Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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was cs eben für ein Kopf war. Das Brett hatte
er vor sich gelehnt, daranf in unberührter Weihe
das Papier. In der Rechten hielt er einen stinnp-
fen Bleistift. Kam der Professor vorbei, so blickte
der Infant zuerst eine Weile wie fragend auf
ihn, dann zog er aus der Tasche sei» Messer
und schickte sich an, den Bleistift z» spitzen. Diese
Prozedur kannten wir genau. Es mochten zehn
Minute» verstreiche», der Professor wurde un-
geduldig und entfernte sich wieder. Der Bleistift
des Infanten war so stumpf wie vorher. Bis
sich einer unter unter uns, ein begabter Zeichner,
über das weiße Papier machte und ihm durch
eine hingeworfene Skizze für weitere Stunden
Ruhe verschaffte.

Auch den Nachhauseweg ging der Infant nie
mit uns. Kaum daß wir aus dem Tor ent-
lassen waren, sprang er in den nächsten vorbei-
fahrenden Wagen der Straßenbahn. Er hatte,
trotzdem er nur einige Haltestellen weit wohnte,
seine Zeitkarte.

Darum berührte es uns umso seltsamer, daß
der Infant de» jährlichen Schulausflug mitmachen
wollte. Es war im Mai. Der Klassenvorstand
erklärte uns seinen Plan »nd fragte wegen der
Beteiligung am Ausflug. Wer nicht mittun werde,
möge zum Zeichen die Hand erheben. Niemand
meldete sich. Auch der Infant nicht. Der Klassen-
vorstand fragte ihn besonders. Er bejahte, daß
er am Ausflug teilnehme.

In der Tat war er zur vereinbarten Morgen-
stunde vor dem Bahnhof. Sogar als einer der
ersten, den» fast alle hatten ihn schon stehen
sehen. Unter uns waren schon auf sein Nicht-
erscheinen Wetten abgeschlossen worden: auch id)
halte zuversichtlich damit gerechnet.

Während der Tageswanderung kam der In-
fant wie von selbst in die Nähe der begleitenden
Professoren. Sie ließen sich von ihm erzählen,
ttber Italien, wo er sich ein volles Jahr aufge-
halten : über seinen eigene» Lebensplan: er wollte
Diplomat werden. Wir andern gingen im große»
Rudel schweigend mit und horchten zu.

Am Nachmittag ließ der Infant die kühle
Reserve, in der er uns gegenüber stets gestanden,
fallen und zeigte sein Temperament. Und er
hatte ein solches: er wurde lustig, ja übermütig.
Auf sein Drängen mußten wir breite Kolonnen
schließen und singen. Er ging in der Mitte der
ersten Reihe, gab den Schritt an und komman-
dierte die Lieder; er selbst kannte sie freilich nicht.
So zogen wir endlich am späten Nachmittag in
ein Dorf ein, wo Rast gehalten wurde: den
Mittagsimbiß hatten wir im Freie» eingenommen.

Schon wie wir von ferne gegen de» Markt-
flecken marschierten, bemerkten wir, daß die Häuser
festlich geschmückt waren, mit Reisig und Fahnen.
Später erfuhren wir, warum; am nächsten Tage
war Kirchweih. Beim Einmarsch aber bezögen
wir die Borbereitungen auf uns und waren in
gehobener Stimmung. Auch dann im Wirts-
hausgarten setzte sich das wüste Lärmen fort. Der
Wirt und ein Schankknecht rannten wie toll,
konnten aber doch nur wenige Rufe befriedigen.
Nach einiger Zeit erschien noch ein Mädchen zur
Bedienung. Eine frische gesunde Erscheinung,
mit hellblondem Haar und großen freundlichen
Augen, schritt sie im enganliegenden blauen Haus-
kleid langsam die Tischreihen ab und notierte sich
die Wünsche für die Küche. Allzustürmische über-
sah sie mit Absicht. Als sie scheinbar fertig war,
ging sie nicht, wie zu erwarten war, in das Haus
zurück, sondern wandte sich noch gegen einen ent-
fernten vereinzelnten Tisch, an dem der Infant
saß. Es war wieder ein anderer als der vor
einer halben Stunde mit uns getollt hatte. Müd
und angegriffen stützte er seine Arme auf den
Tisch und blickte unbestimmt vor sich hin: so wie
wir es gewohnt waren. Er schien mit uns keine
Gemeinschaft zu haben und das ausgelassene
Treiben als Störung zu empfinden. Nicht mehr
der Mitschüler saß dort drüben, sondern der
Fremdling, der Infant.

Das Mädchen stand eine Weile vor ihm und
fragte mit dem Blicke nach seinem Begehren. Er
sah'sie zerstreut an, dann sagte er kurz: „Bitte,
ich möchte ein Glas Soda mit Himbeer." Wir
Umstehenden gröhlten. Der also trank keinen
Wein, der traute sich nicht,

„Sonst nichts?" fragte das Mädchen.

Der Infant: „Sonst nichts." Darauf nickte
das Mädchen und ging.

Bald wurde der Infant vergessen. Der jüngere
der Professoren erinnerte sich an seine Studenten-
zeit und versuchte eine Rede. Sie fiel matt aus,
mit abgedroschenen Wendungen, wurde aber von
»ns mit stürmischem Beifall ausgenommen. Wir
tranken ihm alle zu. Als es endlich unter den
Linden immer dunkler wurde, verließen wir den
Garten und übersiedelten in den großen beleuch-
teten Glassalon. Dort gab es eine regelrechte
Kneipe: mit dem fidelen Teil und Borträgen.

Schließlich rüttelte mich die Albernheit der vor-
gebrachten Leistungen auf. Ich erhob mich un-
beachtet und ging hinaus. Dabei siel mir wieder
der Infant ein. Er hatte sich an den letzten
Szenen nicht beteiligt. Auch im Garten war bald
fein Platz leer geworden. Möglich, daß er vor-
aus zum Bahnhof gegangen und mit einem frü-
heren Zug allein nach Hause gefahren war. Unter
den dunklen Bäumen schien das Weiß der Stühle
und Tische durch. In der kühlen Luft stockte
doch ganz leise der sommerliche Ruch der Linden,
etwa wie man im Mürz Veilchen spürt. Ich
ging den Gartenweg aus. Wo die Bäume auf-
hörten, schloß sich ein weiter Wiesengrund an,
der den Hügelhang hinan stieg. Drüben mußte
ein kleiner Bach fließen, angedeutet durch dichtes
Gestrüpp, das unregelmäßig eine Mulde entlang
wucherte. Bon dort kam auch das schrille Quaken
der Frösche. Nach oben aber war die Höhe von
einem Iochwald abgeschlossen, der in diesem Nach-
dämmern schwarz und drohend stand. Dann aber
rückte über einem Sattelbug allmählich der Mond
herauf: grell gelb, fast rötlich. Ich setzte mich
auf eine Bank neben den Gartenzaun.

Eine Weile dauerte es, bis ich mich einge-
fllgt in diese stumme Welt. Dann wurde es still
in mir und klar, etwas trat ganz nahe und mit
fester Bestimmtheit an mich heran. Ich wußte
nun um das Leiden unserer Knabenzeit. Die
drinnen lärmten, und der fortgegangen war, und
ich, der hier stille saß, alle verlangten wir nach
einem: Erfüllung. Bon irgendwo her mußte sie
uns werden.

Szeremley

Elrernkultur

„Für sechzig Mark dürfen Sie nicht Bier
auf die Rechnung schreiben, sondern Milch;
mein alter Herr ist Abstinenzler."

Während ich still in die immer heller werdende
Nacht sinnierte, merkte ich, daß sich oben am
Waldrain etwas bewegte; dort, woher die hellen
Stämme einiger Birken leuchteten. Es waren
zwei Gestalten, die den Wiesenpfad abwärts
gingen, zögernd und mit manchem Stillhalten.
Endlich konnte ich die Umrisse unterscheiden, es
war der Infant und das Mädchen vom Gasthof.
Und im weichen Sternenschein glaubte ich zu
sehen, wie sie sich küßten. Ich ging unbemerkt
zurück: es schien mir gut so.

Beim Abmarsch war der Infant zugegen.
Man hänselte ihn aufs neue wegen seiner Soda-
wasserkur, um sich dadurch für seine Abwesenheit
schadlos zu halten. Aber es gelang nicht. Er
wurde schweigsamer denn je. Ich konnte ahnen,
daß er seinen Grund hatte.

Der Infant kam nicht mehr in die Schule.
Es hieß, daß er sich bei jenem Ausflug erkältet
habe und schwer krank darniederliege. Ich mußte
viel an ihn denken. War ihm schon irgendwie
eine Erfüllung geworden? Endlich faßte ich den
Entschluß, ihn in seiner Wohnung zu besuchen.
Als ich mich mit zaghafter Erwartung nach ihm
erkundigte, sagte man mir, die Familie sei mit
dem Kranken in die Sommerfrische abgereist.
Vielleicht möge ich hinausfahren. Es sei nicht
sehr weit: und man nannte den Ort; es war
jener, wo wir den Ausflug abgeschlossen hatten.
Der Kranke hätte sich diesen Aufenthalt besonders
gewünscht.

In den nächsten Tagen hatte ich nicht Zeit.
Wir waren mitten in den Prüfungen: und als
ich endlich fahren konnte, am Tage nach Schul-
schluß, war es zu spät. Am schwarzen Brette
vor der Direktion hing die Nachricht vom Tode
des Infanten. Einige von uns fuhren zum
Leichenbegängnis. Er wurde im dortigen Orts-
friedhof beigesetzt.

Und am Abend saßen wir zu viert wieder in
jenem Gasthofgarten unter den Linden. Starker
Duft senkte sich von dem blütenschweren Blatt-
werk herab. Es war ein dumpfer Sommerabend.
Ein Windlicht leuchtete ruhig auf unserem Tisch.
Wir nahmen ei» Mahl, aber es wollte sich kein
Gespräch dazu finden. Wir wurden von dem
Mädchen bedient, mit einem gewissen stille» An-
teil: denn sie wußte, daß wir einen Kameraden
verloren hatten. Wie unwillkürlirli fragte ich
endlich, ob sie ihn gekannt hätte. Sie verneinte.
Darauf beschrieb ich ihn, den Infanten, wie er
damals das Getränk bei ihr bestellt. Und nun
ging etwas Sonderbares in dem Mädchen vor,
sie mußte sich abwenden: es war wie ein tiefes
verhaltenes Schluchzen. Doch dann beherrschte
sie sich wieder, wischte mit der Schürze über die
feuchten Augen und bat, sich zu uns setzen zu
dürfen. Wir mußten ihr vom Infanten erzählen;
so wenig wir eben selbst wußten.

Ehe wir fortgingen, sangen wir noch einen
alten Choral, den wir auch beim Ausflug ge-
sungen und den der Infant damals wiederholen
ließ. Das Lied war ein Abschiedsgruß für den
fremden Freund. Am Ende zerschlugen wir die
Gläser am Boden. Das des Mädchens bekam
aber nur einen großen Sprung, der wie ein sil-
berner Ring über die Oberfläche lief. Sie drückte
beim Fortgehen jedem von uns die Hand.

"An jenem Abend trennte ich mich bald von
den Kameraden. Ich wanderte einen weiten Weg
durrli die Sommernacht und ein Schicksal, das
mich nur gestreift hatte, wurde mir tief zu eigen,
indem ich es aus dem Ganzen des Geschehens
zu verstehen suchte.

wahres Geschichtchen

Lin Hochschullehrer begann sein Kolleg über
griechische Bildhauerei regelmäßig mit den Worten:
„Der Lckschtai der Knirscht ischt die plaschtik, und
der Lckschtai der plaschtik ischt der Bruschtkaschte
von der Venus von Milo."

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[nicht signierter Beitrag]: Wahres Geschichtchen
Julius v. Szeremley: Elternkultur
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