Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Belauschtes Gespräch

Bethrnann: „Und nun, Majestät, wurde ich
Vorschlägen, für den Schluß des herrlichen Jubi-
läumsjahres dem deutschen Volke noch eine ganz
außerordentlich freudige Ueberraschung zubereiten!"

*

Deutsch - russischer Luftverkehr

Immerfort bescheußen
Diese Herren Reußen
Mit den Kugelspritzen
Unsre Luftballone ganz gemein —

Aber niemals söht man
Herrn von Hollweck -Böthmann
Sich darob erhitzen
Oder offiziell entrüstet sein.

Gibt es gegen diese
Russischen Geschieße
Keine Staatsaktionen,

Wie es gegen die Franzosen gibt?

Oder gilt's als höh're
Ganz besond're Ohre
Unfern Luftballonen,

Wenn der Reuße sich im Schießen übt?

Zwar er trifft ja sölten,

Und die wohlgezölten
Zwei-, dreihundert Löcher
Gehen meistens in die Luft hinein —

Doch ich frage: Müssen
Wir bei diesen Rüssen
Aus freundnachbarlöcher
Dummheit immer die Befchoss'nen feir\?

A. V. X.

*

Wahres Geschichtchen

Ein Ehepaar badet im Meer. Plötzlich er-
hebt „sie" ein furchtbares Geschrei. Moritz, der
Gatte, fragt: „Was schreist De so?" —„Ich Hab
kein Grund, ich Hab kein Grund!" — „Ru, was
schreist De dann so, wann De hast kein Grund?!"

*

Modernste Verlobung

Die Pariser Schauspielerin Polaire trägt neuer-
dings einen goldenen Nasenring und sucht diese von
ihr kreierte Mode weiter zu verbreiten.

Liebste, herrlich ist dies Reue!

Fördern wollen wir's noch mehr —
Schließen wir den Bund der Treue
A la MademÖiselle Polaire!

So einander durch die Rase
Bohren den Verlobungsring —

O, was gibt es uns Ekstase,

Wie kein Paar sie noch empfing!

Was man früher leichthin wieder
Abgestreift im Augenblick,

Hängt nun auf die Lippen nieder
Dauerfest, publik und dick!

Und ein Kuß, du Wunderholde,

Schafft nun doppelt süße Zeit:

Denn es klirrt ein Klang von Golde
Mit in seiner Seligkeit!

HaMsafraaa

Legende

Zur selben Zeit sprach der Herr zu den Balkan-
christen :

„Sehet hin! Die Sonne des Friedens habe ich
euch gesandt, auf daß zu gedeihen vermöge die Saat
der Bruderliebe, wie ihr solche der Welt verkündigt
habet.

So ihr aber hiewegen vielleicht mein Bildnis auf
Briefmarken drucken wollet, wahrlich, ich sage euch:
lasset dieses noch eine Weile hinweg!"

Liebe Jugenä!

Zur Jahrhundertfeier eines kurh. Regiments,
bei dessen Festspiel auch eine Szene aus der alten
Ehattenzeit vorgeführt wurde, las ich auf einer
Diensttafel als Batteriebefehl: \230 Uhr: Frisie-
ren der Chatten.

*

Was ist paradox?

wenn ein Anarchist sich im prinz-Regenten-
Theater königlich amüsiert.

Szeremley

Ienseitssorgen

„Kaum ist der Bebel heroben, streiken schon die
himmlischen Chöre!"

Betrachtungen im Kontor

(Szene aus Berlin C.)

Chef: „Was wär bloß e Spaß geworden, Tut-
penthal, wenn der Kaiser in Lübeck gesagt hätte:
»Nur e guter Christ kann e guter.Kaufmann sei,,!"

*

Der gute Ton

Ein Feuilleton-Artikel der „Münch. Neuest. Nach-
richten" weist darauf hin, daß im Tierreich un-
geschriebene Gesetze des guten Tons beobachtet
würden. So lasse sich ein großer Hund von einem
kleinen mit vornehmer Gelassenheit ungestraft an
kläffen, und an den Tränken der afrikanischen Wildnis
habe kein schwächeres Tier seinen Feind zu fürchten,
vielmehr herrsche dort eine Art friedlicher Rangord-
nung, wobei dem Rhinozeros der Vortritt gelaffen
werde.

O wie muß es innig uns erbauen,

Und wie stärkt es wieder das Vertrauen

Auf die alten Ideale, wenn

Doch das Tier sich zeigt als xentleman!

Denn beschämt ja müssen wir gestehen:

Bei uns selber ist nicht viel zu sehen

In derselben Situation

Vom naturgewollten guten Ton!

Reizt bei uns den großen Klaus der kleine,
Dann zerbeißt ihm jener gleich die Beine,

Und an unfern Tränken erst, eiwaih,
Würgt man sich in rohster Rauferei!

Höchstens eines könnte für uns sprechen:
Auch an unseren Erquickungsbächen
Gönnen oft die Bestien klein und groß
Einen Vortritt dem Rhinozeros ..

Laßt uns denn auf dieser Basis hoffen,

Daß auch uns noch beff're Zukunft offen!
Schließlich lernen wohl den Schliff auch wir
Wie ein jedes andre Wirbeltier.

llorroniaeua

*

-Liebe Jugend!

Der kleine Karl interessiert sich außerordentlich
für die Kriegsereignisse auf dem Balkan und hat
lebhaft für die Türken Partei ergriffen. Großer
Jubel herrscht stets, wenn die Zeitungen einen
Erfolg türkischerseits melden. Eines Abends, Kärt-
chen ist schon zu Bett gegangen, wird ihm ein
Schwesterchen beschert. Der glückliche Papa eilt
an Karlchens Bett und weckt den kleinen Schläfer
mit den Worten: „Karlchen, der Storch hat Dir
eben ein kleines Schwesterchen gebracht!"

„Ich dachte, die Türken hätten gewonnen,"
sprach Karlchen und dreht sich aus die andere
Seite.

*

Blütenlese der „Jugend"

Im Schweinfurter Tagblatt vom 9. August
findet sich folgende „zeitgemäße" Anzeige:

„Almrausch Schweinfurt. Heute Abend Zu-
sammenkunft im Roten Hahn mit unsittlichen
Hosen." #

Aus dem Reife- und Bäderanzeiger des Ber-
liner Tagblatts:

„1026. Beabsichtige, vom 30. Oktober bis
zum 10. Dezember eine Hochzeitsreise zu machen,
erbitte Programm. 3. R.. Türkheim."

Ist das nicht etwas viel verlangt?
[nicht signierter Beitrag]: Wahres Geschichtchen
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
[nicht signierter Beitrag]: Was ist paradox?
[nicht signierter Beitrag]: Blütenlese der "Jugend"
A. D. N.: Deutsch-russischer Luftverkehr
Julius v. Szeremley: Jenseitssorgen
Arpad Schmidhammer: Legende
Borromäus: Der gute Ton
Monogrammist Kreispunkt: Betrachtungen im Kontor
Monogrammist Kreispunkt: Belauschtes Gespräch
Sassafrass: Modernste Verlobung
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