Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Beweis Rud. Hesse (München)

,Lfast an mi denkt in die illanöva?" — „Vös glabst — da Hauxtinann hat in oamfort g'fagt, i soll net gar so sandumm dreischaug'n!

Fixigkeit

Ein russischer Offizier weilte in militär-diplo-
matischer Mission in Deutschland.

In seinem Hotel bewirtete er einmal einen
deutschen Kameraden, während sich die Burschen
beider im anliegenden Nebengelas; bekannt »lach-
ten. Die Rede" der Herren kani auch auf jene
Unentbehrlichen und ihre Fixigkeit, und um die
des Deutschen vor Augen zu führen, empfing Karl
den Auftrag, innerhalb fünf Minuten aus einem
bestimmten Geschäft Zigaretten zu holen. Ein
kurzes: „Zu Befehl!" eine stramme Kehrtwendung,
dann verschwand er wieder durch das Nebenge-
laß über die Hintertreppe, und auf die Sekunde
war das Gewünschte zur Stelle. Nun kam die
Reihe an Iwan und besorgt sah sein Herr auf
die Uhr. Kurz vor Ablauf der bestimmten Frist
betrat auch der russische Marsjünger schwerfällig
das Zimmer.

„Ah, da bist Du," wurde er erleichtert auf-
atniend begrüßt, „und wo sind die ,Papr>roffck?"

Gutmütig lächelnd erklärte Iwan, er sei noch
gar nicht fort gewesen, sondern nur hereingekom-
nien, um seine Mütze zu suchen.

(Aus dem Russischen von Dtto Älosinski

Beziehungen

Neulich bin ich gefragt worden, ob ich „Be-
ziehungen" hätte, gute Beziehungen.

„Ja," sagte ich, „zu meiner Arbeit hätte ich
welche."

„Nein, lebendige Beziehungen," hieß es.

Nun, ich nähme an und hoffte, daß meine
Arbeit immerhin nicht ein Kadaver wäre.

Ach was, ich hätte falsch verstanden, Bezie-
hungen zu Personen hätte man gemeint.

„Gewiß," sagte ich, „zu meiner Frau zum
Beispiel habe ich Beziehungen, die gar nicht übel
sind."

Dummes Zeug, hieß es, die sei nicht gemeint,
überhaupt keine Verwandten.

Hm, sagte ich, da sei dann meine Putzfrau,
mit der ich sehr gut stünde.

Ich solle sie doch mit der Person zufrieden
lassen und endlich sagen, ob ich zu Persönlich-
keiten Beziehungen hätte.

„Angesehene Persönlichkeiten?" fragte ich ent-
gegen.

„Selbstverständlich, angesehene Persönlich-
keiten."

„Hm, da wäre der Minister a. D. Stoltenbach."

Ah, das sei ja ausgezeichnet: ob ich mich
schon einmal auf ihn bezogen hätte?

„Gewiß, schon einige Male."

Das sei ja großartig; ich sei wohl mit ihn,
zusammen in die Schule gegangen?

Nein, das nicht: aber im gleichen Tram sei
ich schon oft mit ihm gefahren.

Nun was das Tram beträfe. . . aber ob
man erfahren dürfe, bei welcher Gelegenheit ich
mich schon auf Se. Exzellenz den Minister a. D.
Stoltenbach bezogen hätte?

„Freilich erst gestern Nachmittag wieder, als —"

„Was Sie sagen!"

als er vom Trambahnschaffner für zehn
gradaus verlangte, worauf ich sagte: ,Bitte, mir
gerade fo‘!"

Fritz Müller

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Entvvicklungsmögttckkeit

Bon Rarl Alexander Bürger

Er hieß Rolf Pollinger und war etwas über
zwanzig Jahre alt. Hofschauspieler Ripso, der ihn
geprüft hatte, sagte ihm auf den Kopf zu, daß
er mangels eines angenehmen Organs, welches
weder Größe noch Klang befaß und infolge feiner
kleinen, unansehnlichen Statur bei der Bühne
einen sehr schweren Stand haben würde, allein,

wenn er bei ihm Unterricht nehmen wolle-

dann könnte es ja gegebenen Falles-immer-

hin wären Entwicklungsmöglichkeiten vorhanden.

--Er sprach noch weiter von Spezialmethode,

individuellem Rollenstudium und seinen guten Be-
ziehungen zu den Direktoren der Provinztheater.
Rolf Pollinger dankte, er wolle es sich noch ein-
mal überlegen und ging. Er konnte doch nicht
bei Hofschauspieler Ripso Stunden nehmen, wo
er doch schon einen zweijährigen Abendkurs in
der Theaterschule absolviert hatte und bereits als
„reif" zensuriert war. In Rolfs Gedächtnis war
nur ein Wort hängen geblieben und das hieß
„Entwicklungsmöglichkeiten."

Er begab sich direkt zu dem Theateragenten
Sonnenschein. Herr Sonnenschein mußte die alte
sattsani bekannte Geschichte vom inneren Drang
und der tiefen Sehnsucht zum Theater des Län-
geren und Breiteren über sich ergehen lassen, wie-
wohl sie ihn herzlich, ja sogar quälend, langweilte,
aber aus Geschäftsrücksichten hielt er bis zum
Schluß aus. Ja er enthielt sich sogar jeder Unter-
brechung, wohlwissend, daß ein derart ins Stocken
gebrachter Redefluß dann umso heftiger seine»
unaufhaltsamen Lauf nimmt.
Otto Klosinski: Fixigkeit
Rudolf Hesse: Beweis
Karl Alexander Burger: Entwicklungsmöglichkeit
Fritz Müller: Beziehungen
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