Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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JENA

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Paris,Sf.petersburg.Tokio, Wien

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Prospekt

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Kollegen meines Bruders

Mein Bruder Hat einen Kollegen: die Pünkt-
lichkeit und Ordnung in Person, Der Hat sich
seit Jahren schon darüber aufgeregt, daß im Kon-
ferenz- — oder wie nian heute sagt — Lehrer-
versanimlungszimmer so viele seiner Kollegen beim
Heftekorrigieren mit der schwarzen Feder in die
rote Tinte tunken und umgekehrt. Da erscheint
er eines Tages, in jeder Hand ein Bündel Feder-
halter, Sorgsam legt er sie in drei Häufchen
auf den Tisch, je ein Dutzend rote, schwarze und
veilchenblaue,

„So," beginnt er, „damit endlich Ordnung
in den Betrieb konnut! Die schwarzen sind für
die schwarze, die roten für die rote Tinte. Das
wird doch wohl jeder kapieren?!"

„Ja und die veilchenblauen?" fragt da mein
Bruder vorlaut.

Mit einem höchst verächtlichen Blick über die
Brillengläser hinweg erhält er auf seine naive
Frage die Antwort:

„Na, die sind natürlich für diejenigen, die sich
das auch jetzt noch nicht merken können und immer
die verkehrte Feder nehmen wollen,"

Mein Bruder hat einen andern Kollegen, Der
ist Hurrapatriot und politischer Bücherschreiber
bis zum Schrei- und Schreibkrampf, 2m Neben-
amt natürlich auch Pedant und Pantoffelheld erster
Güte, Die augenblickliche „große Zeit" melkt er
selbstverständlich bis auf die Magermilch aus.
Unter das Vorwort eines jeden seiner Geistcs-
niederschläge setzt er dann großmäulig: „Zu Rom
am Sednnstage 1913" oder irgend eine ähnliche
Fanfaronade. Kürzlich schrieb er auch etwas über
„Die nationale Begeisterung der höheren Töchter-
schulen im Siegesjahre 1813", Um sich darüber
zu vergewissern, daß auch die Nntionalbibliothek
seine» Schmöcker schon besitze, ließ er ihn durch
eine Schwiegermutter dort entleihen. Wie staunte

Blumen schul;

N, Kost

„Scbmeiss mer die Blume» wieder weg, fßalcbe», mer
bam ja keene Karnibel derbeme, die se fresse» bönn'n!“

er aber, als er Hinter dem schwülstigen Datum seines weiß-
getünchten Vorwortes: „Geschrieben zu Bourges im Herzen
Frankreichs am Zahrhunderttnge der großen Freiheitsschlacht
zu Leipzig" die Worte las: „Wo ich mein Lebtag einmal über
Nacht war, als ich — ein guter Patriot und Renommiste! —
meine Tochter in ein dortiges erstklassiges Pensionat brachte,"

Mein Bruder hat noch einen Kollegen: ein
Haarspalter, Buchstabenreiter und Silbenstecher,
wie er im Buch steht, somit natürlich auch ein
recht seichter Kopf,

Eines schönen Tages kommt eine Verfügung
des Ministeriums: der Geschichtsunterricht solle
noch mehr im Zusammenhang erteilt und die
fortlaufenden Beziehungen der historischen Ge-
schehnisse untereinander stärker betont werden.
Am nächsten Tag bespricht der Silbenstecher in
seiner Geschichtsstunde den westfälischen Frieden
und schließt endlich mit der Flage: „Wodurch ist
denn das Jahr 1648 auch sonst noch interessant?"

Langes Schweigen, dann ein allgemeines Raten
ohne jeden Erfolg,

„Na, ich will's Ihnen selbst sagen: Weil ge-
rade 300 Jahre vorher die erste deutsche Universität
gegründet wurde und gerade 200 Jahre später
die Februarrevolution in Paris ausbrach. Sehen
Sie, so muß man die Weltereignisse in historische
Beziehung zu einander bringen und den Fäden
nachspüren, die sie untereinander verbinden,"

Deleturus

*

Liebe Jugend!

3» meinem Geschäfte habe ich einen kleinen
lsandwagen, den einer meiner Freunde gelegentlich
bei mir 'ausleiht.

Am Neujahrstage erscheint nun unter den
Nitt Gratulanten auch ein Nlann, von dem ich
mich nicht erinnere, einmal mit ihm zu tun ge-
habt zu haben, und wünscht mir — „e glicklich
Neijohr!"

Da er mir durch eine vielsagende ksandbewe-
gung Zu erkennen gibt, daß er etwas geschenkt
haben möchte, frage ich ihn, wer er denn sei.

„Ei," so antwortet er, „ich bin der Mann, wo
als de Wage bei Ihne lehnt."

liei etwaigen lSestellunuen Ulttet man auf die Münoiner „«J UCiiCINX»“ liezu» zu nolimon.

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[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
Richard Rost: Blumenschutz
Deleturus: Kollegen meines Bruders
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