Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Celestina

Ignacio Zuloaga (Paris)

weil er in einem nachbarlichen Prozeßstreit gegen
die schlagfertige Dame den kürzeren gezogen hatte.
Sie wollte gesehen haben, daß Onkel Karl an
solchen persianischen Nationaltagen in besagten
roten Socken lautlos durch sein Konsulat wan-
delte, auch jezuweilen nach orientalischer Sitte
mit gekreuzten Beinen sich auf dem Damasttuche
niederließ und schaukelnde Verbeugungen gegen
Osten machte. Zweifellos betete der Onkel zu
den Gebeinen des Propheten, oder trieb sonst
einen verwerflichen und sündhaften Fetischismus.
Mit dem wahren Christentum hatten diese Maß-
nahmen jedenfalls keinen Zusammenhang mehr.
Und es versteht sich, daß Tante Zosefine, als sie
einmal hinter diese Schliche ihres alten Gegners
gekommen war, fortab jeden Gedanken an eine
Versöhnung mit dem „tiefgesunkenen Manne"
entrüstet von sich wies. Denn sie legte hohen
Wert auf ungetrübte Beziehungen zum christlichen
Jenseits.

Doch vergessen wir nicht, daß Zosefinens Be-
ziehungen zu Onkel Karl getrübt waren durch
den Schleier eines beklagenswerten Familien-

zwistes. Ihrer Aussage über die tiefere Be-
deutung der roten Strümpfe ist daher nur ein
sehr bedingter Wert beizumessen.

Dagegen erscheint die Vermutung des Ober-
försters Kaltenborn besser begründet.

Dieser Freund des Konsuls, der ihn des öfteren
zu spanischen Weinproben berufen hatte, ließ ge-
heimnisvoll durchblicken, daß die roten Strümpfe
ein Geschenk des hochmögenden Perserschahs selber
waren, eine Auszeichnung für langjährige treue
Dienste des alten Herrn; eine Auszeichnung, wie
sie im Orient und noch weiter dahinten bei den
wilden Völkerschaften Sitte war. Er, der Ober-
förster, verwies dabei auf die gelbe Jacke der
Chinesen oder auf die seidene Schnur der Japaner,
die, wie er wichtig hinzufügte, bekanntlich,Hara-
kiri^ genannt wird und nur den höchsten Würden-
trägern des Staates zufällt.

Wir sehen aber schon aus diesem kleinen
Irrtum, daß auch der Oberförster nichts Gewisses
über die Herkunft der roten Strümpfe wissen
konnte.

Eine dritte Hypothese aus der regen Kom-
binationsgabe jener Damen in Zeulenroda, die
alle einmal auf Onkel Karl „gehofft" hätten.

Diese gereifte Weiblichkeit wußte es schon
seit Jahren ganz genau, daß die roten Strümpfe
die Frucht eines galanten Abenteuers waren.

Als Onkel Karl einst in den duftenden Rosen-
gärten von Schiras ein Stelldichein mit einer
Prinzessin gehabt hatte, sei er, so erzählte man
sich schaudernd, durch das Säbelrasseln der Palast-
wache jählings aufgeschreckt worden. Nur schleu-
nige Flucht über den Balkon konnte ihn vor
einem grausamen Tode bewahren. Da habe ihm
die Prinzessin weinend eine Strickleiter und die
rotseidenen Strümpfe in die Hand gedrückt, damit
er geräuschlos das Weite suchen könne. Sporn-
streichs sei er entwichen, auf leisen Sohlen wie
ein Kater, und nie wieder sei ihm das berückende
Weib begegnet. Die roten Strümpfe aber habe
er seither auf dem Herzen getragen und nur aus-
nahmsweise an den Füßen. . .

Sinnend stand Tobias Kiesewetter da, be-
trachtete die roten Strümpfe des Onkels in seiner
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