Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Der Verkünder

Sein Wort sprang aus des Weltalls Fenerkern!
Uralte Wahrheit sprach er aus, doch so,

Daß sie auss neue flammte lichterloh,

Hell überleuchtend diese» dunklen Stern!

Es war ein Rausch i» ihm vom höchsten Herrn!
Oie heiße Sucht nach einem Irgendwo,

Nach Menschen, erdvertraut und gottesfroh,

Nach einem Lichtgeschlechte, das uns fern!

Und dennoch war sein Wort voll Gegenwart,
Voll Brunst nach Fülle und nach Kraft und Sein!
Es war ein Sturm der See und sonnenzart,

Ein Blitz der Wolke und ein Sternenschein —
So daß die Jünger bebend ihn umfaßen
Und, was noch Staub an ihnen war, vergaßen!

Map Hayek

Verloren

Nach all den Nachten, die voll Sternen hingen,
Nun diese dumpfe, trübe, nasse Nacht,

Als war die Arbeit aller Zeit vollbracht
Und niemals wieder Hoffnung auf Gelingen.

Wohin die Schritte weisen, da das Ziel
Ertrank im nebeligen Grau der Wege?

Ich such' nur noch, wo ich mich niederlege,
Den stillen Platz. Verloren ist das Spiel.

Ich höre vieler Menschen Schritte tasten, —
Verirrte Menschen, einsam, müd und arm, —
Und keiner weiß, wie wohl ihm war und warm.
Wen» wir einander bei den Händen faßten.

Erich Mühsam

Der beMge Humor

Bon Hugo Salus

Als die Professoren der ehrwürdigen Univer-
sität vor Jahren ihre Mittwochtafclrunde gegründet
hatten, waren sie von dem guten Gedanken ge-
leitet worden, daß Männer der Wissenschaft nicht
immer nur in ihre Ideenkreise eingesponnen
bleiben, nicht stets nur von ihrem hohen Berufe
sprechen sollen, daß ein Herabsteigen von den
Lehrstühlen ihnen sehr wohltuen werde, daß ein
„äesipere in vivo", sich der Weisheit im Weine
ernüchtern, ihnen allen sehr wohlbekommen müsse;
so waren diese Mittwochabende für viele von
ihnen wirkliche Erholungsstunden geworden, in
denen jede Fachsimpelei sich deshalb verbot, weil
alle drei weltlichen Fakultäten vertreten waren,
ja sogar ein freisinniger Theologe war regel-
mäßiger Gast der Tafelrunde, der still den Ge-
sprächen lauschte und nur manchmal durch eine
kurze Bemerkung bewies, daß er ein Sohn un-
serer Zeit war wie die anderen Gelehrten auch.

Die Gespräche hielten sich stets auf einer ge-
wissen geistigen Höhe und so kam heute die Rede
auf den Gegensatz zwischen Witz und Humor.

Der Philologe faßte die Sache gründlich an
und wies darauf hin, daß Humor die Feuchtig-
keit heiße, daß man also ebensogut „äesipere

P. Wolff-Zamzow

in humore, sich der Weisheit bei irgendeiner
Flüssigkeit ernüchtern" sagen könnte, es müsse
gar kein Wein sein. „Nur die Feuchtigkeit ge-
hört dazu und selbst wenn es Tränen sind! Sie
wissen ja, meine Herren, daß ein bekannter Aus-
spruch sagt, der echte Humor lächelt unter Tränen,
der Witz aber sucht das Zwerchfell zu erschüttern,
er wirkt durch die drastische Komik, der Humor
ist der edlere, gesteigerte, erhöhte Bruder des
Witzes, er stellt die Unzulänglichkeit des Lebens
in Vergleich mit den erhabenen Anforderungen
des Ideals, er läßt die Kleinlichkeit unseres Da-
seins sich in dem klaren Spiegel der Abgeklärt-
heit spiegeln und so seine Schwächen erkennen.
Das tut der Humor!"

„Das tut der Humor, aber er tut noch mehr!"
meinte der Philosoph. „Er zeigt dem Menschen
nicht bloß seine Schwächen, er wendet sich an
seine reinsten Gefühle und läßt sie sich in be-
freienden Tränen entladen, auf daß er trotz seiner
Unzulänglichkeit Mut zum Weiterleben finde. So
ist der Humor ein Tröster und Heiler, er gibt
dem Erdensohne die versöhnende und beruhigende
Überzeugung, daß es einen Ausgleich zwischen
den höchsten Anforderungen der geläuterten Ver-
nunft und Weisheit und seiner Unvollkommenheit
gibt, er ist gütig und lehrt den Menschen nicht
einfach über seine Schwächen hinweglachen, son-
dern sie durch Einsicht überwinden. Der wahre
Humor hat immer eine gewisse Größe. Mir er-
scheint er gern in der Gestalt Charons, des Fergen
über den stygijchen Strom, der den fröstelnden
Seelen in seincnr dunklen Nachen drüben die
asphodelischen Gefilde zeigt, auf die er zusteuert
und in denen sie sich schon von weitem als ge-
läuterte und schöne Gestalten, frei von aller Erden-
schwere, wandeln sehen."

Er schwieg, die andern dachten seinen Worten
nach, nur ein Rechtslehrer schüttelte ungläubig
das Haupt und sagte: „Der Tod als Sinnbild
des Humors? Das ist ein kühner Vergleich!
Glauben Sie wirklich, daß ein Mensch in seiner
Todesstunde oder beim Sterben des geliebten
Wesens Empfindungen des Humors haben kann?
Ich glaube das nicht!"

Da meldete sich der Berühmteste aus der Tafel-
runde, der weltbekannte Naturforscher, zum Worte,
er, dessen Vertiefung in die Erhabenheit der Natur,
in die Geheimnisse der Entwicklung alles Leben-
digen eine neue Offenbarung gezeitigt hatte, der
die Gebildeten der ganzen Welt mit Begeisterung
lauschten, und sagte schlicht:

„Ich habe eine Todesstunde, die Sterbestunde
meines geliebten Vaters, erlebt, habe den Schmerz
des endgiltigen Abschiednehmenmüffens von einem
geliebten Angehörigen so tief empfunden, wie nur
je ein Sohn solch einen Abschied gefühlt hat, und
dabei doch unter heißen Tränen Gefühle erlebt,
die seltsam genug, zu den Ausführungen unseres
lieben Freundes, des Philosophen, eine Erläute-
rung geben können. Die darf ich Ihnen viel-
leicht zu schildern versuchen."

Um den Tisch war es ganz still geworden,
nur aufmunternde Blicke forderten den Natur-
forscher auf zu erzählen, und so begann er denn:
„Mein Vater ist Offizier gewesen, er war Haupt-
mann, als er, von einer österreichischen Kugel im
Jahre 1866 getroffen, in einem sächsischen Lazarett
sterben mußte. Da war ich an sein Krankenlager
gerufen worden, von ihm Abschied zu nehmen.
Der arme Vater lag nun in einem Stübchen des
Spitals in seinem Bette und hielt meine Hände
zwischen seinen fieberheißen Fingern und schaute
»sich mit wunden Augen an z er war der beste
Vater gewesen, den ein einziger Sohn, der seine
frühverstorbene Mutter gar nicht gekannt hatte,
je gehabt hat; er hatte mich mit der ganzen Liebe
und dem Überschwang, dessen sein leicht erreg-
bares Herz fähig war, erzogen, aber er hatte
bei der Erziehung seines Kindes eine Schrulle,
er, ein alter Achtundvierziger, wie er sich gerne
nennen hörte, wollte seinen Sohn zu einem klar-
blickenden Mensche» erziehen, er wollte ihn ohne
die, wie er meinte, für die Kindesseele verderb-
lichen Märchen der Phantasie, jenseits alles Glau-
bens, groß werden sehen. So hatte er mich in
der Schule alles lernen lassen, wie die anderen
Kinder, aber er zerstörte dann zu Hause, wenn
ich aus der Schule heimkehrte, alle meine Kinder-
gläubigkeit durch sozusagen mathematische, geo-
metrische Beweise von der Unhaltbarkeit alles
dessen, was nicht bewiesen werden kann, weil
ihm, dem Freigeist, nichts für den Verstand eines
Lernenden verderblicher schien als die trägen
Lehren der unbeweisbaren Glaubenssätze. Ich
hatte ihn lieb und ließ ihn gewähren und freute
mich vielleicht darum nur umso inniger mit all
den schönen Märchen, die wir Kinder von den
Lehrern und von einander erzählen hörten, weil
sie mein Vater, der Freidenker, nur so gefähr-
lich schilderte.

Ich las später, ihm zu Gefallen, die frei-
denkerischen Schriften, die er mir vorsichtig aus-
wählte, aber wenn er mich nicht überraschen
konnte, las ich doch glückselig meine Märchen-
bücher, wie Sie alle sie gelesen haben. Als ich
dann im Gymnasium war, gewährte er mir Ein-
blick in seinen weitverzweigten Briefwechsel, er
korrespondierte mit allen möglichen Freidenkern,
er war, soweit sein Beruf es gestattete, Mitglied
einer ganzen Reihe aufgeklärter Bereinigungen
und fühlte sich so erhaben über alle gegebenen
Religionen, daß er es als Schmach empfunden
hätte, wenn fein einziger Sohn nicht gleich ihm
ein Freigeist geworden wäre. Was Wunder,
daß ich, ein unreifer Junge, bei den Zusammen-
künften Gleichgesinnter, die oft in unserer Woh-
nung stattfanden und bei denen er mich hie und
da für Augenblicke seinen Freunden vorführte,
großartige Reden über Dinge führte, die ich nicht
verstand, und mir dabei sehr wichtig und be-
deutend vorkam! So verlief meine Kindheit und
erste Jugend.

Dann aber hatte ich das große Glück, daß
ich in die strenge Schule der Naturwissenschaft
eintreten durfte, daß ich bei ernsten und allem
Pathos abgewendeten Lehrern beobachten und
Erich Mühsam: Verloren
Max Hayek: Der Verkünder
Paul Wolff-Zamzow: Vignette
Hugo Salus: Der heilige Humor
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