Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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K. Arnold

Die 6attin des Prärapbaeltten

„Sakrament, da hast d' scho wieder so a rNodell-Llitscherl! Jetzt hört's aber anf, — von morgen ab steh t dir!"

verloren! Aber nicht wahr, das ist doch Amts-
geheimnis der Behörde? Eie dürfen nichts aus-
schwatzen? Sie haben doch auch Keine Beweise,
wer Kann mir denn etwas beweisen?

Nur der Sekretär kann s, der Sekretär hat
ein Geheimfach, in das wollte der Kerl nieine
Briefe tun. Ich bin überzeugt, sie sind noch
alle drin.

Als ich eben ins Hotel zurückkam, telefonierte
ich Dir gleich, dann ließ ich mir eine Zeitung
geben, und stelle Dir vor, das erste, was ich lese,
ist, die Sachen des flüchtigen internationalen Hoch-
staplers Friedrich Stallky, genannt Baron Stal-
linskp, werden morgen verkauft, und unter ihnen,
sie sind alle nufgesührt, befindet sich auch mein
schöner Mahagoni-Biedermeier-Sekretär.

Gott sei Dank, dachte ich, das ist in all dem
Unglück doch noch ein Lichtblick! Er hat den
Sekretär noch nicht zu Geld gemacht, das Möbel
ist da, und meine Briefe werden noch im Geheim-
fach liegen.

Und nun habe ich eine große Bitte an Dich,
Emma, versprich, daß Drr sie erfüllen wirst. Du
mußt morgen früh, gleich früh zeitig in das Auk-
tionslokal gehen und den Sekretär für mich er-
steigern. Garrz egal, zu welchem Preis. Ich kann
es rächt selber tun, ich geniere mich so. Der

Sekretär ist mir mehr wert, als mein Geben.
Denk, wenn ihn jemand kauft, meine Schwieger-
mutter zum Beispiel, die auf alle Auktionen rennt!
Die alte Frau hat geradezu einen Vogel, Auk-
tionen zu besuchen, und kauft sich alles dort,
Stühle, Spiegel, Küchensachen, Decken, alles!

Urrd mm male Dir das aus, Emma! Sie
sieht den Sekretär und kauft ihn als Pendant zu
dem andern, den sie noch in meinem Boudoir
vermutet. Sie sucht nämlich zu allen Sachen
Pendants. Dann durchstöbert sie ihn, findet das
Geheimfach, zieht es vor, meine Briefe fallen
heraus und mit ihnen die Photographie und —"

„Die Photographie war wohl reichlich dekolle-
tiert," warf die Freundin in Frau Poldis Er-
zählung mit leiser Schelmerei ein.

„Ach, gar nicht," entschuldigte sich die kleine
Frau, doch sie errötete etwas und zog mit der
Hand einen Strich über die Brust in der Höhe
des Herzens. „Nur bis dahin war ich bloß.
Weißt Du, für eine Frau, meine Gott, eine Frau
kann ja das Bild ruhig sehen. Aber ein Mann,
und gar meine Schwiegermutter! Ach und die
Briefe! Wie hätte ich denn ahnen können, daß
es so komnien würde! Ich häbe so viel Dumm-
heiten in den Briefen geschrieben, ich konnte doch
nicht den Baron für einen Hochstapler halten!

Ich war so dunuu verliebt, ich war so glücklich,
daß ich mich mal drei Wochen lang nicht eine
Minute gelangweilt hatte. Ach Gott, was habe
ich meinen Leichtsinn schon bereut!

Nichtwahr, Du Liebe, Gute, Du verachtest mich
nicht zu sehr, Du hältst mich nicht für zu gemein.
Nichtwahr, Du sagst mir nicht den Verkehr auf,
und Du schwörst, daß alles unter uns bleibt,
immer, für alle Zeit! Bitte, bitte!"

Die hübsche Frau Poldi kniete rasch vor der
Freundin nieder, blickte ihr mit tränenfeuchten
Augen ins Gesicht unb umschlang zärtlich ihre
Taille. Frau Emma lächelte und beugte sich zu
der Knieenden herab.

„Sei ruhig, Poldi, niemand wird was er-
fahren."

„Und Du kaufst morgen früh für niich den
Sekretär zurück!" bat die junge Frau.

Die Freundin nickte.

„Aber gewiß tu ich das, Poldi, gewiß. Ich
wäre nämlich so wie so auf die Auktion gegangen."

Erstaunt schaute die Knieende. „Du? Warum?"

Da raunte die andere der kleinen blonden
Frau Poldi ins Ohr:

„Poldi, der Baron Stallinsky liebte auch mal
die großen Brünetten. — Ich möchte ein Alt-
meißner Kaffeeservice zurückkaufen."
Karl Arnold: Die Gattin des Präraphaeliten
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