Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

Seite: 1234
DOI Heft: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1913_2/0415
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Die beiden Karrenfdjieber

Von Georg Ruseler

Es war ein mächtiger König, der war über
die Maßen stolz auf sich und sein Geschlecht.
Vor dem ward einmal eine Hexe angeklagt, sie
habe einen Zauberspiegel, und was sie darin sehen
ließe, wäre Blendwerk der Hölle. Das Weib
aber verteidigte sich und sagte, sie habe den
Scheiterhaufen nicht verdient; ihr Spiegel sage
die lautere Wahrheit und wisse die tiefsten Dinge
der Welt.

„Gut," sagte der König, „her mit deinem
Spiegel! So zeige er mir das tiefste Geheimnis
der Welt."

Da zog das Weib seinen Spiegel aus der
Tasche — morsch und wurmstichig war sein
Nahmen, aber das Glas leuchtete hell und klar
— und der König blickte eine Weile hinein,
dann schüttelte er den Kopf und sagte:

„Narrenkram!"

„Was siehst du?" fragte das Weib.

„Eine Doppelleiter sehe ich," gab der König
zur Antwort, „zwei hohe Leitern, die mit ihrer
Spitze gegeneinander lehnen. An der einen steigen
Menschen empor, jung und frisch sind sie, und
sie werden immer stolzer und kühner, bis sie die
Spitze überwunden haben. Dann steigen sie an
der andern wieder herunter, matter werden sie
bei jedem Tritt, sie schrumpfen zusammen, und
wenn sie wieder auf der Erde ankommen, zer-
fallen sie zu Asche und Staub. Zch weiß nicht,
was das soll. Zeige mir, was sich klar ver-
stehen läßt."

„Fordere!" sagte das Weib.

Der König dachte einen Augenblick nach, dann
befahl er: „Dein Spiegel zeige mir den ersten
meiner Ahnen, der sich machtvoll emporhob vor
dem andern Volk im Lande ringsumher."

„Sieh hinein!" sagte das Weib.

Wieder schaute der König hinein, aber er-
grimmt fuhr er zurück und rief mit drohender
Stimme:

„Zum Teufel mit deinem Lügenglas! Es
zeigt mir lauter Trug."

„Wahrheit," entgegnete das Weib, „sag an,
was du siehst."

„Einen Karrenschieber seh ich," erwiderte der
König mit bebenden Nüstern. „Zch will wissen,
wer. dieser ungeschlachte Bursch dort ist?"

„Dein ältester Ahn."

„Dieser Mensch mit dem Stiernacken mein
Ahn? Mit diesen Niesenfäusten, die aussehen,
als ob er alles zertrümmern könnte?"

„Gewiß, dergleichen hat er auch getan."

„Mein Ahn ein Karrenschieber? Bevor ich
das glauben soll, muß ich eine untrügliche Probe
haben. Kann dein Spiegel mir jenen meiner
Vorfahren zeigen, der vor fünfhundert Zähren
lebte?"

„Sieh hinein!"

„Dein Spiegel wahre sich! Zch habe sein
Bild in meinem Schlosse."

„Sieh hinein!"

Da sah der König hinein, und er ward
ruhig und nickte mit dem Haupte; er sah
eines stolzen Nitters wohlbekannte Züge. Als
er nun inne ward, daß der Spiegel geheime
Kunde hatte und die Wahrheit sprach, faßte
sein Herz einen vermessenen Gedanken, und
er befahl dem Weibe: „Jetzt sollst du nur den-
jenigen meiner Nachkommen zeigen, der fünf-
hundert Zahre nach meinem Tode regieren
wird."

„Das kann ich nicht," erwiderte die Hexe
mit düsterm Hohn, „aber ich werde dir den
vor Augen führen, der zweihundert Zahre nach
dir - lebt."

„Her mit ihm!"

„Gemach. Zch gebe dir zu bedenken, daß es
für euch Menschen nicht wohlgetan ist, wenn der
Schleier weggezogen wird, der die Zukunft deckt."
Weil der König aber nicht hören wollte, hielt
ihm das Weib den Spiegel zum dritten Male vor
das Gesicht und sagte: „Der Letzte deines
Stammes!"

Als der König nun hineinblickte, erschrak er
in tiefster Seele; denn wieder sah er einen Karren-
schieber, aber diesmal war es kein Mensch von
gigantischem Bau; er war noch jung, aber sein
entartetes Gesicht sprach von niedern Leidenschaften,
die seine Seele durchwühlten. Er ging mit schlottern-
den Knieen und hatte kaum die Kraft zu seinem
Tagewerk.

Als der König solches sah, winkte er wortlos
dem Weibe, und es ging heim ohne Strafe.

*

Ließe fugend!

Lin früherer preußischer Kriegsminister, be-
kannt als frischer, schneidiger Soldat, war jedem
bürokratischen Strebertum abhold. Das hinderte
aber verschiedene subalterne Beamte des Mini-
steriums aus Devotion vor ihren direkten Vor-
gesetzten nicht, besonderen Diensteifer über die vor-
geschriebene Arbeitszeit hinaus zu heucheln. Diese
Herren stoßen nun eines Nachmittags auf der
Treppe des Ministeriums mit dem Herrn Mini-
ster und Frau Gemahlin zusammen. Letztere, an
allen Dienstangelegenheiten ihres Gatten lebhaft
interessiert, fragt ihn ganz erstaunt: „Lieber Mann,
weshalb gehen diese Herren erst jetzt nach Hause,
der Bürodienst ist doch seit einer guten Stunde
vorbei; habt Ihr denn so viel zu tun?"

Se. Exzellenz aber antwortete, ironisch lächelnd:
„Nein, mein liebes Kind, die haben nur die Zeit
verschlafen!"

*

Line Abteilung Pioniere, deren HaupLmann
wegen seiner mangelhaften Reitkunst sehr verlacht
wird, aber wegen seiner Strenge sehr gefürchtet
ist, hält über das Maß hinaus Raststunde.

Plötzlich stürzt der Gefreite atemlos auf den
Leutnant los und meldet: „Herr Leitnant, melde
gehursamst, der Hauptmann kummt, sein Schimmel
is scho do!"

Gedanken

von Paul Garin

Jeder hat seinen eigenen Gott. Zeder
muß ihn sich selbst suchen und finden. Und
ist er gefunden, so ist's der aller Übrigen.

Zedes echte Werk ist das Kind irgend
einer Not.

Max Frey

2llte Liebe rostet nicht

Kein Mensch ringsum. Und weit und breit.
Dehnt sich in grüner Einsamkeit
Das Wiesenland.

Zch schlendre vor mich hin und schneide
Mir eine Gerte von der Weide,

Die grade dicht am Wege stand.

Und wie ich so das Gertlein schwang,
Schwippschwappend, schmiegsam, rank

und schlank.

Gedacht ich dein.

Träf' ich dich, alter Freund, auf diesen
(Pfffft! pfiff die Gerte) weiten Wiesen,
Ach! Müßte das erfrischend sein!

Klaus Klose

*

Trotz

Des ersten Denkers königliches „Nein!",

Das blitzend in die Nacht der Dogmen flammte,
Der erste Zorn, der aus der Wahrheit stammte
Und Leben heischte und nicht toten Stein,

Das erste Wort, im Beilglanz des Schaffots
Nicht widerrufen, das für Freiheit zeugte,

Der erste Geist, der sank und sich nicht

beugte,-

— — Das warst du, erdentsproff'ner

Kampfer, Trotz!-

-Weit über Wüsten, über Gletscher geht,

Wen du beseelst im Wünschen und Entsagen,
Du kennst die Bitte nicht und laute

Klagen;-

-Verlaß mich nicht!-Das nur

ist mein Gebet!-

Lehr' hassen mich, was niedrig und infam,

Und wehre mir des Lebens Alltagsbangen,

DeS Kleinmuts feige Blässe meinen Wangen —

-Bewahr das Not mir nur der Edelscham!

-Leih mir der Tiefe Kraft, in Not zu

schweigen,

Den Stolz vor heißer und vor kalter Höh',
Nicht Liebes hauch und keines Sturmes Bö

Laß diesen Nacken auf die Erde neigen!-

-Erhalt' mich wahr!-Die

weiche Liebe schmiegt

So gern sich an in lieblichen Gestalten;-

Heiß' mich die Treue auch der Gasse halten,
Dem Bruder, auch wenn er in

Lumpen liegt!

— — Mich grüßt em Aug', in dem die

Liebe glanzt;

Laß keinen schau'n, wenn ich drum

Schmerz erleide!-

Halt' aufrecht mich, wenn je die stille Weide
Ich pflanzen muß, wo man den Stein

umkranzt!-

— — Und geht mein Pflug einst nur

durch Felsenerde,

Mir soll auch rauhes Brot willkommen

sein! — —

-Und fehlt auch dies,-laß

sterben mich allein!

— — Nur wahre mich, daß ich kein

Bettler werde!-

Friedrich Wolf
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
Max Frey: Vignette
Klaus Klose: Alte Liebe rostet nicht
Friedrich Wolf: Trotz
Paul Garin: Gedanken
Georg Ruseler: Die beiden Karrenschieber
loading ...