Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Junker und Reich

Graf Porck im preußischen Herrenhaus
Sprach neulich zornig die Ansicht aus,

Daß Preußens Vormacht auf deutscher Erde
Durch die Einzelstaaten geschmälert werde.

Und Preußen habe das Reich doch

gemacht —

Drum hat er den Antrag eingebracht,

Es sei die Regierung energisch zu bitten,

Daß sie sich erwehre solcher Sitten!

Und was sich der Reichstag alles erfrecht,
Das ist dem Herrn Grafen durchaus nicht recht:
Die Kleinen Anfragen beispielsweise
Mißfallen gar sehr dem feudalen Kreise;

Desgleichen die RüstungsKommission;

Und wiederholt hat der Reichstag schon,

Auf den die Herrn Junker immer gepfiffen,

In die Exekutive übergegriffen.

Der deutsche Reichstag, meint der Herr Graf,
Hat Geld zu bewilligen, fleißig und brav,

Geht aber das Recht und die Freiheit zu

Trünimern,

So hat er sich nicht darum zu kümmern!

Und überhaupt ist der Herr Graf
Gegen jeden Gesetzesparagraph,

Der die Macht des Kaisers zwar hebt ein wenig,
Aber nicht die vom preußischen König!

So dröhnte der preußische Junker ergrimmt —
Rur zwanzig haben dagegen gestimmt,

Doch waren — das hält mich trotz allem munter! —
Des Hauses beste Männer darunter!

Die dachten des anderen Porck vielleicht,
Dem der von heute so gar nicht gleicht,

Des Parck, dem die Freiheit in deutschen Landen
Hoch über dem preußischen König gestanden;

Des Porck, der eintrat mit stolzem Mut
Für des Volkes Ehre, fein höchstes Gut,

Und nicht für des Adels Interessen

Und die Privilegierten in goldenen Tressen! —

Und wäre der Porck aus der Gruft jetzt heraus
Gekommen ins preußische Herrenhaus,

Er beitt' feinem Enkel verdientermaßen
Einen ganz gehörigen Marsch geblasen!

I'ip8

*

Liebe Jugend!

Ich hatte jetzt, *9*-*, eine Gasrechnung von
I *0 Ulk. zu bezahlen. Davon gehen aber 76 Ulk.
ab, die mir im Jahre 19*5 zuviel eingerechnet
worden waren. Als ich die verbleibenden
5-* Ulk. bezahlt hatte, fragte ich den Be-
amten um Auskunft, wie so etwas
passieren könne.

Da gab er mir mit ernsthaftem
Gesichte zur Antwort: „Das is ä Amts-
geheimnis."

Neulich wird ein junger Rittmeister
aus Gstelbien in eine ganz kleine Ka-
vallerie-Garnison Süddeutschlands ver-
setzt. Dort fragt er nach, einiger Zeit
seinen biederen Wachtmeister:

„Sagen Sie mal, wie ist denn das
beim Kirchgang; müssen daran auch die
Offiziere teilnehmen?"

Da meint sein dicker, biederer süd-
deutscher Wachtmeister:

„Ja, kserr Rittmeischter, es isch e
mal von obe runter e Befehl gekomme,
die Perre Offizier, die müßte auch am
Kirchgänge teilnehme. Der Befehl isch
aber hier bei uns nie zur Aufnahme
g'langt."

„welch wundervoller Vormittag! Bis zehn
Uhr ist heute noch keine neue deutsche Zeitschrift
erschienen!"

vertrauen gegen vertrauen

Mit 185 Stimmen

Schloß sich das Hohe Herrenhaus

Dem Porck von Wartenburgschen grimmen

Vertrauensvotum an, — o Graus!

Herr Bethmann aber sprach voll Grauen:
„Ich danke sehr für das Vertrauen.

Roch so ein Votum des Vertrauns,

Und ich bin futschikato — schaun 6’!"

Friclo

*

Er stimmte nicht mit!

„Ree, nee", sprach Haeseler ruhevoll,
„Ick mach nich mit! Et is zu doll!

Wir leben in der Zeit der Sorge,

Die Vornographia evenlualis

In Berlin ist eine Postkarte beschlagnahmt
worden, auf der nicht einmal die kleinwinzigste
Nackigkeit auszuspüren ist, sondern nur eine am
Fenster stehende weinende Frauensperson, die ein
Wickelkind iui Arm hält, während auf der Straße
ein Mann zu sehen ist, der im Reiseanzug schein-
bar in großer Eile Reißaus nimmt.

Die Unzüchtigkeit wurde darin erblickt, „daß
die Frauensperson — keinen Trauring an-
hatte, also das Bild auf einen mit Folgen ge-
segneten außerehelichen Verkehr hindeutet."

Man denke!

In Zukunft könnte man jedes Bildchen kon-
fiszieren, auf dem überhaupt ein Pärchen ohne
Trauring abgebildet ist, weil sich vermuten ließe,
daß sich die zwei Beiden mit sträflichen Absichten
irgendwohin begeben wollen, oder jedes Bild
einer Mutter mit Kind, auch ohne davoneilenden
Mann. Und selbst wenn die Frau einen Trau-
ring an hat — wer bürgt denn dafür, daß das
Baby legitim ist, sozusagen? Man konfisziere!
Und wenn das Bild bloß ein Mannsbild ohne
Weib und K.nd darstellt — weg damit! Dann
ist er sicher vor einer Frauensperson mit Kind
ausgerissen, natürlich nicht seiner legitimen Frau,
sonst wär er ja gar nicht ausgerissen! Hat er
einen Trauring an, umso pis pour Iui! Dann
hat er als verheirateter Mann ein außereheliches
Verhältnis gehabt! Ist aber auf der Postkarte,
auf der keine Frau zu sehen ist, das Mannsbild
auch nicht mehr vorhanden, dann ist er eben be-
reits ausgerissen und man darf sich seiner außer-
ehelichen Streiche wegen nur umso schlimmeren
Vermutungen hingeben. Das läßt geradezu auf
Scharen illegitimer Babys schließen! Zeigt die
Postkarte eine einfache Landschaft, so können
hinter jedem Busch und jedem Hügel die abscheu-
lichsten Dinge vorgehen und zeigt sie z. B. ein
Stilleben mit Äpfeln, so kann man sich zu jedem
Apfel eine Eva im kotisiszierlichsten Kostüm den-
ken, kann sich ganze Mengen empörender männ-
licher und weiblicher Nuditäten als Evas und
Adanis vorstellen, wentt man nur eine gesunde
Phantasie hat! Das Beste ist, mmi macht's über-
haupt wie der Islani, verbietet da en bloe die
Darstellung aller lebenben Wesen, Tiere und
Pflatizen und beschränkt sich ganz auf das Linien-
Ornament. Das kann sich wenigstens nicht un-
anftünd g aufführen! Pips

Liebe Jugend!

Meine ältere Schwester stammt noch
ans der alten Schule und ist mit dieser
der Atisicht, daß Geschlechtsleben und
Fortpflanzung etwas Unschickliches seien.
Ich habe schon oft und vergeblich ver-
sucht, ihr diese Anschauung zu widerlegen.

Lines Tages stehen wir vor einem
blühenden Kirschbaum und sehe::, wie
die Insekten von Blüte zu Blüte fliegen,
und so deren Befruchtung bewirken. Ich
halte die günstige Gelegenheit für einen
neuen Bekehrungsversuch für gekommen
und sage:

„liier siehst Du nun einen wirklichen
Befruchtungsprozeß vor Dir, findest Du
auch nur irgend etwas Unästhetisches
oder Unschickliches dabei?"

Ich erhalte die prompte Antwort:
„Ja, das geht auch auf anständige Art
und Weise vor sich!"

Ich habe meine Bekehrungsversuche
aufgegeben. Soror

Rich in der Zeit der sauren Porcke!"

Kartellen


freireUgiötenja9d

Szeremley

Um in gewissen Gewiffcnssachc» sich Gewißheit zu verschaffen,
hat man in Bapern aus gewissen theologischen Zentrumskreisen
eine Gew.ssenspolizci errichtet.
Frido: Vertrauen gegen Vertrauen
Julius v. Szeremley: Freireligiösenjagd
Henry Bing: Der Kritiker
Karlchen: Er stimmte nicht mit
Soror: Liebe Jugend!
Pips: Junker und Reich
Pips: Die Pornographia eventualis
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