Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Sonett

Wir zittern, wenn wir uns die Hände reichen.
Im schnellen Pulsschlag unsere Worte stocken.
Noch immer sind wir wunderlich erschrocken,
Und grüßen uns doch längst mit zarten Zeichen.

O Bangnis frühen Glückes ohne gleichen!

Ich streiche leise über deine Locken.

Da schwingen deines Lachens klare Glocken.
Ich aber fühl mich bis ins Herz erbleichen.

Kann solche Lust nach anderen Freuden zielen?
Spürt unsere Liebe nicht schon Gottesnähe?
Ist nicht Natur uns hold und unseren Spielen,

Als ob ihr selber großes Glück geschähe?

Vom Tag bekränzt, vom Dunkel scheu

umschlungen,

Bezwingen wir die Welt und sind bezwungen.

Alfred Grünewald

IBer Errrnsnfirrtg

Bon Fritz Philippi

Wer unsere Stadt vor dreißig, fünfund-
dreißig Jahren gekannt hat, weiß, daß es sich
im ehemaligen Tintenviertel bescheiden, aber
anständig leben ließ — wie damals alle Leute
gewohnt waren zu leben. Die Hausbesitzer, zu-
meist Handwerker, wohnten „ebener Erde", hinten
hinaus dehnten sich lange Höfe mit lärmfrohen
Werkstätten. Die Meister gingen noch in der
blauen Schürze und fegten ihre Straße selber.
Und auch das Außere ihrer Häuser war nüch-
tern, aber respektabel.

Damals wohnte Haus bei Haus in den bes-
seren Stockwerken die Schreiberzunft, oder was
sonst Tintenfinger hatte. Daher der Name Tinten-
viertel.

Die Meister und die Beanüenschaft halten
nachbarlich zwar mancherlei aneinander auszu-
setzen. Es konnte Vorkommen, daß im „Heidel-
berger Faß" der Stammtisch der Meister in
rauhen Kehllauten sich räusperte: Man tausche
nocl> lange nicht mit papiernen Tagelöhnern. Und
der Stammtisch der Tintensinger gab zurück: Man
könne cs im Stubenspucken und andern unge-
bildeten Handgreiflichkeiten nicht den Handwerks-
knoten gleichtun.

Aber einträchtig wandelte dann die Nachbar-
schaft vom Bierkrug in den Wirtshof, »m ein-
zugehen durch die Holztür mit dem herzförmigen
Ausschnitt und der geheimnisvollen Nummer 0,
und wandelte selbander im Männergespräch an
den Nachtlaternen vorüber zum heimischen Tor
und half sich aus mit dem Hausschlüssel.

Es waren auskömmlich gemütliche Zeiten im
alten Tintenviertel. —

Dann aber knni über unsere Stadt das Bau-
fieber. Wiesen, Gärten und Bäche wichen nach
deni Wald hin, uni asphaltnen Straßen und hohen
klotzigen Häuservierecken Platz zu machen, an deren
Außenseite sich wilde Phantasieen in Schlangen-
linien und unechter Plastik austobten. Alle
Straßen wurden patriotisch benamst. So entstand
das Generalsviertel.

Es kam im Heidelberger Faß zum Krach,
der durch keine Versöhnungsgänge aus der Welt
zu schaffen war. Papier und Tinte erhob sich
und wanderte aus. Die allgemeine Meinung
kam auf in der Beamtenschaft, sie bedürfe zur
Bekundung ihres Patriotismus und im Stnndes-
intereffe, in einer besseren Gegend zu wohnen mit
allein Zubehör, nämlich steinernen Nistkästen,
Balkons genannt, und eines besonderen Eingangs
für Dienstboten und Lieferanten.

Auch, dem toten, toten Kind! Er weinte,
bestellte und vergaß, daß er bei seinem knap-
pen Verdienst gegenwärtig in der Vorsaison,
eigentlich alles so billig wie möglich machen
müsse.

Nun fraß sich Meister Hobelspahns Säge
ins Holz und ächzte vor Eifer. Der Meister
hatte einen Griff, dem flog die Arbeit nur
so. Der konnte schon im Geschäft voran-
kommen.

Nur hätte er eine andre Frau haben
müssen. Als der Mann vorhin zum Abend-
essen hinaufkam, saß Frau Lisbeth da wie
Lots Weib und schaute in die andere Woche.
Trotzdem er ihr gut zuredete, brach sie in
händeringende Klagen aus, als sei heute ihr
eignes Kind, das Peterchen, gestorbeii. lind:
wenn sie nur schvii auf dem Kirchhof lüge!

Was sollte ein Mann da tun? August
klemmte die Zungenspitze zwischen die Zähne
und n,achte ein zorniges Gesicht. Fünf Jahre
war er verheiratet und vier Fahre, feit das
Peterchen da war, hatte er eine kranke Frau.

Er machte, daß er wieder in die Werk-
statt kam.

Fit der Verborgenheit der Nacht vollzog
sich über dem alteir Tintenviertel mancher-
lei, Sichtbares imb Unsichtbares. Die Nacht
reckte sich allmächtig, bis sie den junge» Mond
als Stirnreif nahm. Die dunkle Häuserreihe
war ihre Stufe darauf, sie saß utid wartete.

An ihren Saum schmiegte sich das einzige
Gärtchen, das in den ehemaligen langen Höfen
übrig blieb, und weil's eine Frühlingsnacht
war, Hub das Gärtchen an, leise zu sprossen und
zu keimen. Tagsüber schon eiferten die prallen
Keime des Flieders über die schräge, scharfe
Schattengretize der Häuser hinweg der Sonne zu.
Und dag schniale Rasenstückchen atmete wie eine
Kinderlunge.

Im Gärtchen, zu Füßen der Nacht fanden sich
alle Katzen ein. Wo anders sollte sich das zeugende,
Erfüllung heischende Leben zusammendrängen?
Die sprachgebundene Natur gewann so ihren hilf-
loseti, schreienden Ausdruck.

Matt könnte boshaft sagen, das Katzenkonzert
nahm feinen programmäßigen Verlauf. Sehn-
süchtiges Miauen, Liebesduett, Fauchen, brutaler
Triuniph lind markdurchdringendes Wehgeschrei.
— Da und dort schlug ein Fenster zii, und eine
Menschenstimme murrte über die nächtliche Ruhe-
störuiig.

Frau Lisbeth konnte in dieser Nacht nicht
schlafen und hatte immerzu den Tod im Sinn.
Ihn spürte sie aus dein Katzengeschrei heraus.
Er stand dort im Hintergrund der hohen Mauern
und sein grausames (Srinfen spiegelte sich gläsern
drüben in den Fensterreihen.

Der Tod im Frühling! Das war fein lieb-
stes Werk, höchste Lust in Peiii 311 verwandeln.

Daß aber gewiß der Tod hier im Spiele sei,
wußte Frau Lisbeth um einen Augenblick zu spät.
Sie hatte sich mit Vorbedacht einige Brikettstücke
auf die Fensterbank gelegt. Und als sie den
Spektakel, wie sie meinte, nicht länger ertrug,
und eben ihr der Wurf aus der Hand fuhr, er-
schrak sie. Sie wußte, daß nun unaufhaltsam
ein großes Unglück geschehe, lind sie hatte es an-
gerichtet. Es bedurfte garnicht erst des grelle»
Aufschreis unten im Gärtchen, zum Beweis, daß
der Wurf getroffen habe.

Frau Lisbeth schlug die Hände vors Gesicht
iliid fchliichzte fassungslos.

Andern Tags fiel es dem Kellner Plattfuß
nebenbei ein, daß er sich mit deni teuren Sarg
zuviel zugemutet habe. Er war außerdem noch
mit der Miete rückständig. Aber er vertraute
darauf, daß er als trauernder Vater eitles un-
widerruflich toten Kindes einen solch hohen Auf-
trag habe, er fühlte sich so im Mittelpunkt eines

Mädchen auf Schildkröte Ludw. Vierthaler

Und im alten Tintenviertel? In die ver-
lassenen Quartiere schob sich geringes Volk nach,
war grau in grau anzusehen und trug Staub
und Werktagsgeruch in den Kleidern. Bald zog
sich über das ganze Viertel eine gemeinsame
graue Altershaut, breitete sich über Gassen, Stiegen
und Höfe. Die langen Höfe krochen in sich hinein
und nahmen vorlieb zwischen eilig erbauten Mittel-
und Hinterhäusern, wo kümmerliches Volk mit
vielen Kindern billigen Unterschlupf suchte.

Trotz der gemeinsamen aschgrauen Haut war
die Nachbarschaft dahin. Man kantite sich kaum,
wechselte oft. Und jeder hatte mit sich zu tun.

Im Haus Pfeffergasse Nr. 13 stand in der
Dunkelheit die Torfahrt noch offen, als fei je-
mand heute herein- oder herausgegangen, vor dem
man respektvoll das Tor zu schließen vergaß.
Das war der Tod. Alle Pfeffergäffer gafften
ihm nach, wie er die vermumnite Tragbahre in
den Sanitätswagen schob, die Wagentür zuwarf
utid sich auf den Bock schwang. Er schnalzte
hörbar Utid strich mit der Peitsche seitaus, daß
die Pferde stoben. Im Krankenhaus brauchten
die Arzte nur zu bescheinigen, daß das Kind des
Kellners Plattfuß bereits tot sei. Auch de»
Krankheitsvermerk: An Diphteritis gestorben —
damit alles seine Ordnttng habe.

Aber das Tor in Nr. 13 stand dann offen,
und die Straßenlaterne unterhielt sich lebhaft
durch die Torfahrt mit bent roten Licht der
Schreinerwerkstatt im Mittelbau, das irgend was
Ltiftiges zu erzähleii hatte.

Das iiiußte man sagen, der Meister August
Hobelspahn war bei der Haiid, wurmstichige
Bretter für einen teuren Sarg zu verarbeiten.
Er hatte die richtigen Gedanken fürs Geschäft
und wußte, was es bedeute, als am Nachmittag
der Kellner Plattfuß, wie von einer Faust hinter-
rücks gestoßen, über deii Hof stolperte. Da war
der Schreiner fein nächster Freund und nahm
ihn mit in die Werkstatt.

Freilich doch! Bei einem solchen Anlaß mußte
hinterher alles sein, wie es recht und entsprechend
war. Viel Silberbeschlag, Engelsköpfe, Palmeii
und Wiedersehii. Ein feines Begräbnis! Der
Kellner Plattfuß verstand sich mit Herrschaften
und wußte, was er dem Tod schuldig sei.
Ludwig Karl Maria Vierthaler: Mädchen auf Schildkröte
Fritz Philippi: Der Armensarg
Alfred Grünewald: Sonett
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