Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Der Gebärftreik

Unsre Zeit ist sonderbar
Und sie treibt barocke Blüten;

Manches Ei sieht man bebrüten,

Welches dann nicht schmackhaft war.

Oftmals wird der Blick gelenkt
Auf ein ganz Verständnisloses —

Etwa jenen Dokter Moses,

Der den Ehestreik verhängt.

Meint er's wirklich gut und nett?

Oder sollt' er ihrer spotten,

Dieser Doktor, der boykotten
Wiege will und Ehebett?

Als Prophet, so steht er da
Stolz auf seinem Rednerstuhle
Und verspult die alte Spule
Weiland der Lysistrata!

Und ihr Fall hätt' doch gelehrt,

Daß in dieser einen Frage
Alle Disziplin versage,

Weil sie allzuviel begehrt!

Weil Gott Eros stärker ist
Als der schönste Doktor Moses,

Der den Streik des Frauenschoßes
Proklamiert als Utopist!

Er blamiert sich dorch und dorch —
Sieghaft über den Parteien
Schwebt trotz allem Veto-Schreien
Rach wie vor der liebe Storch!

Leopold



Lästige Ausländer

In Straßburg ist man wieder einmal empört,
weil vier Musiker eines Pionierbataillons unter
Führung von zwei Offizieren beim morgend-
lichen Abrücken zum Exerzierplatz deutsche
Marschlieder gespielt haben, darunter „Ich bin
ein Preuße, kennt Ihr meine Farben?"! Es ist
in der Tat ein grober Unfug, daß die Preußen
immer noch Farben haben, noch dazu solche, die
sich trommeln lassen, und daß es überhaupt noch
Deutsche in Straßburg gibt. Diese Fremden, die
doch nur geduldet sind, hätten allen Anlaß, sich
mäuschenstill zu verhalten und recht bescheiden zu
sein, denn wo wären sie, wenn sie nicht von den
Straßburgern anno 1870 in die Stadt ausgenom-
men worden wären? Man weiß, wie lange sie
sich damals um den Eintritt bewarben und wie
verhungert und zerrissen sie waren, als sie herein-
kamen! Nicht wahr? Mit echt gallischer Liebens-
würdigkeit werden sie seither beherbergt, weil sie
mit echt preußischer Frechheit nicht mehr weiter-
gehen, aber alles hat seine Grenzen! Wenn es
so fortgeht, wird nichts übrigbleiben, als alle
Deutschen, namentlich die Uniformierten, aus der
gut französischen Stadt auszuweisen. Und bis
auf weiteres ist unbedingt zu verlangen, daß die
Militärmusiker, wenn sie denn doch schon ruhe-
störenden Lärm verüben müssen, — nur die

Marseillaise spielen! a. d. k

*

Liebe lugend!

. 2n einem Lichtbildtheater an der Waterkant
wird die Jahrhundertfeier zu Kelheim gezeigt.
Reben mir amüsiert sich ein biederer Ackerbürger
köstlich über den aktuellen Film. Als die Fürsten
von der Festhalle zum Bankettsaal schreiten, kann
er seinen Jubel nicht zurückdämmen.

„Grotortig," ruft er, „sünd des' Schauspä-
lers! — Süht dei Kier l dor vörn nich
akKarat so ut aß uns' Kaiser?"

Ludwig Kugel

„Zu was soll jetzt i no an Wchibeitrag leist'«?!
Mir stell'« sieb'« g'sunde Buam — dös wird Lach'
gnua sei!"

-i-

Ein Telephongespräch

das jüngst in München stattgefunden, haben wir
zufällig mitgehört und wollen es hier verraten:
„Umsturzpresse dort?... Jawohl, hier Mi-
nisterium . . . Wir bitten ganz ergebenst um Ent-
schuldigung, daß wir Sie in Ihrer Umsturztätig-
keit einige Minuten zu stören genötigt sind . . .
Pardon . . . Wer wir sind? . . . Minister . . .
Rein, nein, bittesehr, nicht „Herr", ganz einfach:
Minister. . . Ach so, Sie legen keinen Wert auf
unsre . . . Wir bedauern sehr, Sie noch nicht
kennen gelernt zu haben ... Es ist mir eine hohe
Ehre, Sie jetzt begrüßen zu dürfen . . . Wie geht
es Ihnen? . . . Und Ihrer verehrten Frau Ge-
mahlin? . . . Und Ihrer lieben Frau Schwieger-
mama? . . Ach so, wir sollen uns kurz fassen? . .
Sehr wohl, bitte ja! Bitte gleich! . .. Also, um
es kurz zu sagen, wir haben unsre Handschrift
verloren . . . Wie, zu einem Nervenarzt? ....
Nach Eglfing? .. . hahaha! Köstlicher Scherz!
. . . Nein, die handschriftliche Aufzeichnung der
Rede, welche in Kelheim gehalten werden soll. . .
Und wir bitten ganz ergebenst und untertänigst,
wenn zufällig der Wind... ja... es geht ein
starker Wind. . . wenn der Wind sie auf Ihren
hochverehrten Redaktionstisch wehen sollte, ....
würden Sie uns den Gefallen tun, lieber Herr
Umfturzredaktör, sie dann nicht vorzeitig zu ver-
öffentlichen? . . . Wie? ... Ja, nicht vorher ver-
öffentlichen . .. weil sonst für die Staatszeitung
nichts mehr zu tun bliebe . . . Oder. .. haben
Sie sie vielleicht schon im Druck? . . . Nein? . . .
Gott sei Dank! . . . Wir sind ja auch zu allen
Gegendiensten bereit . . . Vollmar wählen? . . .
Ja, natürlich! Sehr gern! . .. Eisenbahner wer-
den? . . . Bebel-Gedächtnisfeier? ... Jawohl!
Jawohl. . . Wir haben Sie ja immer sehr ge-
liebt . . . gewiß! . . . Ergebensten Dank! — Herz-
lichen Dank! .... Auf Wiedersehn! Besuchen
Sie mich doch mal in meiner Klause ... Bettinger
wird auch da sein. . . O ja. . Adiö! . . . Adiö,
lieber Freund! ..."

A. I>. X

Der frcmdenlegionär fßüller

Der Fall des deutschen Fremdenlegionärs
Müller, der in Afrika erschossen wurde, ist jetzt
durch die französische Regierung einwandfrei
geklärt:

Erstens ist der Fremdenlegionär Müller nicht
erschossen worden.

Zweitens hat es nie einen Fremdenlegionär
Müller gegeben.

Drittens war der deutsche Fremdenlegionär
Müller, der erschossen wurde, rechtmäßig ver-
urteilt.

Viertens war der Fremdenlegionär Müller,
den es nie gegeben hat, kein Deutscher, sondern
ein Schweizer.

Fünftens hieß der Schweizer, der erschossen
wurde, gar nicht Müller.

Sechstens ist überhaupt auch nie ein Schweizer
erschossen worden.

Siebentens kann die französische Heeresleitung
in der Fremdenlegion erschießen lassen, wen
sie will.

Achtens gibt es überhaupt keine Fremden-
legion !

Durch diese bündigen und loyalen Erklärungen
ist der peinliche Fall hoffentlich definitiv aus der
Welt geschafft!

Pi pa

*

Gutsvorstandschafc

Nach dem amtlichen „Teltower Kreisblatt"
ist der prinzliche Lakai Carl Spormann als Guts-
vorsteher des Gutsbezirks Klein-Glienicke bestätigt
und vereidigt worden.

Zu dem Gutsbezirk gehört vor allem das Gut
und Schloß, dessen Eigentümer der Prinz Leopold
von Preußen ist. Dieser Prinz ist also einer der
Gutsinsassen des Gutsvorstehers Spormann. Nun
ist Spormann in erster Linie Gutsvorsteher, in
zweiter Linie Mensch. Als Mensch hat er vor
Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen in Ehr-
furcht zu ersterben. Als Gutsvorsteher aber hat
er von seinem Insassen Friedrich Leopold zu ver-
langen, daß dieser vor ihm stramm steht. Bei
den letzten Wahlen verlangte der Gutsvorsteher
von dem Insassen Friedrich Leopold, dieser solle
konservativ wählen. Der Prinz wählte überhaupt
nicht und schützte vor, er sei als aktiver Offizier
nicht wahlberechtigt. Der Gutsvorsteher schäumte
vor Wut und murmelte: „Na warte! Wenn
Du nächstens um eine Schnapskonzession ein-
kommst, werde ich Dir die Sache schon anstreichen!"

Frido

*

Ein neuer Konflikt

In Hagenau im Elsaß — berichtet die „Franks.
Ztg." — zog ein Leutnant gegen eine Dame, die
ihn ohrfeigte, den Degen und wurde nur durch
einen (zufällig anwesenden) Feldwebel verhindert,
Blut zu vergießen. Der wilde Krieger betrachtete
offenbar die Dame als kriegführende Partei
und wollte sofort mit ihr hand-gemein werden.
Was sie ihm hatte abfliegen lasten, waren ja aller-
dings keine Friedenstauben gewesen, aber d e
wahre Ritterlichkeit darf auch auf eine damische
Ohrfeige nicht feige werden! Der Feldwebel hat
daher sehr klug und gerecht gehandelt und wir
würden vorschlagen, ihni die Rettungsmedaille zu
verleihen. Oder wird er vielleicht zum Tode ver-
urteilt, wegen Widerstandes gegen einen Borge-
setzten „vor dem Feind"?

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[nicht signierter Beitrag]: Ein neuer Konflikt
Karl Arnold: Berechtigter Protest
Leopold: Der Gebärstreik
Ludwig Engel: Liebe Jugend!
A. D. N.: Ein Telephongespräch
A. D. N.: Lästige Ausländer
Pips: Der Fremdenlegionär Müller
Frido: Gutsvorstandschaft
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