Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

Page: 862
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1913_2/0064
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Wnder, flinöer! Me soll öns noch enden?

Eine Balkan-Jeremiade

Grad' als rührte man gebrannten Kalb an,
Also gährt 's und brodelt auf dem Balkan,

Alle Völker dort iln Wetterwinkel
Kräh'n und kollern Zornig, wie die Hinkel:

Erst in idealem Kreuzzugswirken
Hackten ihrer Viere auf den Türken,

Aber als es galt, den Fraß zu teilen,

Fing man an, sich wütig zu verkeilen:

Die Hellenen, Serben und — o Iegerl! —

Das kleinwinzig freche Montenegerl,

Wollen die Bulgaren jetzt zerreißen,

Auch Rumänien fängt schon an zu beißen,

Und der Türke, der noch just verhau'ne,

Wartet mit dem Knüppel hinterm Zaune. . .

Schrecklich sind die Komplikationen,
Die noch möglich sind in jenen Zonen:
Möglich ist's, wenn jener Streit geschlichtet,
Daß der tolle Balkanzorn sich richtet
Wider Serbien, daß mit den Rmnänen
Griechen und Bulgaren wie Hyänen
Samt dem tapfern Rikita sich sterzen
Auf den Peter, grimme Wut im Herzen!
Oder aber, daß eimnal die Griechen
Mit den Türken, den zwar etwas siechen,
Und Albanien plötzlich sich verbünden
Und dem Slavenbund den Krieg verkünden:
Oder daß sich alle drauf erpichten,
Montenegro meuchlings zu vernichten,
Tückisch, plötzlich, ohne erst zu klingeln,

Oder daß Rumänien sie umzingeln,

Eh' es sich zur Wehre setzen konnte,

Serben, Griechen, der Bulgar und Monte-
negro. — Oder, daß das letztgenannte
Jählings in Erobrungslust entbrannte
Und dem ganzen Balkan miteinander
Krieg erklärt: ein neuer Alexander
Wird dann Rikita im Ruhmesglanz sein,
Triumphierend zieht er in Byzanz ein.

Oder: Hand in Hand mit allen Serben,

Will Rumänien Griechenland verderben;

Oder der Albaner Kriegerscharen
Schließen einen Bund mit den Bulgaren
Und die Türken und die Herrn Hellenen
Werden unterworfen dann von jenen,
Während diese miLde'm Schwert,

dem scharfen,

Serben und Rumänen unterwarfen;

Oder aber Ferdinand der Große
Unterjocht einmal die ganze Chose,

Richtet erst den gräßlichsten Tumult an,

Tritt zum Islam über und wird Sultan;
Möglich wär's auch, daß die kühnen

Griechen

Mit Rikita einen fürchterlichen
Zweibund schließen und zu Mus

zerreiben

Alle Völker, die dazwischen bleiben;

Oder aber: Türken, Griechen, Serben,
Monteneger und Bulgaren gerben
.Den Rumänen einmal ihre Häute —

Wenn es dann zur Teilung kommt

der Beute,

Will der Serbe dies, der Grieche jenes,

Der Bulgar natürlich auch was Schönes
Und aufs neue dann mit einem

Mal kann

Kuddelmuddel los fein auf dem

Balkan!

Ach die Variationen — das ist

schändlich! —
Die sich dann ergeben, sind unendlich:
Denn da ist noch England und der

Zweibund,

Ostreich rührt sich — zu ihm steht

der Dreibund.

Wenn den Serben nun als kühner

Ritter

Frankreich hilft mitsamt dem

Moskowiter,

Zu Rumänien Ostreich und zu jener
Seite sich dann schlügt der Italiener,

Wenn Radau dann macht der Tschechen Rotte

Und sich drein mischt noch die Schweizer Flotte

Und Bulgarien etwa mit den Türken

Sich vereint in östlichen Bezirken

Und bei dieser wüsten Kontroverse

Auf der Leier spielt und an der Börse

Rikita mit ruhmgekrönten Händen —

Kinder! Kinder! Wie soll das noch enden?

Pips

*

Deutsch-englische Verständigung

Michel: „Hörst Du der Suffragetten Getös?"

John Bull: „Sie sind nur, wie alle Damen,
nervös."

Michel: „Sie schmeißen Dir die Fenster ent-
zwei."

John Bull: „Der Engländer ist eben frei."

Michel: „Sie zünden Dir ja die Häuser an."

John Bull: „Wir haben ja mehr, was liegt
daran?"

Michel: „Sie haben sich schon Bomben ge-
lötet."

John Bull: „Sie haben noch keinen Menschen
getötet."

Michel: „Da sind ja Tiger leichter zu zähmen."

John Bull: „Man muß nicht alles zu tragisch
nehmen."

Michel: „Sie haben begonnen, die Rennen
zu stören."

John Bull: „Wie? Was? Die Rennen?
— Hängt die Megären!"

Frido

*

VTeuee vom Rriegsschauplay

Weshalb so heiß nach den Depeschen rennen
Und so viel Eifer der Lektüre weihen,

Da wir den Inhalt doch schon vorher kennen:
„Heut' siegten wieder sämtliche Parteien."

Karlelien

Berliner im Hofbräuhaus
„Dat müssen So doch zujeben, dat det bille Bier an der Versimpe-
lung der Bayern schuld is!"

„So! Und was für Milderungsgründ' hätten nachher Sie für sich
anzuführen?"

Die Vrobe

Der Kultusminister hat dem modernistischen
Universitätsprofessor Schnitzer einen Lehrstuhl für
Philosophie überlassen. Die Zentrumspresse ist da-
rüber außer sich und greift den Minister scharf an.

Ja, liebe Brüder, das gibt neuerlich
Zu denken! Immer wieder dieser Schnitzer?
Wohin entwickelt euer Knilling sich,

Der teure Kultusportefeuillebesitzer?

Entwickelt er sich heller? Färbt er gar
Am Ende ab gleich einem Schornsteinfeger?

Er, der so schwarz wie Pichlers Leibrock war
Und unverwüstlich schien wie Kongoneger?

Das wär' ein Reinfall, Kinder! In der Tat!
Ihr habt ihn doch für echt gekauft, den Knilling^
Und gabt, als ihr zuvl erstenmal ihn saht,
Begeistert den verlangten Lobesschilling.

Und jetzt? Betrübt fragt sich der fromme Christ:
War etwa das Geschäft nicht wert die Spesen?
Ist er am Ende heimlich Modernist?

Wär' dieses Schwarz vielleicht nicht echt gewesen?
Ich rat' euch: Wascht ihm gründlich

mal den Kopf!

Das zieht, verehrliche Ministerstärzer!

Was dann erbleicht, war aus dem falschen Topf —
Der echte Schwarze aber wird noch

schwärzer!

* A. De Xora

Das neue Militär-Strafgesetzbuch

Da es sich herausgestellt hat, daß alljährlich
bei d der Bewilligung des Militäretats der aus
Zivilisten bestehende Reichstag Anfragen an den
Kriegsminister zu richten wagt, und da andrer-
seits anläßlich des Erfurter Falles in einer an
Erpressung grenzenden Weise der Regierung eine
Revision des Militärstrafgesetzbuches abgenötigt
wurde, hat das Kriegsministerium den jüngsten
Leutnant Egon von Siehstdewohl beauftragt, die
oftverlangten neuen Paragraphen für das Militär-
strafgesetzbuch auszuarbeiten. Der Herr Leutnant
hat sich dieser Aufgabe unter Zuhilfenahme der mo-
dernsten juristischen Standard-Werke, wie z. B. der
Karolina, und einiger Pullen Sekt pflichteifrig
unterzogen und durch seinen Burschen die folgenden
Paragraphen dem Reichstag zur sofor-
tigen Bewilligung überreichen lassen:
§1. Die Zivilmenschen unterstehen
am Tage der Kontrollversammlung dem
Militärgericht nur bis zum Schluß der
Kontrollversammlung.

Erläuterungszusatz: Die Kon-
trollversammlung dauert lebenslänglich,
kann aber in besonderen Fällen auch
auf das Jenseits erstreckt werden.

§ 2. Bei Soldatenmißhandlungen
werden als Mindeststrafe 14 Tage Ge-
fängnis festgesetzt.

Erläuterungszusatz: Natürlich
ist der beschwerdeführende Soldat,
nicht etwa der mißhandelnde Vorgesetzte
der Strafbare.

§ 3. Damit das Duell endlich aus-
gerottet wird, werden Duellanten nicht
mehr mit Festung, sondern mit Ge-
fängnis und Degradation bestraft. t
Erläuterun gs zufatz: Dieser

Paragraph gilt natürlich nur für nicht
erwischte Duellanten. Erwischte Duel-
lanten werden zur Belohnung für be-
wiesenen Mut in die nächsthöhere Rang-
klasse befördert.

Für den Fall, daß der Reichstag
überraschender Weise nur die Para-
graphen, nicht aber auch die Erläute-
rungszusätze annehmen sollte, hat Herr
Leutnant Egon von Siehstdewohl noch
folgenden Paragraphen vorgesehen:

§ 4. Urteile nach obigen drei Para-
graphen sind nur dann rechtsgültig,
wenn dem Gerichtshöfe mindestens zehn
jüdische Majore angehörten.

Karlelien

Iv. Arnold

862
Karlchen: Das neue Militär-Strafgesetzbuch
Karl Arnold: Berliner im Hofbräuhaus
Frido: Deutsch-englische Verständigung
Karlchen: Neues vom Kriegsschauplatz
Pips: Kinder, Kinder! Wie soll das noch enden?
A. De Nora: Probe
loading ...