Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Auf dem Kreuzeck Edwin Henel (München)

Prometheus auf Skiern

Jst's Schnee, der rosa unter meine» Skiern blüht?

Jst's Winterluft, die heiß um meine Schläfen zieht?

Der Watzmann, der sich frierend früh in Schleier» barg.

Liegt nackt und glanzend da, »och nnveratzt vom Telemark • . .

Ich reiße Hemd und Sweater von der feuchten
Haut und laß sie bronzen in der Sonne leuchten . ..

Nun über diesen Hang hinab. . . das Tal
Brandet noch grau in dumpfer Nebelqual . .

Ich sause.. trage die Sonne ans meinem Rücken .. flammenbeschwingt..
Prometheus bi» ich, der das Licht in Eure Tiefen bringt, . .

Jucundus Fröhlich

in die Augen stachen, zumal beide
sehr hübsch waren. Id) wechselte
ein paar freundliche Worte mit
ihnen uiib merkte, daß ihnen unsere
Begleitung nidjt unerwünscht ge-
wesen wäre.

Ich machte den Charakter leise
auf diese liebenswürdige Möglich-
keit aufmerksam. Mit gerunzelten
Brauen setzte er mir das harte
Wort entgegen:

„Auf Touren meidet man den
geschlechtlichen Verkehr."

Schweigend setzten wir unseren
Weg fort und id) beschäftigte mich
damit, in Gedanken meinen Freund
mit sämtlidien Schimpfworten zu
belegen, die mir in allen bekann-
ten Sprachen zur Verfügung standen.

Es ist nicht nötig zu erwähnen,
daß er oben angelangt die Barbarei
aufbrad)te, an dem stiminungsvollen
Schutzhaus vorüberzugehen und sid)
seitwärts in einer Sdineemulde nie-
derzulassen. Meinen Hinweis dar-
auf, daß id) keinen Proviant mit
habe, entkräftet er durch die würde-
volle Erklärung, daß es Pflicht des
Touren-Genossen sei, den Proviant
mit dem anderen zu teilen.

Er nahm aus der kleinsten
Seitentasche seines Rucksackes einen
wollenen Socken, in weld)eni ein
Brot und ein Stück harter, trockener
Wurst eingewickelt waren. Zwei
Dinge auf Erden hasse id), nämlid)

Würste und in und) höherem Maße
Käse. Ich versud>te die Charakter-
wurst. Sie war so miserabel, wie
id) es erwartet hatte. Id) bat um
etwas anderes. Da bot er mir
Käse. Id) hätte es mir denken
können.

„Kognak. Wein."

„Man trinkt keinen Alkohol."

„Eine Zigarette."

„Man raud)t nicht."

Nun sprach id) nid>ts mehr. Ich
verlangte nid)ts, id) rührte mid)
uid>t, um ihm nid)t Gelegenheit zu
geben nod) eine seiner widerlid)en Tugenden auf-
zuhissen. Aber int Stillen leistete id) mir selber
einen heiligen Schwur, charakterlos zu werde»
und es zu bleiben bis ans Ende meiner Tage.

Wir hatten nod) den steilen Schneehang der
Klobenwand zu übersteigen, um zur Abfahrt zu
gelangen. Gustav sd>nallte schon jetzt aus mir
unbekannten Gründen an und sd>ob sid) langsam
wie eine Lastzugslokomotive in zahllosen mühe-
vollen Serpentinen den Abhang hinan. Id) hin-
gegen zog, um ihn zu ärgern, einen Bindfaden
durd) die Spitzen meiner Skier und sd)leppte sie
seelenruhig hinterdrein, auf die Gefahr hin, für
ein Krokodil gehalten zu werden. Als gewöhn-
licher Fußgänger stieg id) schamlos beit Berg ge-
rade empor, was mir reid)lid) zwanzig Minuten
Borsprung vor meinem Freund verschaffte. Da
id, keinen Charakter besaß, hielt ich es nid)t für
meine Pflid)t, auf den Tourengenossen zu warten,
sondern besah mir die Abfahrt. Der Sd)nee war
stark vereist, stellenweise hart und spiegelnd wie
Glas. Id) wußte aus Erfahrung, daß hier zu
fahren nid)ts weniger als ein Vergnügen sei, und
ging zu Fuß weiter. Die Bretter ließ id) stillos
den Abhang hinab kollern. Bald hatte id) die
kleine Klobenhütte erreicht, wo ein paar nette

Leute saßen, die mäd>tig fraßen, soffen und rauch-
ten, und was die Hauptsache war, mid) dazu
einluden.

Nad) einer halben Stunde hörte man in weiter
Ferne wie aus dem kalten Weltraum kommend
ein leises Kratzen unb Schaben. Id) erklärte
meinen Zedigenossen, dies seien die ersten Vor-
boten meines Freundes Gustav Pid)ler, der auf
der vereisten Abfahrt in Charakter arbeite.

Wir schwiegen und lausd)ten. Man konnte
genau verfolgen, wie das Scharren jedesmal leise
begann, dann rasend zu einem schrecklichen höl-
zernen Angstgeprassel nnsd>woll, das plötzlid) ver-
stummte. Da mußten wir, daß der Wackere die
einzig sichere Basis, die dem Menschen in solchen
Fällen zur Verfügung steht, aufgesud)t habe. Nad)
jeder Pause erklang das Scharren näher und
grauenvoller. Es war, als vollführten 10 000
Skelette einen fröhlidicu Totentanz ins Tal.
Endlich nod) ein letztes fürd)terliches Qualgestemm,
eine kleine Sd)neelawine wurde an die Hütten-
tür geworfen, wir traten hinaus unb genossen
das Schauspiel, wie sid) ein menschlicher Körper
aus dem Schnee neu bildete. Ehrfürd)tig standen
wir da und bewunderten die Haltbarkeit des
Menschen. Einer, der Nietzsd)e gelesen hatte,

behauptete, dies sei die Geburt der
Tragödie.

Id) bin nun felsenfest überzeugt,
daß er gerne den angebotenen
Sd)naps getrunken hätte. Aber er
sah mein höhnisdics Gesid>t und so
unterließ er es. Er fragte mich:
„Wirft du nicht and) einmal an-
schnallen?"

„Füllt mir nid)t ein," erwiderte
id) heiter. „Id) habe meine Dis-
positionen geändert und besd)lossen,
eine Fußpartie zu machen."

„Du hast also dod) keinen Cha-
rakter."

„Nidzt die Bohne, lieber Gustav."
Geniütlich setzte ich mich in Trab.
Er wollte mir veräd)tlid) Vorfahren.
Aber die Skier liefen ihm davon.
Er fuhr ärsd)liugs ein kleines Stück,
danti schleuderte es ihn vornüber,
der Rucksack hüpfte ihm über den
Kopf, eine weiße Staubwolke wir-
belte, und ich sah nid)ts mehr als
einen jammervollen Trümmerhaufen,
NUS dem Bretter, Stäbe und mensch-
liche Körperteile wüst hervorragten.

„Schnall ab!" rief id) ihm zu
und setzte meinen Weg fort. Der
winterlidie Wald in seiner Schön-
heit ließ mid) das Gemid)t meines
Rucksacks und der unbcnützten
Marterinstrumente vergessen. Hie
und da, wenn id) mich an einer
freien Stelle umsah, konnte id)
sehen, wie sid, der Charakter hod)
oben auf deni Bergeshang ver-
zweifelt abmühte, um die Charak-
terlosigkeit einzuholen. Das be-
reitete mir eine innige Genugtu-
ung. Außerdem hatte id) den be-
friedigenden Eindruck, daß mein
Freund, sowohl, was Charakter
als and) räumliche Höhe anbelangt,
weit über mir stand, aber trotzdem
weit herabgekommener aussah.

Rad, erqickendem Marsche lan-
dete id, im Weid)tal - Wirtshaus,
wo id) mehrere Tassen der berühni-
tcn Sd)okolade trank und cs mir
überhaupt und) Kräften wohl sein ließ.

Biel, viel später kam Freund Gustav heran-
gekrochen. Er sah jämmerlid) aus. Mit Ans-
nähme einer etwaigen inneren Befriedigung hatte
er nid>ts Trockenes am Leibe. Jetzt trank er so-
gar einen Glühwein, was id) sofort grinsend an-
nagelte.

Dann hatte id) die weitere Genugtuung, daß
wir mit dem Omnibus zur Eisenbahnstation fuhren
inid daß er sid) beim Einsteigeti mit verdächtiger
Eile um einen bequemen Platz bemühte, auf dem
er sofort einsd)licf.

Im letzten Augenblick stiegen zu meiner freu-
digen Überraschung die beiden jungen Mädchen
ein, die wir im Aufstiege getroffen hatten. Auf
meiner Bank waren nod) zwei Plätze frei, und
so setzte sid) die eine red)ts, die andere links
von mir.

Wir wurden rasd, gut Freund und in an-
regenden Gesprächen verging die Zeit rasd, und
angenehm. Zuni Sd)lusse zog id) dem sd>lafenden
Gustav Rowotnis Katechismus aus der Tasche
und notierte mir darin mit seinem Bleistift die
Adresse der freundlichen Nachbarinnen. Er merkte
nid,ts davon. Sein Charakterkopf war weit vorn-
(Schluss auf S l()0b)

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