Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Unsterblichkeit

JTIIcs kommt wieder, was stirbt und vergeht,
heimlich waltende Kräfte heben
Oeu zum Licht das verblühte Leben,

Bis es leuchtender ausersteht.

Die wir im Dunkel des Leides gehn,

Nur verkettet durch unsre Träume,

Air auch werden als blühende Bäume
Linmal selig beilammen stehn!

tbusnelda Uloiff-Kettner

Skizzen

Von VT. Schebujcff

Perpetuum

Wir trafen in einem Restaurant zusammen.

Wir kamen natürlich auf Frauen zu sprechen.

„In meinem Leben," sagte er, „spielen Frauen
keine Rolle!"

„Sie Unglücklicher!" sagte ich mitleidsvoll.

* * *

Nach acht Tagen trafen mir wieder im Restau-
rant zusammen.

Das Gespräch drehte sich natürlich wieder um
die Frauen:

„In meinem Leben," sagte er, „spielen Frauen
keine Rolle!"

„Sie Glücklicher!" rief ich neidisch aus.

Nach einer Woche sprachen wir wieder von
den Frauen.

„In meinem Leben spielen Frauen keine Rolle,"
sagte ich und lehnte mich nachlässig in den Sessel
zurück.

„Sie Unglücklicher!" rief er mitleidig.

Nach acht Tagen sahen wir uns wieder.

Ich sagte:

„In meinem Leben spielen Frauen keine Rolle."

„Oh, Sie Glücklicher!" stieß er mit Gereizt-
heit zwischen den Zähnen hervor.

Heute sprachen wir wieder über die Frauen.

„Ich begreife nicht, was Sie davon haben,
immer das gleiche Thema anzuschlagen!" hauchte
er lässig. „Das ist ein perpetuum mobile!"

„Perpetuum immobile!" verbesserte ich ihn.

Die Teerose

Sie sagte:

„Eine rote Rose würde zu diesem Kleide sehr
gut passen!"

Dann überlegte sie einen Augenblick und fügte
hinzu:

„Aber eine Teerose würde am besten passen!"

Ich erwiderte:

„In einer Viertelstunde werden Sie eine Tee-
rose haben."

Ich wußte nicht, was die schönste Teerose in
der Blumenhandlung kostete.

Ich hielt einen Silberrubel, den einzigen
Silberrubel, das einzige Geldstück, was ich an
jenem Abend besaß, fest in meiner Hand und
lief, eine Rose kaufen.

Unterwegs warf ich beinahe eine alte gebrech-
liche Bettlerin, die ein kleines Kind auf dem
Arm hatte, zu Boden.

„Grande Amoureuse“

Wir sind aus Wachs. Du bist ein Erz,
Graüiert mit feinster Selbstkultur.

Vier Siegel hat Dein stolzes Herz,
„Chercheuse d’amour!“

Im Speisesaal der ernste Mann
Mit Tituskopf mir vis-a-vis —

Du kokettiertest! Sagtest dann -
„C’est mon ami.“

Da ich im Wintergarten fand
Dich mit dem Kapitän — en deux —,
Du machtest lächelnd uns bekannt:
„Mon amoureux.“

Als Dir im Boudoir entfiel
Das Bild — ein junger Elegant!

Ich bebte. Du mit Gleichmutspiel:
„C’est mon amant.“

Und ich?! Im Staub anbetend Dich,
Dein armer Dichter?! Oh malheur!
Mich präsentierst Du öffentlich:

„Mon amateur!"

Armin Brunner

Das kleine kranke Kind bat mit Herzzerreißen-
der Stimme:

„Eine Kopeke! Gott wird es Euch vergelten,
eine Kopeke!"

Ich schob die alte Frau zur Seite urtb trat
vor lauter Überstürzung dem anderen Kinde, das
sich scheu an den Rock der Bettlerin schmiegte,
auf den Fuß.

Das Kind schrie vor Schmerz auf und sah mit
solch' flehendem, qualvollem und verschlagenem
Blick zu nur auf, daß sich mein Herz zusanunen-
preßte und ich am liebsten selbst aufgeschrieen hätte.

Aber ich wurde nicht sentimental! Oh, ich
schwöre Ihnen, Zoja, ich wurde nicht sentimental.
Nicht einen Augenblick dachte ich daran, diesen
vom Schicksal bedrängten, scheuen Bettlern den
Silberrubel zu geben. Bor ihren Augen machte
ich die Tür der Blnmenhandlung auf. Ich wählte
für einen Rubel die schönste Rose aus. Vor
ihren Augen wählte ich sie aus. Während der
ganzen Zeit sah die Bettlerin durch die Fenster-
scheibe zu mir herüber. Ich fühlte drei Paar

hungriger Augen, die jede meiner Bewegungen
gierig verfolgt hatten, auf mir ruhen. Aber
ich schwöre Ihnen, Zoja, ich war tapfer: das
Gefühl der Verlegenheit und der Schande
hatte auch nicht für einen Augenblick den
Sieg über das Gefühl der Freude davon-
getragen, das ich bei dem Gedanken emp-
fand, Ihren Wunsch erfüllt zu haben ... Ich
hätte diese Rose ohne Besinnen auch dann
gekauft, wenn die da draußen hinter dem Fen-
ster alle drei vor Hunger und Kälte gestorben
wären ... Da haben Sie die Teerose . . .
Erlauben Sie, daß ich sie Ihnen selbst ins
Haar stecke. . ."

„Was . . . Was fällt Ihnen ein . . .
Sie sind wohl von Sinnen. . . Sie verder-
ben mir ja meine Frisur . . .!"

Sie nahm die Teerose und legte sie ans
Haar:

„Nein. . . Eine rote Rose hätte zu diesem
Kleide besser gepaßt.... Was denken Sie?"

Und ohne eine Antwort abzuwarten, schleuderte
sie die Teerose in das prasselnde Kaminfeuer.

Tatssens Uoffum

„Nur meine Feinde und Neider haben das
falsche Gerücht verbreitet, daß ich ganz nackt
tanze. Zeitungen haben diese empörende Lüge
aufgefangen, und ich weiß nun nicht, was tun,
um das Gerede zu unterdrücken."

Mit offensichtlicher Empörung ließ Taissa ihre
lürschroleit Lippen hängen.

„Sie waren ja in der Vorstellung. Sagen
Sie mir bitte auf Ehre und Gewissen, haben Sie
mich völlig nackt gesehen? Natürlich tanze ich
ohne Trikot. Aber gegenwärtig ist es überall
Brauch, ohne Trikot zu tanzen . . . Sagen Sie
mir doch, was haben Sie nackt an mir gesehen?"

„Ich habe Ihren bezaubernden Hals gesehen...
Ihre schneeweißen Schultern und Ihre entzücken-
den Arme... Ihre sinnverwirrende Brust."

„Aber weshalb dürfen die Damen der Ge-
sellschaft auf Bällen ihre Schulter und Brust ent-
blößt zur Schau tragen, und weshalb soll ich
es nicht dürfen! Nein, sagen Sie wirklich, was
haben Sie denn sonst noch bei mir gesehen? ..."

„Ich habe Ihren feingemeißelten Rücken mit
dem allerliebsten Muttermal unter dem linken
Schulterblatte gesehen. . . Ich habe Ihre ein-
zigen Füßchen mit den rosigen Nägeln gesehen..."

„Heutzutage tanzen alle barfuß . . . Man
würde mich ja auslachen, wenn ich Tanzschuhe
anziehen wollte. Nun, weiter, fahren Sie fort...
Was haben Sie noch bei mir gesehen? . . "

„Ihren biegsamen, schlängelnden Körper . . .
Ihre blendenden Hüften . .. Ihren Leib .. ."

„Leib!... Ich kann doch nicht den Bauch-
tanz, den Tanz der Glut, den Tanz der Wonne,
den Tanz des Orients mit von Fischbein einge-
schnürtem Leib tanzen! . . . Bitte, sagen Sie
weiter, was Sie noch an mir gesehen haben?"

Ich schwieg und sann nach, was noch hinzu-
zufügen wäre.

„Aha! . . . Sie schweigen! Sehen Sie!?
Habe ich nicht recht!.. . Alles andere hatte ich
eingehüllt... Sie haben sich jetzt davon über-
zeugt, wie infam die verleumderischen Ausfälle
meiner Feinde sind!... Laufen Sie schnell in
alle Redaktionen und lassen Sie alles demen-
tieren. Nein, man niuß wirklich Dreistigkeit be-
sitzen, um zu behaupten, daß ich nackt tanze!..."

(Autorisierte Übersetzung
aus dem Russischen von A. Abowsky)

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N. Schebujeff: Skizzen
Armin Brunner: Grande Amoureuse
Fritz Burger-Mühlfeld: Vignette
Thusnelda Wolff-Kettner: Unsterblichkeit
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