Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Herr Kniesecke stand in der Akademie zu
Venedig vor Tizians „Assunta" und verglich sie
mit der doppelt besternten Begeisterung des Bäde-
kers. Während er sich gerade anschickte, das
vorschriftsmäßige Entzücken zu empfinden, schien
es ihm, als känie plötzlich Leben in die gemalten
Figuren. Die Engel suchten in ängstlichem Ge-
dränge die Gottesnnitter aufwärts abzuschieben.
Die Arme der wunderbaren Frau streckten sich
wie hilfeflehend nach oben, wo sie alsbald der
Mantel Gottes aufnahm. Dort verschwanden
auch mit seltsamer Eilfertigkeit die lieben Englein;
das letzte befliß sich noch im Verschwinden einer
keineswegs ehrerbietigen Präsentierung seiner irdi-
schen Basis in der Richtung gegen Herrn Kniesecke.

Es blieb ihm nichts übrig als in sich selbst
den Grund dieser Aufregung zu erblicken. _ Er
fühlte etwas Unbestimmtes, Peinliches. Einem
inneren Zwange folgend besah er sein Außeres.
Und da sah er, — als wäre es zum ersten
Male — daß er einen Touristenanzug, wollene
Wadenstrümpfe, und auf dem Kopfe ein Iäger-
hlltchen mit Birkhahnsteiß trug, und er empfand,
daß diese Tracht in Italien nicht wohl gelitten sei.

Als Barbar angesehen zu werden, verdroß
Herrn Kniesecke. Man geht doch nicht auf Reisen,
um noch weniger zu gelten als daheim. Im
Gegenteil, man will für mehr gehalten werden,
als man ist, mit Leuten verkehren, die einen sonst
angelegentlich übersehen würden, und fühlen, daß
man in der großen, reichbcsetzten Welt auch ein
anständiges Plätzchen hat. Das höchste, was ein
Deutscher in dieser Beziehung erreichen kann, ist,
für einen Engländer gehalten zu werden. Herr
Kniesecke machte sich gar keine Hoffnung, diese
Höhe jemals zu erklimmen. Er hätte sich schon
begnügt, mit einem mittleren Franzosen oder einem
Italiener verwechselt zu werden.

Zu diesem Zwecke lernte er Italienisch und
brachte es nach einiger Mühe dahin, daß sich sein
„pontschorno“ oder „kuanto kosta“ und be-
sonders sein „dowäh piazza San Marco“ vor
jedermann sehen lassen konnte. Dann trug er
einen lichten Sommeranzug, gelbe Schuhe und
einen Panamahut (6 M ).

So fuhr er nach Venedig, trällerte „Santa
Lucia“ vor sich hin und fühlte sich als Caruso.

Er konnte es kaum erwarten, den Italienern
diesmal italienisch zu kommen, und,
obwohl er den Weg zum Markus-
platz genau kannte, fragte er den Erst-
besten : „Dowäh piazza San Marco?“

„Immer gerrad' aus, mein Herr,
bitte sehrr, deutsches Fremdenführer
gefällig?"

Kniesecke schluckte ärgerlich sein
, Grazie“ und entfernte sich mit einem
gewöhnlichen deutschen „Danke."

Er kam auf den Markusplatz.

Nicht ein einziger von den kleinen
entzückenden Lausbuben, die Ansichts-
karten feilboten, irrte sich. Ein jeder
sagte zu ihm: „Ansickskart' ? Swanßig
Stick ein Lira."

Er hätte ums Leben gern 'einen
Jungen zu sich gerufen und unter
Überreichung einer Lire gefragt: „Ver-
rate mir, mein Sohn, woran Du mich
erkennst!" Aber er verstand nicht so
viel Italienisch und so konnte er nichts
fragen.

Selbst die Tauben schienen ihn zu
erkennen. Sie fraßen das Futter, das
er ihnen gab, aber mit kühler Selbst-
verständlichkeit ohne wärmeres Gefühl.

Sie waren echt italienische Tauben. Sie
nahmen ihm so viel als möglich ab,
aber keiner fiel es ein, sich zutraulich
auf ihn zu setzen.

Wie kani dies nur? Rochen die
Deutschen etwa anders als die Italiener
»nd Franzosen?

Oder war er etwa weniger schön,
als die eckigen, amerikanischen boys,

die in ihren schlecht sitzenden Smokings auf dem
Markusplatze herumlümmelten?

Halt! Her verfluchte Bädeker hatte ihn ver-
raten. Er überzog sofort dessen aufreizendes
Rot mit gelber Leinwand und klebte mit schwarzen
Buchstaben darauf: „Dante, Divina Comedia."
Dann nahm er noch einige Verbesserungen in
seinem Äußeren vor. Er kräuselte leichtlebig sein
Haar, steckte den Kneifer in die Westentasche und
eine Blume ins Knopfloch.

Run versuchte er sein Glück auf dem Lido.

Mit ernster Miene musterte er im Restaurant
die mit rätselhaften Ausdrücken gespickte Speise-
karte. Der Kellner schlug etwas vor. Kniesecke
sagte gleichgültig: „Si, si.“ So bekam er vier-
mal nach einander Rudeln, die nicht immer leicht
zu essen waren.

Als es zum Zahlen kam, rief er nicht etwa
nach Art der Anfänger: „Pagare.“ Oh nein.
Er warf aus dem Handgelenk hin: „Gamsrisrs,
il conto.“ Er brachte das raffiniert einheimisch.

Der Kellner rechnete und legte ihm den Zettel mit
den Worten hin: „Bitte sehrr, zwei Mark fünfzig."

Das war als Höflichkeit vermeint. Aber Knie-
secke ärgerte sich und gab ihm zehn Centesimi
weniger Trinkgeld als er sonst gegeben hätte, also
nichts, und entfernte sich grollend. Glücklicher-
weise hatte ihm der Kellner beim Herausgeben
fünf falsche Geldstücke angehängt, so daß der arme
Mann für den Ausfall des Trinkgeldes immer-
hin entschädigt war.

Kniesecke dachte wütend nach. Hatte ihn der
Kellner vielleicht an der Art des Essens erkannt?

Fortan übte er sich im landesüblichen Essen.
Er bestellte die schwierigsten Nudeln, gab sogar
Käse darauf, wiewohl er einen unbeschreiblichen
Abscheu vor Käse hatte. Er ließ sich Fleisch und
Fische roh vorlegen und besah sie mit Kenner-
miene, er trank kein Bier mehr, bloß Wein und
kalte Getränke, die ihm Leibschmerzen verursachten.
Es half nichts. Jeder Kellner erkannte ihn so-
fort als Deutschen. Es war entsetzlich. Er be-
gann außer Gott auch die Kellner zu fürchten.

Er mischte sich abends ins Menschengewühl
und sah die Mädchen feurig an. Einer folgte er
in eine Seitengasse, verließ sie aber sofort wieder,
als sie ihm zuflüsterte: „Komm' Sie zu mich!"

Er begann einzusehen, daß er in Venedig,
dieser mit allen Salben geschmierten Fremden-
stadt, nie verwechselt werden würde.

Er fuhr also nach Mailand.

Er vervollständigte sein italienisches Außere
noch durch einen Kragen von geringer Sauber-
keit und den ,Gorricre della sera“.

Trotz alledem trat ein Herr auf ihn zu und
sagte erfreut:

„Ach Herr, Sie sind gewiß ein Deutscher?"

„Wieso?" machte Kniesecke betroffen.

„Ad), wer wird einen lieben Landsmann nid)t
erkennen?" Und der Herr erzählte eine sehr
traurige Geschichte von einer verlorenen Post-
anweisung, von gesperrtem Konsulat, deutschem
Gemüt und fremdem Land. —

Die Erkennungsszene kostete Herrn Kniesecke
diesmal zehn Lire, wofür er einen Zettel mit
einer falschen Adresse behalten durfte.

Mailand gefiel ihm nicht. — Er probierte es
nun noch mit Florenz. Und siehe da, hier schien
ihm das Glück zu lächeln. — Ein kleiner, sonn-
verbrannter Herr, offenbar ein Italiener aus der
Provinz, trat auf ihn zu und fragte: „Dowäh
piazza Vittorio Ämanuälä?“

Kniesecke wurde rot vor Freude. — Aber
leider konnte er keine Auskunft geben, denn er
war auf diesen Fall nidjt vorbereitet. — Er
konnte bloß fragen, nidjt aber antworten. — In
seiner Verlegenheit fragte er den Herrn: „Paria
un po tedesco?“

„Radierlich," rief der andere erfreut. „Und
Sie?"

„Id> bin and) aus Deutschland," murmelte
Kniesecke dumpf und begrub für immer seine
Hoffnung, für einen Landsmann Mid)elangelos
gehalten zu werden.

Sie ginge» zusammen zum Gambrinus, tran-
ken etliche Biere und rauchten niächtige Zigarren.
Rid)ts mehr von „dowäh.“ Und als sie spät
nachts an dem Reiterstandbilde Casinio I. vorüber-
schritten, riefen sie laut, deutlid) und selbstbewußt:
„Prost, Lehmann!"

Aber der arrogante Florentiner gab keine
Antwort. Bruno wolfgang

Den lieben Freunden

G man muß die Guten kennen,

Die voll Inbrunst uns umfah'n;

Die sich heute Freunde nennen,
wenn sie gestern erst uns sah'n.

Rommen morgens, mittags, abends.
Selbst die Nacht ist sicher nicht.

Des betulichen Gehabens
Sich zu freu'«, ist Freundespflicht!

Da ist heilig keine Stätte:

Zitzen gleich an deinem Tisch,

Räkeln sich aus deinem Bette,

Spucken aus den Teppich frisch.

visitieren, Schränke, Truhe,

Gingst du eben nur beiseit';

Deine Rlcider, deine Schuhe
Sind für sie nur da, all right!

Ihre bände flink erhaschen
Bücher, Briefe, Manuskript;

Fix von allem froh sie naschen,

Gb's geschrieben, ob getippt.

was du sagst, bleibt fromm bewahret
wie ein heil'ger Bibelspruch;
wenn ihr Geist sich offenbaret,

Ist's, als wär's dein eigens Buch.

Sollen morgen alle wissen
was dich quält, kannst auf sie bau'»:
Mußt den Freunden nur beflissen
Als Geheimnis es vertrau'» . . .

Doch nun ruf' ich nach dem Büttel:
„Treib' sie aus dem Tempel all;
Meine Seele ist kein Spittel
Und mein Daus kein Schweinestall!"

- - -

Mitterw sehen H-Bing

„Erst kiest er das Hauptökatt und gißt mir di« Kcikage, dann
kiest er die iKeikage und gibt mir das Hauptökatt — das nennt er
dann Austausch geistiger Interessen!“
Henry Bing: Flitterwochen
Walther Vielhaber: Den lieben Freunden
Bruno Wolfgang: Italien
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