Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

Page: 478-479
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„So -?"

„Im Haberfeld, im Haberfeld — da . . ." Er stockte arglistig.

„ . . . ift’s am schönsten auf der Welt!" sang das Bördele weiter.

„Bravo!" lobte der Iupp, stieß seinen Lippcs in die Erde, hing
seinen Felbel dran auf und ging gurrend auf das Bärbels zu.

„Nit! Nit!" sagte das Bördele.

„Doch! Doch!" erklärte der Iupp.

„Leb' wohl, Anton! Und morgen kaufst Dir das Brusttüchlc,
Bärbels, gelt?"

Am Abeird zog der Iupp weiter, inimer der sinkenden Sonne
nach. Utid formte sich dabei aus bunten, schönen Worten ein Lied,
das er dem linben Südwind zum Spiel hinwarf.

Äufkvsunz

Wie sich vom Meer der weiße Nebel löst,

Such' ich Dich, Liebster, voir mir selbst entblößt.

Die Welt, und was mein Leben hieß, mein Glück,
Die laß ich träumend unter mir zurück

Und walle arrfwärts mit verlornem Flug,

Und bin mir doch nicht wesenlos genug.

Die Sehnsucht selber, die mich zu Dir zieht,

Ist eine letzte Schwere im Gemüt.

Erst, wenn ich nicht mehr Ich bin, sondern Du,
Wird mir die leichte, reine, tiefe Ruh.

Erika Rhcüisch

TttrrL

„Also is recht, Schwaiger, 100 Mark bleib i der schuld! für's -
Kaibl und derweil laß i der mein Türk da zmri Pfand!"

Damit pstff der Biehändler einer grau- und schwarz-gestromten
Dogge, bic sein Gäuwägelchen bewachte und band sie an der leer-
stehenden Hundehütte des Bauern fest.

„Scharf is er, der Türk, da fehlt si nix!" lobte der Mann,
tätschelte den traurig-fragend zu ihm aufschauenden Hund und fuhr
mit einem: „I konim scho bald wieder!" davon.

Aber er kam nicht wieder, und so blieb Türk auf dem Anwesen
als Geisel, Während der ersten Tage hielt man ihn an der Kette,
bald aber ließ ihn der Bauer, den der trauernde Hund erbarmte,
innerhalb des umzäunten Hofes frei. Türk, der an reichliche und leb-
hafte Bewegung hinter deni Gäuwägelchcn her gewohnt war, machte
gewaltige Freudensprünge, brachte dadurch das Geflügel in Aufruhr
und überrannte in seiner Hast den kleinen Stamuihalter des Bauern,
war aber durchaus nicht bösartig und tat weder Mensch noch Tier
etwas zu Leide.

Frenide freilich ließ die Dogge nicht ins Anwesen herein; doch
dies war beut Bauern gerade recht; er hatte einen scharfen Wächter
gewollt, und das war Türk ohne Zweifel. Der Postbote mochte
seine wenigen Sachen über den Zaun hereinwerfen, und wenn die
vieleti fahrenden Gesellen, die früher oft recht unverschämt um Almosen
vorgesprochen hatten, sich nicht mehr blicken ließen, so schadete das
nichts . . . im Gegenteil . . .

So ließ der Schwaiger die Dogge gewähreit troß des Scheltens
der Rosl, der Oberdirn, über den ungeschlachtcti Hund, der überall
Schaden stifte . . . bis eines Morgens der eben losgekettete Türk
vergnügt bellend an der Händlerin hinaufsprang, die gerade einen
Korb Eier von der Rosl gekauft hatte. Entsetzt aufkreischend ließ
die Alte ihre zerbrechliche Last fallen, verlangte wehklagend Schaden-
ersatz und drohte mit dem Gericht. Schließlich fand der Schwaiger
die Zeternde ab, Türk aber bnrfte seitdem während des Tages nicht
mehr frei im Hofe herinulaufen.

Der Bauer verlängerte zwar sogleich Türks Kette durch einen
Strick, um der Dogge größeren Spielraum zu gewähren, der Hund
aber litt dach schwer unter deni plötzlichen Entzug seiner Freiheit tttib
war sich nicht bewußt, ihn verdient zu haben. Eine Fläche, kaum
fünfmal so groß als der Umfang seines Hüttenbodens, bildete von
nun an fein ganzes Reich während der langen Vorfrühlingstage.

Die verhaßten Fretnden gingen ein und aus, Türk mochte sie
anbellen, bis er heiser wurde, und an seiner Kette zerren, daß er sich
fast erwürgte: sie kümmerten sich nicht darum oder lachten über seine
ohnmächtige Wut, neckten ihn auch zuweilen, ja einer von den Bett- „ , <

rruhling im Algäu

Eug. Ludw. Hoess (Immenstadt)
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