Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

Seite: 1572
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Erlöser

Das war zu allen Zeiten so.

Die Heilande der Menschheit liegen
Ln niedern Hütten irgendwo
Auf hartem Stroh,

Nicht in purpurnen Prinzenwiegen.

Um ihre Krippen stehen bloß

Die Nacht, die Tiere und die Armen,

Und, selber irr und heimatlos,

3m Mutterschoß

Geborgen hält sie das Erbarmen.

3hr Vater aber — nie bekam
3hn blöde Neugier zu Gesichte —

War stets ein Geist, der wundersam
Gestalt annahm,

Der heilige Geist der Weltgeschichte. . .

So liegen sie im Dunkel dicht —

Ein Stern nur, der im Blauen schimmert,
Krönt ihre Götterstirn mit Licht —

Wir sehn ihn nicht —

. .. Und ferne wird ein Kreuz gezimmert —

H. Oe ßora

Oer Hirsch und die Malaiin

Von Norbert Jacques

Wir saßen nach dem Nachtessen it: der großen
Halle des Verwalterhauses auf Sumatra. Der
Nachtwind strich durch die offene Tür warm her-
ein und brachte einen zarten Duft von Tabak
aus den Gärhallen mit. Die weiten, weißge-
tünchten Hallen sahen wir draußen in einem Wald
von Palmen und Bananen grün im Mondlicht
leuchten. Zhre genaue Architektur paßte nicht
in die überschwänglichen Formen der Palmen
und Bananen. Dein Hausherrn war gegen Abend,
grade bevor wir kamen, ein kleiner europäischer
Dackel von einer Python geholt worden. Es war
an: Rand des Waldes in einem Rodefeld ge-
fchehn. Die Arbeiter hatten die Schlange ver-
folgt, mit den Hacken totgeschlagen und ihreii
Muskeln den erdrückten Hund entrissen. Dann
hatten sie die Python an Lianenseile gebunden
und zum Verwalterhaus geschleppt. Sie lag halb
zerfleischt hinten bei der Küche. 3m hüpfenden
Licht von einigen Laternen war sie als etwas
grausig Riesenhaftes anzusehn gewesen, ein Wurm
hünenhafter Vorzeit. Unter uns wurden Ge-
schichten von Tieren erzählt.

Dem einen war einmal nachts plötzlich ein
Tiger vor dem Automobil gestanden. Der Tiger
hatte ganz ruhig einen Augenblick in die Schein-
werfer geschaut und sich dann laut heulend in
den Wald geschlagen.

Ein anderer erzählte: Die Halle unseres Hauses
geht ganz durch und vorn und hinten in Wiesen
mit Palmen. Am letzten heiligen Abend, als der
Baum schon angezündet unten stand, ordnete
meine Frau rasch die Geschenke auf dem Tisch
und ging die Treppe herauf, um die Kinder zu
holen. Die Treppe führt mitten aus der Halle
offen ins Stockwerk. Als meine Frau in der
Hälfte war, hörte sie schlüpfende Schritte unten,
drehte sich um und sah ein großes Tigermännchen.
Es kam zur vordern Tür herein, ging langsam
und schauend um den strahlenden Baum und ent-
fernte sich durch die hintere Tür.

Max Frey

Dann erzählte unser Gastgeber, der Haupl-
administrateur der Sumatra Tabak Maatschappy,
die Geschichte vom Hirschen und der Malaiin.

Eines Tags brachten ihm zwei Malaien, die
von seiner Freude an Tieren wußten und ihm
schon öfter junge Tiger, seltene Fasane und Rehe
verkauft hatten, ein Hirschjunges. Es nmßte
grade erst geworfen worden sein. Der Verwalter
wußte nicht, wie er es aufziehn könnte. Abends
ging er it: den Klub und erzählte die Geschichte.
Die einen rieten Reisbrei, die andern Mais an.

Als das Gespräch über den Hirschen schon
lange vorüber war, kam der Diener des Ver-
walters zu seinem Herrn und sagte, eine malai-
ische Frau stehe draußen und sei bereit, den
jungen Hirsch zu säugen. Alle lachten. Man
ließ die Malaiin zum Spaß hereinkonnnen. Eine
kleine dicke Frau erschien und lachte mit ihrem
gefleckten Gesicht und ihrer breitgestülpten Nase.
Der Verwalter sagte: Du bist schön! Sie miß-
verstand und zeigte ihr kleines Kind, das sie in
einem Tuch über den Rücken gebunden trug.
Der Fall wurde ihr erklärt. Sie wußte schon,
worum es sich handelte, und zeigte ihre Brüste.
Einer sagte: die könnte ein Nilpferd großzieh::.
Alle lachten, und es wurde ein Vertrag mit der
Malaiin geinacht. Sie bekam einen Gulden und
sollte dieselbe Summe an jeden: achten Tag be-
kommen, solang der Hirsch sie nötig hätte.

Der Verwalter kam spät nach Hause. Dort
wartete der malaiische Diener auf ihn. Er sagte
vorwurfsvoll: „Tu'an, die Malaien wissen viele
geheimen Dinge. Die können sie in ihre Schwer-
ter, in ihre alten Bücher und auch nur in Steine
tun. Wir können Dich töten, Tu'an, und Du
merkst nicht, daß Du allmählich stirbst und keiner
weiß, wie Du gestorben bist, und keiner kann
Dir helfen. Wir speeren Deinen Leib voll mit
den Haaren des jungen Bambus. Die Babu
Mela wird das Hirichjunge groß machen. Tiere,
Wald, Flüsse und Malaien sind in einen: Kreis."
Der Verwalter lachte.

Am nächsten Tag kan: die Malaiin. Das
Hirschjunge wurde zum Versuch gebracht. Es
fuhr wild auf die Brust los, die die Frau hin-
hielt. Aber die Frau verwies ihm die schmerzende
Heftigkeit und der Hirsch begann bald, sich ihr
mit vorsichtiger Geduld zu nähern, und legte zart
seine flache gefleckte Schnauze an die Warze.
Die Malaiin teilte ihre Brüste zwischen: den:
Hirschjungen und bcm Menschenjungen. Dieses
bekam die kleinere rechte und der Hirsch die
größere linke und er trank und wuchs.

Er wurde eifersüchtig. Das war die erste
Eigenart, die man an ihn: bemerkte. Er lehnte
sich heißblütig dagen auf, daß andre Menschen
und Tiere zugleich mit der Babu sich ihn: näher-
ten. Er haßte das kleine Kind, mit dem er die
Brüste und die Frau teilei: mußte, und stieß es

mit den: Kopf, den: junge behaarte Hörner
zu entsprießen begannen. Die Frau'durfte
das Kind nicht mehr zum Hirschen nütbrin-
gen. Der junge Hirsch war bis dahin frei
heru:ngelaufen. Er begann sich gegen jeder-
mann so ungebärdig zu zeigen, daß man ihn
in eine Art drahtumgitterten Hag einschloß.
Das fiel mit der Zeit zusammen, wo ihm die
Brust entzogen und Grünfutter gegeben wurde.

Aus Gewohnheit brachte ihm die Ma-
laiin fein Fressen in den Hag. Wenn der
Hirsch sie kommen sah, sprang er in hitziger
Ungeduld an der Tür hoch. Drinnen drückte
er^ sich an sie und wälzte sich um sie herun:.
Wenn sie wieder ging, stand er unbeweglich
an der Gittertür, schaute ihr nnt wehmütigen
Augen solange nach, wie er sie sah, und hielt
die Augen still auf dem Punkt fest, wo sie
verschwunden war. Dazu pfiff er leis und
traurig.

Konnte die Frau nicht kommen und
mußte ein anderer das Fressen bringen, so
ließ er ihn nicht zu sich. Er rannte nnt
seinen scharfen, rasch wachsenden Hörnern
gegen alles Fremde, was in seinen Hag
kam. Bald traute kein Mensch sich :nehr zu
ihn:. Man warf sein Fressen über das Draht-
gitter. Aber er ließ es unberührt und ging rasch
und ruhelos umher. Er fraß erst wieder, was
die Nährmutter brachte

Einmal war die Frau einige Tage am Kam-
inen verhindert. Sie hatte ein kleines abgebautes
Tabakfeld zun: Reispflanzen bekon:men und das
lag weit draußen. Sie band morgens ihr Kind
auf den Rücken, nahm die Hacke und ging hin-
aus. Der Hirsch fraß nicht mehr. Da bat der
Verwalter die Frau, sie solle jeden Morgen, be-
vor sie zun: Reisacker ginge, dem Hirschen Futter
bringen.

An: nächsten Morgen wollte die Malaiin das
tun. Sie hatte ihr Ackergerät mit. Das Kind
war hungrig und schrie. Sie zog es nnt dem
Tuch von: Rücken und band es sich an die nackte
Brust fest. Dort trank es. So ging die Malaiin
in den Hag. Der Hirsch stand nicht fern von
der Tür. Auf einmal sprang er auf die Frau
zu und stieß von unten mit aller Gewalt das
junge spitze Gehörn in das Bündel, in dem die
Frau das Kind trug.

Das Kind starb an der Verwundung. Die
Malaiin wollte nicht mehr zum Hirschen gehn,
fütterte ihn nicht mehr und verließ bald die Pflan-
zung. Da ging der Hirsch ein. Man fand ihn
eines morgens tot in seinen: Lager.

Hier war keine Grenze zwischen Mensch und
Tier gewesen, Urgefühl. Adam und Hirsch aus
demselben irdischen Staub, demselben Schöpfer-
odem, derselben Liebe.

Meiner Mutter

Die letzten Glocken klangen aus,

Der Wind huscht ängstlich um die Scheiben
Und fliegt davon. Doch Schatten bleiben
Und irren um im stillen Haus.

3ch fühlte oft der Einsamkeit
Verblaßte Schwingen mich umwehen,

Doch könnt ich nie ihr Lied verstehen,

Das sie mir sang von dunklem Leid.

Weißt, Mutter, Du des Liedes Sinn?

Es schleicht in Nächten durch mein Zinnner.
Es geht in Wänden wie Gewimmer,

Die tiefste Not ist wohl darin . . .

Die Kerze lischt. Wer losch sie aus? . .
Das Lied geht um im stillen Haus.

Günther Brienitzer

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A. De Nora: Erlöser
Max Frey: Weihnacht
Günther Brienitzer: Meiner Mutter
Norbert Jacques: Der Hirsch und die Malaiin
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