Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Hand und lauschte den Worten von Frau Amanda,
die ihm diese Strumpflegenden bereitwillig zum
besten gab.

„Ja, also," sagte er unsicher nach einer Pause,
„meinst Du wirklich, Amanda, daß ich nach alle-
dem — ich weiß nicht recht, was es ist, aber ich
habe so ein Gefühl, diese Strümpfe — sie sind
so rot wie Blut, und dann haben sie wieder so

was rosenfarbiges. So eine merkwürdige

Farbe."

Er hielt sie prüfend ins Licht.

„Na," meinte Amanda, „sie sind doch von
Seide. Und noch gar nicht gestopft. Probier
sie doch mal an!"

Das tat Herr Kiesewetter. Wahrhaftig, sie
paßten wie angegossen. Kühl, fest und warm
zugleich schmiegten sie sich an die Haut. Ein
herrliches Gefühl das. Unwillkürlich gehoben kam
er sich vor. Ja, so auf Seide gefüttert durchs
Leben zu gehen, dachte er — feine Sache!

„Meinetwegen!" rief er. „Weißt Du, ich be-
halte sie gleich an. Herrgott — wie spät ist es
denn? Ich muß ja ins Geschäft!" Eilends machte
er sich fertig und ging. Frau Amanda sah ihm
zärtlich und stolz vom Fenster aus nach.

Ach, welch einen Gang hatte Tobias Kiese-
wetter jetzt, welch einen faszinierenden Herren-
schritt! Das Schokoladenfrüulein an der Ecke
sah ihm erstaunt nach, und ein paar Backfische,
die sofort die roten Strümpfe bemerkten — To-
bias hatte selbstverständlich die Beinkleider auf-
geschlagen — stießen sich mit heftigem Gekicher
in die Seiten. Dumme Gänse! dachte er und
schritt weiter. Eine elegante Dame kam auf ihn
zu — siegesgewiß fixierte er sie, errötend schaute
sie zu Boden. „Aha," murmelte er, „merkst Du
was?"

So ging es weiter, als er ins Geschäft Kain.
Die ernste Kassiererin schmunzelte, als er vorüber-
ging. Die Lageristin aber rief: „Sie feiern wohl
heute Geburtstag, Herr Kiesewetter! So fein
haben Sie sich gemacht, so fein!"

„Wieso denn?" fragte Tobias unschuldig.

„Rot ist die Farbe der Liebe," flötete Fräulein
Nesi, die Tippmamsell, und warf ihm einen ihrer
kugelrunden Blicke zu, die berühmt waren.

^ Immer wieder kam irgend ein Kollege vor-
bei, machte einen faulen Witz, grinste zweideutig
und ging. Die Lehrlinge nannten ihn nur noch
„den leuchtenden Tobias". Die Ausgeher und
Packer aber faßten die Sache politisch auf, und
Hosemann, der innerlich ganz zinnoberrot ge-
sotten war, machte sich vorsichtig an Tobias heran
und fragte: „Na, wie denn? Man immer rin
in de Genossenschaft, Herr Genosse! Immer
mitten mang! Oder sin Se man bloß so ins
Rote getreten?"

Höflich, aber entschieden verwies ihm Kiese-
wetter diese Rede. Aber sie gab ihm doch zu
denken.

Am Abend nahm er seinen Heimweg durch
die Anlagen, denn das unzweifelhafte Aufsehen,
das er in den Straßen erregte, begann ihn zu
stören. Auf eine Bank, ein wenig abseits, setzte
er sich und begann zu grübeln.

Welch ein merkwürdiger Tag.

„Verzeihung, mein Herr, aber hier ist wohl
noch ein Plätzchen für mich." Eine Dame un-
bestimmten Alters, aber mit sehr dunklen Augen,
setzte sich resolut neben Tobias.

Allmächtiger! dachte er, was will die alte
Schachtel? Unwillkürlich rückte er und wäre
aufgestanden, wenn sie ihn nicht beschworen hätte,
sitzen zu bleiben. Sie wolle doch niemand stören.
Ob er auch die Einsamkeit liebe? Sie kenne
nichts Schöneres. Namentlich, wenn man sie in
Gesellschaft genieße.

Tobias wurde es schwül. Er glaubte zu
fühlen, wie sie seine roten Strümpfe musterte.
„Amanda," rief er innerlich laut, „Amanda!"
Gottlob, das gab ihm wieder Mut und Kraft.

„Der Herr ist gewiß nicht von hier?" fragte
die Dame eindringlich und musterte ihn aus ihren
mandelförmigen Augen.

Tobias beteuerte das Gegenteil.

„Schade," sagte sie, „aber Sie könnten ganz
gut von weither sein. Sie haben so was an sich

Salomonisches Urteil F- Heubner

„Schön is ja nich — aber na, — 's hängt wenigstens gerade."
Friedrich (Fritz) Heubner: Salomonisches Urteil
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