Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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„Oh niei! .... Gedenkt Hab ih mir's: es wird der letzte Hosenknops
g'mes'n sein."

Als sich die ob der Feststellung solchen Tatbestandes ergrimmten Männer
entfernt hatten, setzte sich der Tottel recht bequem auf seinen Strohsack, rülpste
einige Male sehr komfortabel und bedauerte noch in einem längeren Monolog, daß
die Ochscnkathl den Knödlspeck immer so groß schneide, denn:

„-sonst hält i leicht ihrer zehne gepackt. . Fünfe zu Wasser und

fünfe zu Land..."

* * *

So lebte denn der Tottel just so rechtschaffen von seiner eigenen Dummheit,
als dies viele andere Leute von fremder Dummheit zu tun pflegen, und wer weiß,
wie lange dies noch gedauert hätte, wenn er nicht eines Hellen Mittags beim
Sockenwaschen kopfüber in den Bach geplumpst wäre.

Der Bach wollte nun natürlicli auch einmal seinen Spatz niit deni Tottel haben
und lietz ihn so schnell nicht los: Er drehte ihn um und um wie einen Rudelwalger,
schupfte ihn launig an die Waschbrücken und wuzelte ihn kichernd über glasige
Kaskaden. Vor der Obermühle endlich quetschte er ihn gegen den hölzernen Rechen,
zog ihn, schalkhaft die kurzen Beine darunter durch und sprang lärmend das
Wehr hinunter.

Der obere Mühlrechen war nun leider solch schwerer Trift nicht mehr recht
gewachsen und um seine schlürfenden Zahnlücken begann es gleich dermaßen bedenk-
lich zu knacken und zu ächzen, daß der Tottel sofort aufhörte zu zappeln. Er
klammerte sich vorsichtig an die morschen Sprisseln und schrie aus Leibeskräften
um Hilfe, denn das alte wackelige Gestelle gab zusehends nach und lauerte sichtlich
nur auf eine Bewegung des Tottels, um in Brocken mit demselben über das
Wehr hinunterzusausen.

Aus der Vogelperspektive mochte sich die Sache indes weit harmloser aus-
nehmen. Wenigstens hätte es nach der Meinung der Leute, die über den Spektakel
auf der Brücke zusammengelaufen waren, für den Tottel nichts Einfacheres geben
können, als sich den Rechenspriffeln entlang hinüberzuhanggeln.

„Gehst nit außer, Bims, Du?!" herrschte ihn der Stacher Sepp an, „wirst ja
ganz naß!"

„Es tut Dir übel," belehrte ihn der magenleidende Pfundmuch. „Das kalte
Wasser tut einem nie gut; sell magst mir glauben!"

„Der Rechen. . ." keuchte der Tottel.

„Der Tolm meint amend gar, cs geht ihn einer holen!" rief der Polizei-
Luis verächtlich. „Könnt mir einfallen!"

„ ... er bricht!" gluckste der Tottel.

„Wer? Amend wieder der Hosenknopf?" lachten die Zuschauer.

Die angsterfüllten Augen des Tottels flogen die ganze Reihe entlang. Vom
Polizei-Luis bis zum Protzhans. Zn keinem dieser Gesichter war auch nur die
Spur eines Verständnisses für die Gefahr seiner Lage zu finden. Entmutigt wan-
delten die großen runden Tottelaugen wieder bis zum Polizei-Luis zurück und
saugteir sich hilflos an dessen rotem Gesicht fest.

Plötzlich kam ein seltsames Glitzern in diese Augen.

Mit einem Ruck warf der Tottel den Kopf hintenüber und schrie mit aller
Macht:

„Poliquetsch! Poliquetsch!"

Eine Weile stand die verblüffte Gruppe auf der Brücke wie erstarrt. Dann
riefen einige, der Tottel müsse nun vollends den Verstand verloren haben und an-
dere meinten, er hätte niemals einen solchen besessen. Alle aber waren sich darin
einig, daß der Polizei-Luis sich das nicht bieten lassen könne und harrten mit schaden-
froher Neugierde der kommenden Dinge.

Sie brauchten nicht lange zu warten, denn der Polizei-Luis war derjenige,
der wohl wußte, was er zu tun hatte, um sein vor versammeltem Volke so schwer
verletztes, amtspersönliches Ansehen wiederherzustellen.

Er trat entschlossen an das Geländer und befahl:

„Geh' sofort außer! Du bist verhaftet!"

„Geh' Du einer!" fletschte der Tottel. „Poliquetsch, langhaxeter!"

Auf der Brücke erscholl vielstimmiges Gelächter. Selbst das Straßenkehrer-
weibele grinste. Der Polizei-Luis aber ward in der ersten Sekunde blaß und in
der zweiten puterrot. Zn der dritten jedoch sprang er, wie er war, in den Bach,
riß den Tottel beim Kragen vom Rechen und gab ihm einen Stoß, daß er bis
ans Ufer flog. Dabei verlor er selber in der Strömung den Boden unter seinen
langen Stelzen und fiel mit voller Wucht gegen den Rechen.

Darauf hatte dieser nun bloß gewartet: er ging augenblicklich in vier Stücke
und begleitete den langbeinigen Polizeimann höflich unter die Brücke hindurch und
über das Wehr hinunter auf das obere Mühlrad. Es war dies ein schweres, unter-
schlächtiges Rad von jener bockbeinigen Sorte, die man erst in zehn Minuten zum
Stillstand bringe» kann. .

Bei Vergebung von öffentlichen Aemtern ließ man sich damals noch allgemein
von etwas eigenartigen Prinzipien leiten: Man machte beispielsweise den einen zum
Wasenmeister, weil seine Frau eine tüchtige Hebamme war, und ernannte den andern
zum Organisten, weil er Hühneraugen schmerzlos zu operieren verstand. — So
konnte es denn auch niemanden sonderlich befremden, daß dem Tottel die todfalls-
halber freigewordene Polizistenstelle verliehen wurde, denn jedermann wußte, daß
ihn der Gemeindeschreiber notwendig zum Holzhacken brauchte. Außerdem ver-
sprachen sich die Spezialisten von einem Polizeitottel viel Spaß und wenig Be-
lästigungen.

Oie koke Obrigkeit

Kurl Spitzweg *j*
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