Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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darfst nicht fort. Wir brauchen ja nid)t in der
Stube sitzen; der Park hat Bäume, Schnee, Eis,
Wind und Wolken. . . du!" Dabei umfaßte sie
ihn, preßte fein Haupt an ihre warme, laute
Brust una Kühle seine Haare. „Versprich m,r,
daß du bei mir bleibst!"

Er schwieg und stöhnte ans wie ein durstiges
Tier.

Der vierte Sonntag kam. Atemlos wölbte der
Nachmittag sich über das Land. Glanz prickelte
auf allen Schneekristallen. Sehnsuchtsblaue Berge
wogten in der Ferne auf und lockten wie exotisch-
schöne, verführerische Frauen, daß die Leute am
Rande d.s Parkes stehen blieben und schweigsam
in die Ferne schauten.

Georg Ork ließ, als er die Berge sah, den
Arm aus dem der Geliebten gleiten, vergaß zu
reden und fing leise zu beben an. Madleine
wollte ihn ängstlich an sich ziehen, er aber wehrte
ihr. So standen die beiden getrennt nebeneinan-
der ; ihre Blicke fielen zur Erde, die seinen flogen
weit, w.it hinaus zu d.n lockenden Bergen.

Und er hörte den hohen Schnee: „Komm id)
schenke dir meine Reinheit, die keiner noch be-
rührte ! Singen will ich dir ein weißes, silbernes
Lied, daß deine schlanken Schuhe fiebern vor
Entzückung."

Und die Wälder riefen: „Komm, Seide glitzert
auf unseren Gliedern! Wir opfern Harz aus
»nsern Herzen, daß du aufschrickst vor frischer
Wollust."

Und ein Berg begann zu singen: „Komm,
ich will, dienend wie eine schöne Sklavin, dich
in den blanken Himmel heben, hoch, höher, immer
höher hinauf!"

Überwältigt stand Georg ba; sehnsüchtiges
Licht brach plötzlich aus den verträumten Augen
und sein Mund stöhnte: „Ich muß am Sonntag
wieder in die Berge! Ich — muß!" — —

Auf dem Heiniwege gingen Madleine und
Georg wortlos nebeneinander. Der Schnee schrie
auf unter ihren Schritten, tiefer hängt.'
die Dämmerung sich in die frierenden
Bäume und stand, als die beiden in
die Stadt kamen, schon traurig um die
Laternen, als wäre ihr das Weinen
nahe.

Nachts als das Licht gestorben
war, starrte Madleine in das Dunkel,
dachte, sann. Weiße Berge glitten als
unselige Erscheinungen in das Zimmer
und stellten sich vor das zerwühlte
Bett. Madleine zitterte und schrie:

„O, daß ich euch den weißen Hermelin
von den Schultern reißen, allen Glanz
trüben, eure Häupter stürzen, eure
Wälder ausbrennen könnte! Den Tod,
vertaulendfacht, möchte ich an eure
Wege stellen, daß Abscheu über euch
wehte. Martern möchte ich euch.
quäle» . .

Dev Sporrsmann im Dariete

„Sie, Männeken, det mit ’m Degen
is ’nc alte Sache, — schlucken Sc mal
’n Ski!!"

Eissport - Ausdrücke

„Eisxoxo — was is das?"

„Ein schöner runder, weißt, weil
mau hier härter fällt."

Es ist eine alte (Beschichte . . .

(Ein winterspoetlichev Rcimschcr;)

Stets stellte Fritz sich Sotintags ein,
Holt' Laura ab zum Wintersport.

Ihr Baler sprach: „Geht nur allein!

Es ist eiir Nichts-da Hintersport."

Wie lächelte Gott Amor da:

Er liebt den Herzenszündersport,
Drum gilt ihm auch das Rodeln ja
Als rechter Armesündersport!

Es snchtelt ihre Lippen sich
ilnb fanden sich im Findersport!

Sie herzten sich gar inniglich,

Denn Lieb ist ein geschwinder Sport.
Sie fragte: „Liebst dn mich auch treu?
Nicht nur aus Herzensplündersport?"
Da schwor er: „Schatz, Hab keiire Scheu!
Hoch leb der Ehegründerspart!"

Bald einte sie das Standesamt
Im alten Ewigbindersport.

Sie stand in Seide und in Samt,

Er strahlte im Zylindersport.
Alljährlich kommt der Storch ins Haus,
Es grenzt schon fast an Kindersport,
— Und hiermit ist das Liedchen aus,
Ade, dn Reime s ch i n b e r sport! . . .

Rarlchc»

(Zeiftesgegenwarl

„Gottes Segen, — liebe Rinder!"

F. Heubne*

Der Mann mit dem Charakter

Bon Bruno VOoifpöiig

Ich habe keinen eisernen Charakter. Ich
hasse Unannehmlichkeiten. Wenn ich Schmerz
empfinde, schreie id) Oi-Oi, wie es die alten
Griechen taten, und wenn mich etwas freut, lache
ich laut und herzlich.

Anders mein Freund Gustav. Er lacht bei
ben besten Witzen nicht und läßt sich andrerseits
auch nie einen Schmerzenslaut erpressen! Er lebt
nach strengen Grundsätzen und behauptet, daß
nicht die Grundsätze für die Menschen, sondern
die Menschen für die Grundsätze da seien.

So auch im Sport. Gustav lehrt, daß der
Sport kein Vergnügen, sondern ein Verfahren
zur Stählung des Charakters sei, indem der
Mensch selbstgewählte Schwierigkeiten überwinde
und mit eiserner Konsequenz einem Vorgesetzten
Ziele zustrebe. Mich verachtet er und schalt mich
eines Tages einen weichen Lüstling, weil ich auf
Schwierigkeiten keinen besonder» Wert lege und
hie und da zehn Heller für meine Bequemlichkeit
aufwende. Den Vorwurf, daß ich keinen eisernen
Charakter habe, konnte ich nicht auf mir sitzen
lassen, zumal ich fühlte, daß er vollkommen be-
rechtigt sei. Ich widersprach also energisch.

Daraufhin lächelte Gustav und lud mich für
nächsten Sonntag zu einer gemeinsamen Ski-
partie ein. Ich bin zwar kein besonders tüchtiger
Fahrer, aber diesmal ging es um die Ehre. Ich
nahm also an und schlug den Siebenuhr-Schnell-
zug vor.

Er lächelte: „Wir fahren selbstverständlich mit
dem Sportzug um V» 5 Uhr früh."

„Warum denn so früh? . ." platzte ich los.
Aber ich biß mich auf die Lippen und schwieg
sofort, denn ich begriff, daß der Charakter be-
reits begonnen habe.

Unsäglich schwer entstieg ich Sonntags um
7» 4 Uhr früh dem warmen, weichen Bett, ver-
fluchte meinen Freund und begab mich
zum Bahnhof. Gustav stand natürlich
schon dort, ausgerüstet wie ein Nord-
polfahrer, mit Skiern von gigantischen
Dimensionen und einem Rucksack, der
vermuten ließ, er hätte auch den zu be-
steigenden Berg mitgenommen. Er
hatte alles mit, was ein Tourist unter
allen denkbaren Umstände» möglicher-
weise brauchen kann. Kompaß, Näh-
zeug, Reparaturmerkzeuge, Seile, Ver-
bandstoffe, eine Apotheke. Ich wun-
derte mich nur, daß er nicht auch einen
Sarg für den Bedarfsfall mitgenom-
nien hatte.

Der Zug war überfüllt. Wir mußten
im Mittelgange stehn. Ich schlug vor,
wenigstens die Rucksäcke abzulegen und
sich daraufzusetzen. Er sah mich mit
ruhigem Lächeln an, dann erwiderte
er: „Man steht!"

In meinem Innern fühlte ich unter
der Schwelle des Bewußtseins den Be-
griff „Esel" auftauchen. Doch ich schwieg,
und wir standen drei Stunden lang un-
beweglich, den Rucksack auf dem Rücken,
die Bretter int Arm, die Haube über
ben Kopf gezogen, wie Kreuzfahrer,
die vor den, heiligen Grabe in Jeru-
salem wachen. Der Jargon der ringsum
lebhaft summenden Stirnmen vervoll-
ständigte die Illusion.

Endlich war die Eisenbahnfahrt zu
Ende. Ich wollte auf einen der be-
reitstehenden Omnibusse stürzen, aber

on
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