Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Lßevaukegers

00/ so! Philosophie hab'n Sie studiert/ Einjähriger? Na, da wird sich ja der olle Rant freuen,

wenn Sie die Gefreiten - Rnöppe krieg'n!"

In der Nacht überlegte ich mir die Sache.
Und am Morgen, ehe die Sonne Kam, schmückte
ich die Mauerbrüstung mit einer Perlenschnur
von auserlesenen Leckerbissen. Da waren: Semmel-
bröselchen, gestoßener Zucker, Honigtropfen, Milch
auf einem Feigenblatt, geschabtes Fleisch, zer-
riebener Nußkern, Aepfelschnitten, getrocknete
Weinbeeren, frisch getötete Spinnen und Fliegen.
Dann wurde die Terrassentür versperrt, der Schlüssel
abgezogen. Niemand durfte die geheime Be-
schwörung des Glückes stören.

Bei Anbruch der Dämmerung konnte ich un-
anzweifelbar konstatieren, daß der ausgelegte
Köder sich in verschiedenen Rationen vermindert
hatte. Freilich, allerlei Singvögel gab es damals
in Sorrent auch noch — obwohl man in jenem
süßen April viele Tausende geschossen und ge-
fangen hatte.

Am Morgen wurde die verführerische Tafel
neu bestellt.

Um neun Uhr, als die Sonne zu brennen an-
fing, kam das lebendige Sprichwort. Und schmauste.
Und erwies sich bereits als sehr vertraut mit
diesem reichlich gedeckten Tisch.

So kam nun die Eidechse mit der Zwillings-
schleppe Tag für Tag, sogar bei schlechtem Wetter,
wurde vertraut, beinahe zahm — und deutlich
war es zu merken, daß sich ihr schlankes Bäuch-
lein niedlich zu runden begann. Za, es ist eine
schreckliche Eigenschaft des Menschen: wenn er
Tiere lieb hat, zwingt er die wehrlosen sich zu
überfressen.

Die „lueertola colle äue code“ wurde eine
Sehenswürdigkeit der Cocumella, eine Sehens-
würdigkeit von Sorrent. Mich kostete sie man-
chen Soldo. Bincenzo aber, der die Neugierigen
mit meiner Erlaubnis auf die Terrasse führen
durfte, verdiente viel Geld mit meinem großen
Los in Grün.

Ich dachte: „Letzt wird mein flinkes Wunder-
chen wochenlang gefüttert und völlig zahm ge-
macht. Und anl Morgen meiner Abreise fange
ich die Eidechse mitsamt ihrer Naturverirrung
und nehme sie lebendig mit in die deutsche Hei-
mat. Dann ist mir ein Haupttreffer sicher!"

Wahrhaftig, an jedem Morgen kam sie,
immer pünktlich fünf Minuten vor Neun, und
wurde so zahm, daß ich sie fassen durfte. Sie

retirierte nur, bevor sie sich greifen ließ, immer
ein bißchen gegen die Mauerkante. Den Flucht-
weg über die hohe glatte Wand hinunter begann
sie möglicherweise wegen ihres dick gewordenen
Bäuchleins zu vermeiden — wenigstens Hab ich
an mir. selbst die Erfahrung gemacht, daß die
Schwierigkeiten und Gefahren des Mauerkletterns
im quadratischen Verhältnis zur erhöhten Zenti-
meterzahl des Taillenumfanges zu wachsen pflegen.

Hatte ich das Wunderchen gefangen, so blieb
es in meiner hohlen Hand ganz ruhig sitzen, mit
leis tickendem Herzschlag, und guckte mich for-
schend an. Ich glaube, daß die Sonnenreflexe
meiner Brille hypnotisierend auf die Zwieschwän-
zige wirkten. Legte ich dann die Hand auf die
Mauer hin, so huschelte das Tierchen flink über
meine Finger hinaus, schmauste weiter und legte
an seinem Embonpoint wieder einige Milli-
meter zu.

Schließlich machte die Eidechse sich dieses
Schlemmerleben sehr bequem, verbrachte den
ganzen Tag in der Nähe der Leckerbissen, die
ich nach ihrem Gusto zu wählen begann, und
zog sich für ihre Siestastunden und für die Dauer
der Nachtruhe in das Gewirr der Weinranken

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Max Feldbauer

(München)
Max Feldbauer: Cheveaulegers
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