Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Der gefesselte

Nicht weichlich bin ich, eher rücksichtslos,
Noch stet; vergast ich jeden 5chlag und 5loh.
Und fühlt ich wo, dah man mich

unfrei machte,

stih ich mid) los und brach durch jeden

iLwang,

Lin alter Habicht, der de; Zager; lachte,
Strich ich vom JUt und drohte mit dem Fang,
Selbst Schönheit, die mid) liebevoll besonnte,
War nie Io stark, dah ste mid) halte» konnte.

Sensation

R. Rost

Oft dacht ich da: Du bist ein rechter Mann,

Den keiner kappen oder knebeln kann!
heut aber weih ich, was mid) doch bezwingt:
Lin blaffe; Mädchen hält schon viel zu lange
Mich Zreigeborncn aus der Dogelltange
Und e; ist leltlam, wie ihr das gelingt.

Wenn ich ihr tage, dah ich wandern muh,
Schmilzt sie nicht hin mit lautem Cränenguh,
Sie wird nur bläh und lieht mid) zitternd an,
So hilflos weh, dah ich'; nicht tragen kann,
Lin Kind im Walde, da; den Weg verlor
Und vor der Dad;t steht fern dem Heimatstor,

0 bange Schwäche! Zhr erlieg ich dann!

Wie könnt ich gehn, steht ste mich allo an?
Zn diesem Blick ist jede; Licht verloht —

Mir wird';, als geigt im Dunkeln drin der Ctod,
Und ich, der ketten brach, die mid) umwunden,
Don feidnen Schnüren bleib ich weich gebunden,

«eorg Lulle-Palma

Jn der Tanz-Schule

Die kleine Rene ist die Königin der Schule
von Madame Felde, Keine vermag wie sie die
Arme zu heben und mit dem Köpfchen zu den
kleinen Füßen hinunter zu grüßen, daß die vor
Freude unten aufspringen. Daß man ganz leicht
und immer selig sein muß, um tanzen zu können,
weiß sie.

Aber wie schön sie in Wirklichkeit ist, das
ahnt sie jetzt nod) nicht. Erst später, wenn sie
einmal wissend ihr Bild sieht, wird sie selber
staunen, daß es so viel schöne Natur gibt,

Linas Beine fliegen höher, trotzdeni sie kleiner
als die anderen ist. Sie besitzt den meisten Fleiß
und es kümmert sie nidjt, daß ihre Taille wie
ein Rosenkeld) emporwädist. Sie kann nid)t die
einfachste Mildisuppe zu Hause kod)en, darum
muß sie eine gute Künstlerin werden, and) weil
sie nur einen Mann heiraten will, den sie liebt,
und der wird gewiß sehr arm sein,

Marie hält nichts auf Grazie, Sie ist im
hohen Sinne Lebenskünstlerin, darum wirken ihre
Bewegungen and) so drastisd,. Sie schwingt den
Fuß bis über den Kopf, bekreuzt sich mit den
Zehen und spudrt dabei den Anderen ins Gesid)t,

Sie ist Abenteuerin rmd revolutionär, würde
fid) aber selbst an der Guillotine tanzend vorbei-
drücken, Der Teufel hätte sie sicher ihrer Schand-
taten wegen längst geholt, wenn er sie nuidjte,
das weiß sie and) genau und nützt es aus. Sie

ist überhaupt sehr klug, überall verfolgt sie wie im
Tanze stark besondere Ziele, Sie betrad)tet und
bead)tet all die schönen Talente Anderer, beneidet
sie aber nidjf; denn für sie sind cs nur Anfangs-
stadie», die ihr nidits nützen können.

Wenn eine Elevin zu tanzen beginnt, nimmt
sie ihren Fuß in die Hand und sagt: „Arme
Kleine!"

* * *

„Doucement, doucement, ma Alle!“ ruft
Madame Felde dem braunen Mädel mit dem
kleinen Kopfe zu. Die Kleine empfindet die Musik
wilder, leidenschaftlicher, als ihre Kolleginnen,
überaus sensibel sind ihre Bewegungen. Sie ist
fortwährend in Ekstase; ihren Körper durchbebt
jede Note, man sieht, wie sie mitarbeitet am Rhyth-
mus, wie sid) ihre Muskeln zusammenkrampfen,
wie sie mit den Händen herausholt, was sie emp-
findet. Sie denkt beim Tanze immer an Liebe —
sie durchleidet ihn.

„Du, ich muß mich so weit zurückbiegen, wenn
du mid) ansiehst, weil sonst die Sehnsucht mich
so sd)wer nach vorne zieht, daß id) zusammensinken
müßte, — Du, du hast eine andere Frau geküßt;

ich fühle es deinem Kusse an.-

Soll id) leiden um Einen, da id) Viele lieben
kann. — 3d) will Mutter werden für did), mein
Leib ist mutig um Deinetwillen, Fd) möchte tausend
Sd>id!sale ertragen. — Mein Lachen verstehst du
nid)t, du bist mir so fremd. — — —

Halte mid) fest, ganz fest, so einsam bin id);
ich habe nur did). Nichts schmerzt mich mehr
als dies: id) habe did) überwunden und stehe

nun groß und stolz und einsam da.-—

Mus; ich so tiefe Sehnsucht nad) dir tragen?"

Die Arbeit ist zu Ende, Klavier, Geige und
Klarinette sdiweigen, Lad)en und Reden geht durä)
den kleinen, spiegelumrahmten Saal,

Bleid; und schweigend sitzt die kleine Braune
auf der Bank, sie denkt müde daran, daß sie
morgen fortfährt — wohin weiß sie nod) nicht —
und daß sie vielleid)t in Zukunft etwas anderes
tun wird als tanzen.

Mila de Pinggera

Stadt, du steinernes Ackerland

Stadt, du steinernes Ackerland,

Schollen die yäuler, vom Frühlicht umlprüht,
Darin da; Saatreich der Menlchen blüht,
gebleicht von Sonnen-, von Feuerbrand:

Unfruchtbare du,

Die der Degen düngt,

Die mordend sich stet; au; sich selber verjüngt —
Sage, wann reifst du der Lrnte zu?

Armin Z. Ulcancr

Der ßottbegriff

Gin Schuster drängt sich zag heran
Und sängt zu lamentieren an:

„(trotz aller Predigt, Dächer, Ded', —

Den 6ottbegriff begreif i net!"

Der Weile hört ihm lächelnd zu
Und sprach: „Latz Deinen golt in Duh', —
Wen» Dir der gottbegrilf ging ein, -
Dann mühte gott ein Schuster lein."

Karl m. 3. Keltenbach

Bundererziebung

Bon Jules (Kopenhagen)

Personen:

Ev, weitblickend und zielbcwnßt, zu labhrinthi-
tchem Tiefsinn neigend.

Sic, still, halsstarrig.

Es, vier Jahre alt,

(Er und sic sitzen, ein jede? auf seinem Stuhl,
in dem kleinen Boudoir zwischen Wohn- und Eß-
zimmer kurz vor Tisch.)

Er: Nein, ich will dir was sagen , . . wenn
id) es selbst übernommen habe, die Erziehung
des Kindes zu leiten, so ,, ,

Sic: Du . , , die Erziehung des Kindes , , .
leiten , , ,

Er: Ja, wenn id) es selbst übernommen habe ,.
Sic: Aber id) bin es ja, die beit Zungen in
jeder Beziehung, , ,

Er (spöttisch): Wie meinst du?

Sie: Die ihn ... die ihn großzieht.

Er (beißend): Großzieht?

Sie: Allerdings,

Er Na, hör mal, liebes Kind , , , wessen
Prinzipien sind denn entscheidend , , ,

Sic: Zweifellos die meinen.

Er: Das ist dod) wirklich ein bißchen komisch!
Darf ich ein für allemal fragen, nach welchen
Prinzipien das Kind erzogen wird?

Sie: Fd) sage es dir ja. Nach den meinen!
Er: Willst du nid)t ein wenig detaillieren?
Sic: Dazu Hab id) wirklich keine Zeit,

Er: Du weißt es selber nid)t, Fd) Hab did)
im verborgnen zu meinem Werkzeug gemad)t.
Was ich bei der Erziehung des Kindes durch-
zusetzen gewünsd)t habe, ist dies: Das Kind soll
behutsam, durch seine eignen Fnstinkte, dahin
gebracht werden , , ,

Es (kommt aus der Wohnstube): Nu deh id)

ssu Tisch,

Er: Na ja, gehn wir zu Tisd),

<Sie folgen dem Kleinen ins Eßzimmer und setzen sich)
Sic: Was willst du haben, Bubi?

Es: Bubi Pidrles,

Er: , , , dahingebrad)t werden , , .

Sic: Bitte schön, Bubid)en,

Er: Du gibst ihm aber wirklid, zu viel
Pidtles.

Sic: Du selbst hast ihn ja Pidtles essen ge-
lehrt.

Er: Fd) habe das Kind ganz und gar nid>ts
gelehrt,

Sic: Etwas Glltes jedenfalls nidjt. Wenn
id) mid) seiner n:cht angenommen hätte, so . . .
Es: Bati dnt.

Er: Fst Vater gut, lieber Bubi?

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Georg Busse-Palma: Der Gefesselte
Richard Rost: Sensation
Jules: Kindererziehung
Mila de Pinggera: In der Tanz-Schule
Karl M. J. Rettenbach: Der Gottbegriff
Armin Theophil Wegner: Stadt, du steinernes Ackerland...
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