Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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„Pergeltsgottdausetmal"

und zogen friedlich ab mit
„Gegrüßt seist du, Maria.

Der Herr ist mit dir.

Du bist gebenedeiet unter den _
Weibern. .

lind dann war die Schneiderbas
immer sehr fröhlich eme Zeitlang.
Denn einen fröhlichen Geber hat
Gott lieb.

Einnial aber war es. da horten
wir Kinder eine ungeheuer harte
Stimme in der Ferne:

„Gegrüßt feist du. Marin
„Jesses," sagte die Schneiderbas.
„Jesses, des is ja die bucklete Wab n
von Kipfenberg!"

„Der Herr ist mit dir —"
„Ieffmariundjoseph, und grad heut
is nir G'scheit's im Haus, koa
Zwoaring und koa Brot und koa
Kas und koa nix!"

„Du bist gebenedeiet unter den
Weibern —
„Meint's, Kinder, sie wird mit die
rohe» Kartoffeln z'sried'n sei?

Und dann rollten die drei Vater-
unser messerscharf vor dem lenste
ab. schneller, immer schneller. Dar-
auf wurde ich ans Fenster M-
stellt und schrie >m Auftrag unsrer
Schneiderbas hinaus:

D' Schirz'n aufhalt n!

Und die bucklete Wabn von
Kipfenberg breitete erwartungsvoll
die Schürze auseinander. Und ich
schüttete die rohen Kartoffeln ge-
schwind hinein.

Darauf war es einen Augenblick
still Unsere Schneiderbas hatte mich
wieder vom Fenster zurückgezogen.
3d) sah ganz deutlich, daß >ie ängst-
lich war. Und dann standen wir
alle ein wenig atemlos hinten an
der Rückwand der Küche und hielten
uns bei der Hand.

Noch immer Stille.

Auf einmal aber brach es los.
Wie zerriss,ie Bliße flatterte es her-
ein, erst mit schrillen Worten, dann
begleitet von den einzeln wieder
hereingepfefferten Kartoffeln:
„Waas? Rooche Kartosfin?!
Gegrüßt seist d». Maria.

L>s nootige Bande, ös.

Der Herr sei mit dir.

Schaamt's ös euch seht gar net
a bisserl?! , .

Du bist gebenedeiet unter den
Weibern. . „

Am Buckel steigt's nur "auf alle
miteinander. ."

Bei ,gegrüßt seist du, A^ria
schepperte eine Kartoffel in die -biei-
singpfannen, daß es toste. Bei .der
Herr sei mit dir" kriegte ich eme
harte Kartoffel auf den Arm, daß
ich ,Aiü schrie. Und bei ,d» bist ge-
bendeiet unter den Weibern' flog eine
Kartoffel klatscheiid auf den Kopf
der Schneiderbas, daß cs krachte.

Und davon hat die Schneiderbas
acht Tage lang eine ordentliche blaue
Beule herumgetrageu. Eine Beule,
die ihr bitter weh tat Nicht die
Beule an sich, sondern weil die
^eute auf die Beule zeigten und
mit einem gottesfürchtig verdrehten
Blick sagten: „Jaja, Schneiderbas,
s Betteln is fcho hart, aber deine
Wochen Kartosfin san halt no
härter."

Fritz Müller

Am Petersturm

Karl Spitzweg f
Carl Spitzweg: Am Petersturm
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