Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Georg Pfeil (München)

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Fussballmatch

Elf frische JungEn in farbigen JackEn
Und Elf, die ihnEn EntgEgEnsiEhEn:

DiE solltEst du dribbEln und rennen sEhEn
5chEnkEl an 5chEnkEl und Macken

an riackEn!

□ ff-sidE! hands! Kick — und

die KnnchEn knackEn!
Das ist Ein GEraufE und Mann-Angehen!
flbEr dEr Goalkeeper weiß zu spähen
Und das Ueder uurm Einschub zu packen.

Uor JahrEn sauste ich mit hinunter
flm dampfenden Rasen, den Bail uor mir -
Das war ein Getümmel, drüber und drunter!

Du hättest dabei sein sollen, sag ich dir!
Und heute noch will’s mich unbändig packen,
Geh ich die Jungen in farbigen Jacken!

Max Hayek

Wer: ^frtifstrtt

Von Richard Smckat

An jenen Winternachmittag erinnerten wir
uns noch lange. Alle zweiunddreißig Schüler
der damaligen vierten Realschulklasse und viel-
leicht auch der gerade anwesende Professor. Ob-
wohl sonst kein Ereignis, wenn es u n s auch noch
so bedeutsam erschien, je auf einen unserer Pro-
fessoren Eindruck machte. Es mußte eine solche
stoische Haltung zu den pädagogischen Vorschriften
gehören. Aber damals hatte auch das stets un-
bewegliche Mathematikergesicht vorne am Podium
seine Starrheit aufgegeben und einigen Anteil an
der Situation gezeigt. Ich meine, als der Infant
gekommen war.

Doch darf nichts von dem Geschehen jener
Stunde vorweggenommen werden. Vor allem ist
zu bemerken, daß an jenem Nachmittage die neue
Beleuchtung zum erstennial in Funktion trat.
Wir beobachteten es schon von der Straße, durch
den dichten Dezembernebel; oben im ersten Stocke
leuchtete es ungewohnt auf. Als wir dann in
der Klasse waren, galt es, das neue Wunder zu
besprechen. Statt der bisherigen Gaslampen
waren besondere Glühkörper unterhalb der frisch
getünchten Decke angebracht; gegen diese wurde
das Licht durch große Lichtfänger gestrahlt und
kam von dort als Reflex in den Raum. Aber

die Einrichtung war noch unnusgeprobt und be-
währte sich durchaus nicht. Wir standen unten
in einem matten Dämmerschein und sahen nach
der weißen Decke, wo sich die Helle sammelte.
Darum waren wir auch befangen, als der Mathe-
matiker, den Katalog unter dem Arm in die
Klasse trat. Er tat, als ob er von der Ver-
änderung nichts merke.

Nachdem er die Abwesenden eingetragen, wo-
bei er sich freilich etwas tiefer als sonst über das
Klassenbuch beugen mußte, rief er einen Schüler
zur Tafel. Seltsam, vielleicht empfanden es die
andern ähnlich, in diesem Zwielicht schien alles
an Wichtigkeit verloren zu haben. Der rötliche
Bart des Professors wirkte ordentlich phantastisch,
seine Stimme hatte einen gebrochenen Metall-
Klang. Die arithmetischen Zeichen an der Tafel
waren nicht genau zu entziffern: sie schienen wie
arabische Zauberrunen und erhöhten das Außer-
gewöhnliche der Stimnnmg. Was lag mir ge-
rade jetzt an dieser Schulstunde? Es mußte doch
auch jenseits eine Welt sein, die nach anderen
Gesetzen ging und andere Entscheidungen enthielt
als gute und schlechte Noten; ein Gedanke, der
mir vorher nie mit so klarer Bestimmtheit ge-
kommen war.

Wie zrir Bestätigung dieses müßigen Schwci-
fens trat das Ereignis ein. Eine unbedeutende
Nichtigkeit, die aber so manchem von uns den
Weg wies. Ohne anzupochen, ein besonderes
Vorrecht, öffnete sich die Türe und der Direktor
erschien. Die kleine dicke Figur mit dem krebs-
roten viereckigen Gesicht schob sich herein. Uber
der plattgedrückten Nase saß eine goldene Brille,
hinter der ein paar bewegliche Augen blickten.
Er kam wieder in seinenr abgetragenen Winter-
rock, den grauen Schlnpphut in der Linken, eilte
rasch gegen das Katheder und winkte, daß wir
uns sehen sollten. Nun erst bemerkten wir, daß
ihm jemand gefolgt war.

Es war die Gestalt eines schlanken, hohen
Jungen, der behutsam die Türe schloß und sich
nachlässig neben den Direktor stellte. Die Ver-
beugung gegen den Mathematikprofessor fiel ganz
flüchtig aus. Die Nase des Direktors schnob im
Auftakt und sogleich begann er eine Ansprache:
er stelle uns hiemit einen neuen Schüler vor und
hoffe, daß wir ihn freundlich in unserer Mitte
aufnehmen werden; und wie der Schwall weiter
ging. Dann brach er unvermittelt ab — mir
hatten ihm schon längst nicht mehr zugehört —,
zwinkerte mit den Augen zuerst gegen die Decke,
darauf gegen die Srliulbänke und begann plötz-
lich mit dem Professor eine Besprechung wegen
der provisorischen Beleuchtung. Inzwischen stand
der neue Ankömmling allein oben am Podium;
der Schüler an der Tafel hatte sich schon früher
auf ein Zeichen des Direktors an seinen Platz

begeben. In einen vornehmen schwarzen Pelz
gehüllt, den er während der Rede allmählich ge-
öffnet hatte, hob sich seine Gestalt scharf gegen
das Blemdlicht an der Tafel ab. In dieser Stel-
lung lag eine selbstverständliche Gelassenheit, die
keiner von uns derart besaß. Ein schmales, frauen-
haft feines Gesicht ragte über den hoch aufge-
schossenen Hals, der von einem weißen Seiden-
tuch wie mit einer altmodischen Krause umschlossen
wurde. Die Augen waren tief dunkel, ebenso
das sorgfältig gescheitelte Haar. Mein Nachbar
flüsterte mir zu: „Du, der Infant von oben."
Und das Wort ging weiter. Wirklich war eine
gewisse Ähnlichkeit dieses schlanken, stolzen Jungen
mit dem Geniälde des Infanten Don Carlos von
Belasquez vorhanden, von dem eine Reproduk-
tioir oben im Zeichensaal hing. Darum hieß der
Fremde für alle Hinkunft bloß „der Infant".

Endlich war die Untersuchung des Direktors
zu Ende. Er war zum Resultat gelangt, daß die
Beleuchtung eine Änderung erfahren müsse. Man
könne nicht im Tartarus existieren. Mit dieser
ausgeschnaubten Phrase entfernte er sich. Auf
die Weisung des Professors hin, kam der Infant
neben niich zu sitzen. Versichern aber kann ich
auf das bestimmteste, daß sich an diesem Nach-
mittage bei keinem von uns seine mathematischen
Kenntnisse bereicherten. Auch der Professor er-
gab sich in Resignation. Er hatte sogar Hamlet
zitiert. Ein Mathematikprofessor und Hamlet!
Als nämlich einer der Schüler nur verwirrtes
Zeug an der Tafel dahergeredet, schickte er ihn
unwillig hinein und sagte: „Der Rest ist Schwei-
gen." Eben erklang das Glockenzeichen; es war
Schluß der Stunde.

Lange Wochen dauerte es, bis wir uns klar
wurden, wie wir uns dem Infanten gegenüber
benehmen sollten. So ohne weiteres als einen
von uns hinzunehmen, ging nicht. Das hatten
wir schon gefühlt, als er nach seinem Eiirtritt auf
dem Podium gestanden war. Besonders wurde
ich als sein Sitznachbar über ihn in Beratung
gezogen. Was ich aber wußte, waren auch nur
Äußerlichkeiten. Er schrieb vor Beginn des Unter-
richtes die Hausübungen von mir ab. Wurde
er in der Bank aufgerufen, ließ er sich rasch
einsagen. Und während einer Schularbeit ent-
nahni er meinem Hefte, was er eben brauchen
konnte, und fügte nur nebenhin eine Kleinigkeit
aus eigenem hinzu. Jede Gefälligkeit empfing
er ohne den leisesten Dank, wie mit berechtigter
Selbstverständlichkeit. Er war kein guter Schüler,
genoß aber unsere allgemeine Verehrung. Sein
Versagen nahmen wir als zugestandenes Recht
und suchten ihm auf jede Art weiterzuhelfen.

Eine vollkonunene Unfähigkeit bewies der In-
fant im Freihandzeichnen. Es saß stundenlang
vor den Gipsmodellen, Dante oder Voltaire, oder

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Max Hayek: Fußballmatch
Georg Pfeil: Illustration zum Text "Fußballmatch"
Richard Smekal: Der Infant
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