Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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seine wundervolle malerische Be-
gabung ; aber man bemängelt vor
allem seinen Stil und seine Stoff-
wahl. Denn Zuloagas Vorliebe gilt
den ehrwürdigen Überresten des alten
spanischen Volkslebens in seiner
pittoresken Ärmlichkeit. Er liebt
diese Welt über alles und durch-
streift sie als unersättlicher Bewun-
derer: die Welt der mantillentragen-
den Frauen, der Toreros und Bett-
ler, der Zwerge und Hexen, der
alten Bauwerke und fanatischen
Kloster, der steilen Gebirge und
melancholischen Ebenen, das Spa-
nien Calderons und Cervantes mit
seiner alten Glaubensinbrunst, Sin-
nenglut und Tragik. Das inte-
ressiert ganz Europa. Die groß-
städtische spanische Gesellschaft aber,
die mit Paris liebäugelt und für
Konifort und sonstigen „Modernis-
mus" schwärmt, sieht nicht ohne
Arger, wie der weltberühmteste hei-
mische Künstler die uralten Bilder
und kulturfremden Sitten seines
Volkes bevorzugt, und schilt seinen
Realismus übertrieben. Denn sie
ist stolz auf ihre eleganten Straßen,
auf ihre neumodisch gekleideten Welt-
damen; sie schrickt davor zurück also
im „Neglige" vorgeführt zu werden
und will nicht begreifen, daß das
ihre wirkliche Schönheit ist. Leb-
hafte Anfeindungen waren die Folge.
Zuloaga ist ihnen mit der Ruhe
des willensstarken Mannes be-
gegnet, der seinen Weg kennt. Als
unvergleichlicher Geschichtsschreiber
hält er das altehrwürdige Bild seiner
Rasse fest. Vielleicht ist dieses Spa-
nien berufen, gar bald vollständig
zu verschwinden, denn das moderne
Europa ist einig im trostlosen Streben
nach Einförmigkeit der Sitten, Trach-
ten und Behausungen. Zuloagas
Verdienst wird es bleiben, als großer
Künstler diese versinkende Welt ge-
staltet zu haben, und uns sei es
gestattet, dessen ebensosehr froh zu
sein, als die Spanier von heute
sich darüber ärgern.

Übrigens gibt es zurzeit auch eine
ganz gegenteilige spanische Kunst-
richtung, die sich in Gunst zu setzen
verstand, und deren bekanntester Ver-
treter Sorolla y Bastida heißt. Als
brillanter Virtuose hat er mit viel
Reiz und Geschick die Tendenzen
des französischen Impressionismus
übernonuuen und erscheint somit
kaum noch als richtiger Spanier.
Zuloaga dagegen reicht geradewegs
auf Velasquez, Greco und Goya
zurück; er ist nichts weniger als
„modern". Der Impressionismus
ließ ihn kalt. Er ist ein Stil- und
Charaktermaler.

Wer seine zahlreichen spanischen
Frauenbilder kennt, die so reizvoll
und strahlend sind, daß sie wie mit
satten Blumenfarben gemalt scheinen,
der fragt sich, wie man diesen Künstler
einen „Realisten" schelten konnte, in
dieses vieldeutigen Wortes niedrig-
stem Sinn. Diese Augen aus schwar-

Ignacio Zuloaga (Paris)

Antonia die Tänzerin


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Ignacio Zuloaga: Antonia die Tänzerin
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