Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Morgenbesuch

Ceise öffnete das liebe Mädchen
Sich die Cure, schlich auf weichen Kohlen
Zum Geliebten, der noch schlummernd ruhte.
„Guten Morgen" küßt fie feine Lippen,
„Guten Morgen" druckt fie feine Hände
Und war schon mit rafchem 5uh verschwunden.
„Guten Morgen" lagt er halb noch träumend,
Öffnete die froherftaunten Rügen,

„Guten Morgen" klang es vor der Cure!

Banns ßbriftopb Me

Bewegung

3m Jfuto fliegen wir umhüllt von Staub.

Der Morgen ift von Wolken noch umfangen —
Dewegung pfeift als 5turm um untre Wangen; ~
Die Pappeln biegen fich im Silberlaub.

Gin Schloß entschwindet, rascher Dlicke Kaub,
Gehöfte fliehn, —flink kommt Gebüsch gegangen,
3m Stechfchritt schreiten Celegraphenftangen; —
Gin Knall — die Sinne werden blind und taub.

3ndes sich keuchend der Chauffeur bemüht,

3n die Pneumatiks frifd)e Luft zu pumpen,

Seh ich zur Cränke träg die Herde schleiche».

Gin Schäfer mit bedächtigem Gemüt

Geht nebenher - rings sprühen schwarze IGumpen,

wo vor den Hufen feucht die Schollen weichen.

Martina Wed

Ein Ktefc

Von Otto Ehingen

In dem windigen Bretterverschlag, welcher der
Magd eines Bäuerleins zur Schlafstelle diente,
kam er eines Nachts rasch, ohne Hebamme, zur
Welt. Es war just vier Wochen vor der Hochzeit
seiner Ettern.

Sechsundachtzig Jahre lebte er dann auf den
Halden des gleichen Bodenseenestes.

Täglich fünfmal bitten dessen Bewohner den
lieben Gott, er möge sie in seinem ebenso häufigen
wie gerechten Grimme doch nicht in seine Hölle
stecken. Nur drei Lehrer und er, der Rebmann
Baptist Falz, bettelten nicht. Aber er allein hat
die trotzige Wahrheit mit seinem Herzen ge-
funden, ohne Worte, Gedanken oder Gelahrtheit.

Im letzteir Jahr drückten ihn die Tage und die
Nächte, und kein Trunk wollte ihm mehr munden.
Da jagte er die mißgelaunte Seele aus dem Leib.

Besiegung des Todes

Das Spitalgebäude stand hell in der Nacht
hinter den schwarzen Tannenspitzen, die ans dem
dunklen Stadtgraben heraufragen.

Die alterskranken Armen — die schließlich
daran sterben, daß der Körper das ganze Leben
lang mehr bezahlen muß, als er empfängt —
und die bei der Arbeit Verunglückten, denen man
die zerrissenen Glieder wieder heilte, schliefen oder
lagen mit offenen Augen im Finstern. Die ärm-
lichen Fenster, die in drei Reihen übereinander
liegen, waren nachtschwarz bis auf eines.

Dort stöhirt der greise Baptist alle Minuten
so laut auf, daß die Nachbarn drüben über dem
Graben nicht einschlafen können. „Hmm —!
Hmm — !"

Iti dem Zimmer stehen zwei Beite». Inr einen
liegt still ein Landstreicher in rotgestreiftem sau-
berem Wollhemd. Im andern der Baptist.

Er drückt feinen kurzgeschorenen weißen Kopf
in die Kissen, krümmt den Körper, ftemmt die
Fäuste von unten gegen die Brust imb stöhnt
zornig: „Hmm -! Hmm — !"

Am Nachmittag ist er angewankt in seinen
Sonntagskleidern. Morgen sei er tot, hat der
Arzt gesagt.

Am Bett sitzt die barmherzige Schwester und
betet still, und hinter ihr stehen seine Söhne und
sein Neffe. Die Söhne, voti des Vaters Art,
schauen dem Todeskampf ruhig zu. Der Neffe
aber redet.

„Baptist, Baptist, wollt Ihr dem Herrn Pfarrer
immer noch tiicht beichten? Denkt doch endlich,
endlich ans Sterben!

Ihr könntet einen guten, schönen Tod haben,
wenn Ihr beichten tätet! Unser Herrgott tät es
gnädig mit Euch mache» im Fegfeuer, weil Ihr
schon so alt seid!"

Im Hirn des Kranken aber wird die Schlacht
von Waghäusel geschlagen. Die verwundeten
Schweine schreien in dem Stall, hinter dem er
liegt. Immer neue Kugeln hämmern die Preußen
oon drüben in die Bretter und bohren sie in die
aufquitschenden Tiere--

Dann ist er in der getünchten Kammer mit
dem Kruzifix und Papst Pius detn neunten in
Öldruck. Seine Frau kriegt ein Kind und schreit
gerade hinaus. Er setzt sich aus Versehen mitten
in den Myrtenkranz und auf das weiße Kleid,
die vom gestrigen Hochzeitsfest her noch auf dem
Stuhl am Fenster liegen.

Auf beut Feld draußen fällt währenddessen
sein lieber Schecke um, der sich am jungen Klee
überfressen hat, und zerreißt sich den Magen-

Der Neffe rührt ihm an die Schulter. Da
gerät er in Zorn.

Hat er nicht jedes Glas Wein für seine Räusche
bezahlt, so wie es recht ist? Und immer gearbeitet?
Wenn der Geistliche de» Teufel auf einen ehrlichen
Mann loslassen will — —

„Du und der Pfarrer, Ihr könnt mir
alle beide — —!" ruft er so laut, daß die
Schreiner- unö Schuhmachermeister in ihren Betten
überm Stadlgrabeit drüben jede Silbe verstehen
und schaudernd Licht anzünden.

„Ich sterb' überhaupt, wann ich mag!"

Man weiß nicht recht, wie sich der Baptist
anstellte, als in jener Nacht der Tod sich zeigte.

Die Männer waren fortgegangen und die Nomte
gerade ein wenig eingefchlummert.

Jedenfalls hat er eine Woche später wieder
gearbeitet in den kahlen Reben über bau See,
durch die zwischen Winter und Frühling der nasse
Föhn fauchte.

Aber seine Lebenskraft war gebrochen.

Dev Sali

Tie heißen Türme der alten Ringmauer »ud
der Kirchen und Schlösser des Städtchens ragten
weißlich aus den Weinbergen, in denen die Sonne
kochte. Nichts lebte an jenem Sonntag Nach-
mittag in den Gassen, in denen die heiße Luft
stille stand.

Aber aus den Schenken am Markt tönte
Geschrei »nd Lachen, gedämpft buvrl) die ge-
schlossenen Fenster, in den Sonnenbrand.

In der „Germania" saß der Baptist unter
den Bürgern. Cr versuchte wieder einmal, mit
Wein die Stricke zu sprengen, die ihm der Tod
im Winter um Hirn und Brust gelegt hatte.

„Ihr solltet ein wenig warten, Baptist!" sagte
das gutherzige Friedele, als er das zehnte Glas
verlangte.

„Nein! Heut muß er versaufen, der drin
hockt in mir!"

Aber am Abend geht er — — besiegt.

Während die eine Hand nach dem eisernen
Geländer neben den drei Steinstufen tappt, trägt
die andere sorgfältig einen gefüllten Weinkrug.

In der Mitte des Marktplatzes wird ihm die
Gewißheit, daß er fallen werde.

Nie im Leben war etwas stärker als er:
Kein Baum, den er fällen, kein Stein, den er
heben wollte! Nur die Preußen-

Er streckt die gekrallte Hand in die Luft und
schreit im Zorn: „Häuser her!! Häuser her!!
Hän—ser —!"

Einen Augenblick scheint es ihm, als ob sich
die alte» Mauern wirklich bewegten. Aber es
ist eine Täuschung. Mit einem Fluch klatscht er
auf die Erde hin.

Seine Schulter ist zerschlagen, — den vollen
Weinkrug hält er hoch empor.

So liegt er auf dem Pflaster und sieht die
runden Rücken der Kiesel direkt vor seinen Augen.
Verstohlen lachende Kinder stellen sich um ihn
her. Ein Geschmack von Schande kommt ihm
in den Mund.

Einige Bürger kommen eilig aus dein Wirts-
haus. „Ja Baptist! Du!" iind sie wollen ihn
aufheben

Der Mann am Boden hebt den finsteren
Kopf: „Liegen lassen! Liegen lassen!
— — Charrakter bis zum Verrecken!"

Dann sinkt das Haupl wieder zurück, während
die feste Rechte den vollen Weinkrug hochhält.

Eine Stunde später geht er still nach Hause,
allein.

Selbsterlösung

Ende des Jahres saß er an einem warmen
Dezembertag ans der Schwelle seiner Haustür,
an den alten zernarbten hölzernen Pfosten gelehnt.
In seinen langen knochigen Armen hielt er den
jüngsten Enkel, der ein halbes Jahr alt war und
mit runden Augen aus dem weiß- und rotgestreiften
Kissen herausschaute.

Er hielt das Kind leicht und behutsam: Er
haßte nur sich selbst, seit ihm die üble Laune, von
dem Klumpen auf seiner Brust her, Tag und
Nacht durch alle Glieder kroch.

Ein paar Mädchen kamen aus der Schule
durch die Gaste.

„Oh das ist 's Iosephlein," sagte die mit den
roten Zöpfen, lief die Stufen hinauf und nahm
dem alten Mann nach einenr fragenden Blick das
Kind aus den Armen. Sie gab dem «äuglmg

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