soviel Gefühl zu haben. Ge-
fühle finb eine unnötige Komplikation des Lebens
— ein Luxus, der nicht zur Behaglichkeit beiträgt.

Gewöhne Dir diesen Luxus ab, petite. Ich
gebe Dir den guten Rat.

Deine Ines.

* * *

12. März 1912.

Sei nicht böse, cherie, daß ich Dir monatelang
nicht sd)rieb. Aber Paris war so schön diesen
Winter, es blieb für nichts außerhalb Paris, auch
nur ein Stündchen Zeit. Nie sind die Feste so
glänzend gewesen, und nie bin ich so gern zu
Festen gegangen.

Der Vicomte hat refüsiert — er hat die rei-
zende Witwe nicht geheiratet. Ihr Handgelenk
ist 3 em zu dick, soll er gesagt haben. Außer-
dem ziehe er es vor, sich seine Frau selbst aus-
zusuchen. Das gefällt nur auch.

Es gefällt mir eigentlich alles an ihm. Er
hat viel esprit und einen Einschlag von Gefühl.
Letzteres wirkt bei ihm gar nicht wie eine un-
nötige Komplikation, sondern wie eine hübsche
Dekoration des Lebens. Wir sind oft zusammen,
er macht mir sehr den Hof, aber gar nicht über-
trieben und auffällig. Es spielt bis jetzt nur
zwischen uns beiden. Ohne Familienbeirat. Ganz
so hatte ich es mir immer gedacht: selbständige
gegenseitige Neigung.

Der Vicomte tanzt ausgezeichnet. Du weißt,
ich habe ein kaible für gutgewachsene Tänzer.
Er ist der bestgewachsene, den ich kenne. Groß
und schlank, ohne auch nur im geringsten deka-
dent, wie erschöpfte Rasse auszusehen; dies ist
ja so häufig bei uns der Fall. Ich mag das garnicht.

Zum erstenmal in biefem Winter habe ich
heute einen Tag frei ohne irgendwelche gesellige
Verpflichtung. Ich benutzte die Zeit zu einem
Spaziergang im Bois, von dem ich eben erst
zurückgekommen bin. Oh, es war wunderhübsch
draußen. Man hatte das Gefühl, als wolle es
schon Frühling werden. Die Luft war so weich.
Der Hinunel, unser zarter, nuancierter Pariser
Himmel, der wohl schuld daran trägt, daß wir
so raffiniert und differenziert sind, flimmerte in
tausend Farbentönen. Grau, blau, weiß, gelb,
grün, golden und rosa, sogar violett war er.

Ich hatte mir einen dicken Veilchenstrauß vorn
an meinen Sealskinmantel angesteckt. 3rt allen
Straßen und Boulevards werden schon Wägel-
chen herumgeschoben, auf denen die Veilchen und
Mimosen aufgehäuft sind. Zu hübsch sind diese
Farbenflecke in unseren grauen Straßen. Umso-
mehr als die Modefarbe für Mäntel diesen Winter
schwarz ist, und die Farbe der Toiletten voll-
ständig fehlt.

Der Bois war sehr besucht. Aber ich bin,
von meinem Diener gefolgt, einsame Wege ge-
gangen. Ich glaube, das geschah zum erstenmal
m meinem Leben. Merkwürdig übrigens, wie
I)übfd) einsame Wege sein können. Aber wahr-
scheinlich finb es auch nur meine Gedanken ge-
wesen, die mir die Wege so hübsch erscheinen
ließen. Denn ich war sehr fröhlich heute im Bois,
meine Gedanken waren wie goldene Schmetter-
die in der Sonne taumelten.

Wie reizend ist das Leben, nicht wahr, cherie?

Ich umarme Dich

Deine Ines.

* * *

A. Fiebiger

CourdcsprieTtcr

„Der Herr bewahre uns vor Rrieg, Pestilenz,
Hungersnot und deutscher Gründlichkeit!"

P., den 15. März.

Chere Cherie!

Ich kann nicht schlafen, obgleich es bald drei
Uhr nachts ist. Da schreibe ich Dir denn.

Nach einem Diner kamen wir heute Abend
in die Grande Opera. Meine Freundin mit
ihrein Gatten unb ihrem Hofstaat und id).

Die Oper war schon zu Ende; aber „Coppelia“,
das Ballett, sollte noch gegeben werden. Wir
hatten die redete Parterre-Loge innerhalb des
Bühnenraumes. Die kleinen Ballettdamen standen
bisweilen direkt neben unserer Loge, berührten
ihre Brüstung. Ich nwd)te diese Loge immer
besonders gern.

Eben war der Vorhang vorgezogen worden,
da trat de Sorgan in die Loge. Es war ver-
abredet, daß er kommen sollte. Nach der Be-
grüßung trat er neben meinen Stuhl und sah
starr und aufmerksam auf die Bühne. Id) hätte
mich lieber mit ihm unterhalten. Vor uns tanzte
gerade die Primaballerina entzückende Figuren.
Sie sprang nad) rechts, sie tanzte nad) links, mit
einem Male stand sie vor unserer Loge. Sie hob
das Beili unb legte die Fußspitze leidet auf die
Sammet-Brüstung, dabei bog sie den Kopf, einen
feinen, wilden Südländerinnenkopf, nach uns zur
Seite, und ich habe das ganz deutlich gesehen —
dabei sah sie de 8organ mit einem bedeutungs-
vollen Blick an und neigte leicht, oh, nur sehr
leidst den Kopf. Ich habe es genau gesehen,
obgleid) diese Bewegung und der Blick kaum
eine Sekunde gewährt haben. Beides bedeutete
eine Zustimmung ihrerseits, das habe id) genau
verstanden. Er hat ihr in demselben Augenblick
zugenickt, id) fühlte es deutlich, obgleid) id) sein
Gesid)t nicht sah. Ich hätte gern zu ihm hinge-
blickt, aber id) konnte mid) nid)t bewegen in dem
Moment. Ich war ein bißd)en, nein, id) war
ganz erstarrt.

Die anderen in der Loge haben es aud) ge-
sehen. Der Gatte meiner Freundin hat ihm
lachend eine Bemerkung ins Ohr geflüstert beim
Hinausgehen. Mir war sehr wenig wohl zu
Mute.

C’esl une betise, cherie, id) weiß es, aber
ich kann nun mal heute abend nicht einschlafen.
Id) bin dod) keine Sentimentale, und id) kenne

dod) das Leben, und ich habe keine, gar keine
Illusionen mehr. Ich müßte blind, taub nnb
idiot sein, wollte id) welche haben.

Und dod). —

Id) liebe ihn, und id) dachte, er liebte mid)
aud), mid) allein. Id) glaubte — vielleicht aber
denkt das jede Frau, die liebt — mein Liebes-
roman würde eine Ausnahme sein....

Weshalb hast Du mid) aud) in der Pension
so angesteckt mit Deinen romantisd)en Idealen
von Liebesheirat, Monopassion, Treue und so
fort? Id) wollte, ich wäre so wie tausend andere
Frauen und Mädchen hier bei uns, dann würde
id) gelad)t haben und könnte jetzt sd)lafen und
hätte nid)t diesen unangenehmen Druck im Hals,
der wie ein Sd)luchzen ist.

Bonne nuit, cherie. Id) kann nid)t mehr
schreiben, denn id) bin so matt. Leb wohl. Hab
Du lieb

Deine Ines.

* ❖ *

25. März.

Mignonne!

Que vous etes delicieuses, vous jeunes
Allemandes! Id) halte Deinen so lieben und
guten Brief in den Händen und muß läd)elm
Du bist dod) ganz das sd)wärmerische, ideale
Mädd)en geblieben, das id) in der Pension so
gern ein bißd)en bemutterte, obwohl es zwei Jahre
älter war als id).

Du sprichst tieftraurig von meiner zerstörten
Jugend, meinem zerstörten Glücksglauben und
meinem gänzlich erstickten Glauben an die Mensch-
heit und von der Sündhaftigkeit der Welt.

Cherie, seit gestern bin id) mit Charles de
Sorgan verlobt.

Id) war eben sehr müde all jenem Abend
nad) dem Ballett. Mein Brief war wohl furchtbar
elegisch? Ja, wenn man nid)t sd)lafen kann....

Am Morgen nad) jener Nad)t ritten Charles
uild id) sd)on um 10 Uhr im Bois spazieren.
Id) hatte mir 1 Liter hau de Cologne mehr
als gewöhnlid) in mein Bad gießen lassen und
der Masseuse Befehl gegeben, red)t energisd) zil
arbeiten. So merkte man mir llid)ts an von der
sd)laflosen Nad)t.

Am Abelld dieses Tages auf einem reizenden
Ball in der Rue de Varennes erklärte sich Charles.
Eine Wod)e lang ließ id) ihn auf Antwort warten.
Alls Rache. Ich habe nie einen Augenblick ge-
zweifelt, ob id) ja sagen wollte.

Bist Du entrüstet? Verstehst Du Deine Freundin
garnid)t? Id) will Dir erklären, petite. Weißt
Du, ich benhe in gewissen Punkten anders wie
Du, wenn id) auch, nun ja, wenn id) aud) sehr
romantisch war bisweilen. Mit Glauben an die
Menschheit, Glüdlsglauben und sold) hohen Sad)en
habe ich mid) übrigens nie abgegeben.

Id) glaube an mich, und meine Mad)t. Id)
liebe meinen Verlobten, ich habe Temperamellt,
ich bin sd)ön, sd)öner als die reizende italienische
Primaballerina. Und id) will. El cela suffit.
Er wird mich lieben.

Außerdem haben wir gleichen Geschmack und
gleiche Kultur. Ob das nicht vielleid)t das festeste
Bindeglied ist zwisd)en Menschen?

All dies verstehst Du natürlid) nid)t, petite
cherie. Aber das tut nid)ts.

In drei Wochen ist Hod)zeit. Nur Faubourg
St. Germain ist eingeladen. Und Du, mignonne.

Es erwartet Dich

Deine glückliche Ines.

* ❖ *

P. 8. Aber bitte schreib mir ilid)1 mehr von
Deinen Idealen usw. Das paßt hier nid)t her.
Id) mag es aud) nid)t hören. Also lasse es, bitte.

Je t'embrasse, meine süße Kleine!

Ines.
Albert Fiebiger: Lourdespriester
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