Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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-ArKeiteröik-ung

Als ich zum erstenmal euch sah —

Mit offnen Augen, hartem Munde,

Im Stehen, Sitzen, stumm und starr,
Durch eine lang gestreckte Stunde
Auffangen gierig Wort für Wort
Und Satz für Satz dann überlegen,

Da wußte ich im Augenblick:

Mag auch die Zeit sich schwer bewegen,
Und mögt ihr auch die Ärmsten sein,

Sei auch viel Wahn in eurem Hoffen:
Das steht so fest wie Stahl und Stein,
Die Welt, die kommt, die steht euch offen.

Fritz Gänger

Meinem Rind

Der langen Wimpern dunkler Saum
Liegt angeschmiegt des Bäckchens Flaum,
Und noch im Schlafe hält die Hand,

Den kleinen, bunten Ball umspannt,

So nimmst vom Gestern Du ins Heute
Schon beim Erwachen Deine Freude.

Und wenn Dich Wind und Sturm umbraust,
Halt fest,, halt fest Du kleine Faust,
Durch Nacht zum Morgen halte fest
Vergangner Freuden lichten Nest!

So mag Dein Blick am trüben Morgen
Vom frohen Gestern helle borgen.

Grete Maier


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Frankfurt: am Main

Max Frey

Zwei Rosen

Prächtige weiße Rosen standen im Garten
hinter dem Pfarrhaus. Es waren die Lieblings-
blumen der Frau Pfarrer; viel Mühe und Ge-
duld hatte sie auf ihre Zucht verwandt und ihre
Rosen waren berühmt geworden, sodaß die Gärt-
ner von weither kamen, sie zu sehen.

Sie bewunderten die schneeweiße Blätterfülle,
die man sonst noch nie gesehen hatte, aber sie
waren doch enttäuscht. Der Duft fehlte, der Duft
und die Farbe, die erst die Rose machen.

Zum Geburtstage der Mutter hatte die brave
Tochter die größte und schönste von allen ge-
pflückt. Jetzt stand sie traurig im Kelchglas schon
seit acht Tagen, und jeden Morgen bekam sie
frisches Wasser und jeden Morgen wurden die
welken Blätter am Rande abgepflückt.

Und immer noch blieben genug der weißen
Blätter und immer wieder kamen die Tanten
und Verwandten und staunten, und bewunderten
die prächtige Rose.

Wenn aber der Pfarrer ins Zimmer kam,
dann riß er das Fenster auf und blies einen
tüchtigen Zug aus seiner langen Pfeife hinein; er
konnte den Geruch der sterbenden Rosen nicht leiden.

Da war eine rote Rose. Die war am Rande
eines wilden Parkes aufgewachsen und streckte
ihre zarten Zweige sehnsüchtig durch das schwere

Eisengitter-eine verirrte Rose, die kämpfen

mußte um Licht und Nahrung. Ein loser Bursch
kam des Wegs, der pflückte die junge Rose und
dem Mädchen, das im Sonnenschein daher kam,
steckte er sie ins schwarze Haar.

Am Morgen lag die Rose am Boden,. rot
und duftend wie am Abend. Aber die weißen
Finger des Mädchens zerpflückten die roten Blät-
ter und eins davon mitten aus dem Kelch gab
sie ihm mit auf den Weg und fragte nicht, ob
er ihrer gedenken würde.

Friedrich Schultz

Stein

Von R A. Junge

Große Ereignisse entstehen nicht aus einer
Ursache, und die Schicksale der Völker sind mit
unzähligen Ketten und Bändern aneinander ge-
knüpft. Es gibt Glieder, die man sich hinweg-
denken kann, ohne daß in dem großen Gewebe
der Welthistorie eilte dem Auge der Nachwelt
sichtbare Änderung eintritt, und es gibt andere,
deren Fehlen gleichbedeutend ist mit einer Ver-
neinung der Ereignisse überhaupt.

Einige der in diesem Jubeljahr des nationalen
Befreiungskampfes von patriotischen Markt-
schreiern gepriesenen Namen könnten fehlen, ohne
daß die Ereignisse einen anderen Gang genommen
hätten. Ohne den Namen Stein wäre der große
Volkskrieg, das heutige Preußen, das heutige
Deutschland, so wie es geworden ist, unmöglich.
Und wenn wir seine Kameraden bei dem großen
Befreiungswerke, die tapferen und noch von den
Nachfahren geliebten und bewunderten Helden
Scharnhorst und Gneisenau nicht trennen
können von der Wiederaufrichtung Preußens und
der deutschen Nation, so ragt doch die Gestalt
dieses letzten Reichsritters in ihrer allumfassenden
Größe und trotz den ihr anhaftenden Mängeln
weit über alle hinaus, die mit ihm an der Er-
neuerung Deutschlands und Europas gearbeitet
haben und noch viel mehr über die, welche ihn
von dieser Arbeit selbstsüchtig und mißtrauisch
wegzudrängen suchten.

Nur einen gibt es, mit dem er sich maß und
an dem man ihn heute messen muß, wenn man
zu einem rechten Ergebnis kommen will, das ist
sein großer Widersacher Napoleon, den er vom
Standpunkte seiner religiösen Ethik, seiner un-
erbittlichen Wahrhaftigkeit und seiner unzerstör-
baren Liebe zu Deutschland wie einen von der
Hölle losgelassenen Dämon haßte, aber nicht
fürchtete.

Die große Höhe im Leben Steins worp» v
Monate des Winters von 1812 auf N D?
waren die Höhepunkte seiner Lebensarbeit'''^^
der Geächtete nach dem Fall von Moskau ?5
Zaren und seine Umgebung durch SV?
seiner leidenschaftlichen Beredsamkeit und N
politischen und militärischen Gründe bewoa
immer wiederkehrenden Anwandlunaeu foL!?
wütiger Zaghaftigkeit zu widerstehen und bK
letzten Ende weiterzukämpfen; als er ihn S?
gegen dem Rat der Altrussen, die an der Kreml
Halt machen wollten, mit sich fortriß zur ftJSe
setzung des Krieges auf deutschem Boden - als r
die Ostpreußen zum Aufstand gegen den mit ibrem
König verbündeten Bonaparte aufries und di/
ihm trotz dem Widerstreben der Beamten h!
Königs folgten; als sich der Aufruhr gegen hl
Fremdherrschaft wie ein unwiderstehlicher Strom
von Osten her weiter über die preußischen Lande
wälzte, und endlich, als er der Finassierunos-
politik des preußischen Unterhändlers Knesebeck
mit kühneni Streich ein Ende machte, indem er
selbst trotz der über ihm schwebenden Acht mit
einem Abgesandten des Zaren nach Breslau
ging, wo der König und sein Staatskanzler
Hardenberg den Bündnisvertrag mit Rußland
Unterzeichneten.

Aber die Höhen lagen dicht bei einander und
nur kurze Zeit stand er auf diesem Gipfel. Dock
auch, was er aufsteigend vollbrachte, sicher
seinem Namen die Unsterblichkeit.

Freilich seine Anfänge zeigen ihn zwar als
einen klugen, ungemein tätigen und über das
gewöhnliche Maß hinaus gewissenhaften und ge-
bildeten Beamten. Aber im kleinen Kreise ver-
mochte er wohl in der Richtung zu wirken, die
er auch später einhielt, der große Reformer
konnte er erst werden, nachdem ihn der König
von Preußen, durch die äußerste Rot des
Staates getrieben, zu dessen Leitung berufen
hatte.

Einern Staatsmann, der weniger auf die kate-
gorische Pflicht seines Amtes, mehr auf die Er-
langung persönlicher Macht bedacht gewesen wäre,
als dieser, wäre seine Berufung als ein Triumph
erschienen. Denn acht Monate vorher hatte ihn
derselbe König, der ihn jetzt an die erste Stelle
rief, „als einen widerspenstigen, trotzigen, hart-
näckigen und ungehorsamen Staatsdiener, der
auf sein Genie und seine Talente pochend, weit
entfernt, das Beste des Staates vor Augen zu
haben, nur durch Kapricen geleitet, aus Leiden-
schaft und aus persönlichem Haß und Erbitterung
handele," fortgeschickt und ihm angekündigt, daß
der Staat keine große Rechnung auf seine fer-
neren Dienste machen könne, wenn er nicht „sein
respektwidriges und unanständiges Benehmen zu
ändern willens sei." Dieses respektwidrige und
unanständige Benehmen lag in der freilich herben
Art, mit der er einen Ministerposten ausgeschlagen
hatte, weil nicht zuvor die Regierung anders ein-
gerichtet und ein Kabinettsrat, um dessen Namen
sich heute ohne diesen Konflikt niemand kümmern
würde, entfernt worden war.

Stein ging nach Nassau, um seine schwer er-
schütterte Gesundheit wieder herzustellen, nachdem
er sich in einem Briefe voll bitterer Ironie vom
König verabschiedet hatte. Aber sein „Benehmen
änderte er nicht, sondern verfaßte in Heiner Ein-
samkeit seine große Denkschrift über die Erneue-
rung des Staatswesens, dessen König ihn soeben
in ungnädigster Form verabschiedet hatte, W
kümmerte diesen Freiherrn, der sich auch trog
der Mediatisierung seines alten Famikenbesitze
noch als Freier und als Herr fühlte, der vorn
eines Königs, dessen Art, ihn zu fürchten, spa e
für ihn eine befriedigende Grundlage für >ei
Tätigkeit war. —

Der Mann, der nach seinen eigenen Worten
„nur ein Vaterland hatte, das Deutschland m »
und dem „die Dynastien in diesem Augenb
großer Entwickelung vollkommen gleloW J
waren", hatte nur ein Ziel, die deutsche Rat
mündig, frei und groß zu machen,
ihm Preußen srerkch mehr als em Wernz J

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Grete Maier: Meinem Kind
Max Frey: Frankfurt am Main
K. A. Junge: Stein
Friedrich Schultz: Zwei Rosen
Fritz Sänger: Arbeiterbildung
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