Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Du lieber Bilderbogen, meine Welt,

Wie bunt und schön liegt nun dein herbstlich Feld!
Notrüben, Blaukraut stehn wie Kriegerscharen,

Die am Balkan mit im Geraufe waren
Und die, ob auch der Frostfcind sie geschlagen,
Noch mutig ihre bunten Kappen tragen;

Sie drangen sich ums grüne Wirsingfeld,

Ein jeder Kopf ein Krieger und ein Held
lind leuchten weit durchs feuchte Nebelmeer:

Wir sind gerüstet! Geh nur Einer her!

Da kommt der Jochen mit Gefährt und Gaul,

Das Nößleiu dampft, der Jochen dehnt sich faul,
Und kneift die Liese in das stramme Bein.

Dann fallen beide übers Krantfeld ein;

Wie Riesen ragen sie aus Nebelstuten,

Hell blinken ihre Hacken durch die Nuten
lind schlagen stöhnend Not und Mord und Tod
In all die Helden blau und grün und rot.

Schwer seufzend sinken Kraut und Rüben nieder;
Am Leiterwagen finden sie sich wieder,

Und noch im Tode treuvereint beisammen
Glühn ihrer tiefen Farben tapfre Flammen.

Der Jochen küßt die Liese ins Genick,

Dann geht es hüh! Der Braune stapft zurück.
Von Jochens Pfeife zieht ei» blauer Duft
Mild wehend durch die aufgeklärte Luft.

Die Liese sehnt, gestützt auf ihre Hacke,

Dem Jochen nach mit rotgeglühter Backe.

Die Wälder rings sie schaue» ernst hernieder.

Der süße Hall der langstverklungnen Lieder,

Die mit des Sommers letzten Blumen starben.
Webt lind noch in des Laubwerks goldueu Farben.
Du lieber Bilderbogen, meine Welt,

Wie stammt dein Wald, wie lacht dein buntes Feld!

Franz Langbeinrlcb

-Liebe Jugend!

Mein Freund, der Kunstmaler, ist Papa geworden. Er glüht
vor Stolz. Jeder seiner Freunde muß sein „Merk" bewundern. Mährend
der hitzigsten Atelierwortgefechte geht er, den Filius schwenkend, hin
und wieder. Lr kann es nicht erwarten, bis er aus dem Mund des
Sprößlings selbst den Ehrennamen „Vater" hört. Endlich macht der
Kleine die sehnlich erwarteten Sprechversuche. Lines Abends führt
er, auf den Armen seines Vaters, eine begeisterte Handbewegung gegen
diesen aus und ruft plötzlich laut und deutlich .... „van Gogh!"

Kindermund

Ich sitze mit meinem Neffen, einem kleinen, beweglichen Kerl
von fünf bis sechs Jahren, über den neuesten illustrierten Journalen.
Lr wohnt in der Umgegend von Straßburg, hat also schon oft Gelegen-
heit gehabt, die Reichslustschiffe zu sehen.

„Du, Gnkel," fragt er und zeigt auf ein Porträt, „wer ist
denn das?"

„Das? Das ist der Zeppelin."

„Na," meint er darauf, „das ist aber jetzt eine merkwürdige
Geschicht' mit dem Zeppelin. Einmal sieht er aus wie 'ne große
gelbe Wurscht, und darnach wieder hat er e Kapp' auf und en' weiße
Schnurrbart!"

Johannes Lippmann (Lichtenberg i/O.)


Herbst im Odenwald
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