Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

Page: 574
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1914_1/0580
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die Firne

Es ragt ein Berg am Himmelsrande,

Der leuchtend seine Schroffen reckt.

Tief unten wogt im Sonnenbrände
Die weite Ebne, halmbedeckt.

Die Saaten reiften. Allerwegen
Geht durch das Land der Sicheln Ton,

Es müht sich um den Erntesegen
Der Schnitter Volk in harter Fron.

Wie flnß'ges Erz nmrinnt die Glieder
Des Mittags unbarmherz'ge Glut,

Und blinkend auf die Garben nieder
Tropft heißer Schweiß in steter Flut.

Doch wenn auf der gesenkten Stirne
Das herbe Naß zu grausam sticht,

Dann blickt der Schnitter auf zur Firne,

Die droben gleißt im Silberlicht,

lind sieh, ihm ist, als ob er fühle,

Wie ihm der Bergwind, lind und leicht,

Mit einer wundersamen Kühle
Um die erhitzte Schlafe streicht.

Margarete Lech

Die rote Ssse

Ein schmaler Hof, von Mauern hart umstellt,
Schließt mich in eine kleine, enge Welt;

Die Wände grau, die Fenster fahl und kahl,
Und selten nur ein heller Sonnenstrahl.

Zum Traurigwerden war' das Leben schier,
Stand' nicht die rote Esse über mir.

Oft sucht, vom Schaffen müde, sie mein Blick,
Und immer gibt sie still den Gruß zurück:

Wenn überm Dache früh der Morgen loht.
Lacht heimlich mir ihr sanftes Rosenrot,

Und legt der Tag das schwere Haupt zur Ruh,
Wirft sie den letzten Purpurgruß mir zu;

Ob starr die Welt, ob voll Verdruß die Zeit,
Ein rotes Lächeln hat sie stets bereit.

Und dieses Rot am düster-grauen Ort
Nimmt alle Schatten freundlich mit sich fort.

Kurt Schede

Troh

Und Hab ich dies und das getan,

Hat mich das Leben klein gemahlen.
Wohlan, ich muß den Müller zahlen.

Was geht's dich an!

Du hast mich nie mit Trost geletzt
Und nie mein Leid mit mir gelitten.

Ganz einsam Hab ich Gott erstritten.

Was willst du jetzt!

Heinrich Schanzen

Ferd. Staeger

Der Genießer

Bon Karl Ettlingcr

Peter Scheutermann war ein Genießer.

Er genoß: die Natur, die Musik, die Liebe
und die Einsamkeit.

Die Natur genoß er, wenn er draußen vor
dem Dorfe, auf der Wiese am Waldrand, die
Gänse hütete. Dann lag er auf dem Rücken im
Gras, die Hände über dem Magen gefaltet, und
blinzelte in die Sonne. Oder er sah sich die
Wolken an, die seltsam gestalteten Wolken, und
baute in seinen Gedanken aus ihnen, als feien
es die Steine eines Baukastens, Schlösser, Eisen-
bahnbrücken, Tunnels und fürchterlich hohe Türme.
Und dachte: ,Wenn jetzt nur kein Windstoß kommt
und den Turm von Babel umweht st

Hatte er genug auf dem Rücken gelegen,
dann drehte er sich um und legte sich auf den
Bauch. Stocherte mit einer langen Gerte in die
Mauselöcher und wartete, ob kein Heinzelmänn-
chen daraus hervorkröche.

Wenn es regnete, sperrte er den Mund weit
auf, fing die Tropfen mit der Zunge und dachte:
Wenn mir jetzt ein Blitz mitten in den Mund
führe? Dann würde ich ihn hinunterschlucken
und würde ins Dorf zum Pfarrer laufen und
sagen: „Herr Pfarrer, ich Hab einen Plitz ge-
schluckt!" Und der Pfarrer würde besorgt den
Kopf schütteln und sagen: „Hm, hni, da hilft
nur ein Löffel Rhizinus!"

Solche Gedanken hatte der Peter. Denn er
war ein Genießer.

Wie kam es nur, daß Zeder, der den vierzig-
jährigen Peter zum ersten Male fah, ihn für einen
Krüppel hielt? Weder hatte er einen Puckel, noch
hinkte er, noch war eines seiner Glieder verküm-
mert oder gebrochen. War sein schlürfender Gang
daran schuld? Oder sein täppisches Gehaben? Das
ewige stumpfe Lächeln auf seinem Antlitz oder der
matte Glanz seiner wasserblauen Augen?

Sonntags genoß Peter die Musik. Gegen
Mittag schlich er zur Dorfschenke, wo im großen
Saal zum Tanz aufgespielt wurde, stellte sich
auf die Zehenspitzen, schaute durch die Fenster-
scheiben in den Saal und drückte sich die Nase platt.

Die Musik hatte er gern. Sie quiekste so
angenehm. Und daran war vor allem der dicke
Kuno Schuld, der die Klarinette blies. Wie er
die Backen aufblähte! Wie ein Hamster!

„Einmal müssen ihm die Backen platzen,"
dachte der Peter. „Was macht er dann? Piel-
lcicht aber sind es garnicht die Backen, sondern
er hat rechts und links im Mund einen Kinder-

luftballon stecken? Man müßte ihm einmal
mit einer spitzen Nadel durch die Wangen
stechen, dann käme man schon dahinter!"

Auch der lange Hans mit der Trompete
war nicht übel. Schade nur, daß die Trompete
immer so klang, als ob sie den Schnupfen
hätte. „Man sollte der Tronipete nachts nasse
Umschläge machen," überlegte der Peter. „Und
messen sollte man sie, ob sie kein Fieber hat!"

Ganz so, wie der Bezirksarzt danials ihn
selbst gemessen hatte, — damals, wie er so
krank gewesen war, weil er von der Brücke
in den Bach gefallen war. „Gehirnerschütte-
rung" halte der Arzt gesagt, und die Pauern
hatten geschimpft, daß der Peter die Gemeinde
Geld koste.

„Gehirnerschütterung! Wird wohl ’ncn klei-
nen Klaps zurückbehalten!"

Mochte der Bezirksarzt sagen, was er
wollte! Dem Peter war das gleichgültig.
Denn er war ein Genießer.

„Vielleicht liegt der Fall mit der Trom-
pete ähnlich wie mit mir selbst?" meditierte er.
Und wenn er den Mut gehabt hätte, so hätte
er dem langen Hans einmal die Trompete
heimlich nachts gestohlen und sie zum Bczirks-
arzt gebracht.

Sagte der Pfarrer nicht immer, man sollte
die Kranken pflegen? Warum also tat nie-
mand etwas für die Tronipete?

Die Tanzmusik interessierte den Peter viel
mehr als die Tanzenden. Auf die tanzenden
Paare war er gar nicht neidisch, aber von den
Musikern wäre er gerne einer gewesen. Das
konnte doch nicht so schwer sein? Man nahm
einfach so ein Instrument und sang hinein. Und
ließ dabei die Finger auf den Luftlöchern tanzen.
Und steckte rechts und links in den Mund einen
Kinderluftballon.

Eines Abends, als er wieder die Musik genoß,
tupfte ihm jemand auf die Schulter.

Das war Marie, die Stallmagd.

„Was machst Du denn da?" frag sie.

„Ich wart', bis der dicke Kuno platzt!" sagte
der Peter.

„Hast Du keine Lust zu tanzen?" frug die
Marie weiter und guckte dem Peter lachend mitten
ins Gesicht.

„Nein! Aber auf einen Baum klettern und
Wolken fangen!" sagte der Peter.

Da lachte die Marie noch lauter, und begann
tausenderlei zu fragen, was der Peter alles be-
antworten mußte. Er vergaß ganz die Musik,
zog feine Nase, die schon so platt war, als ob
ein Pügeleisen darüber gefahren wäre, von der
Fensterscheibe zurück, und auf einmal mar er
mit der Marie auf der Waldwiese:

Und der Mond hatte noch nie so schön ge-
schienen.

Seitdem genoß der Peter auch die Liebe.
Er war fest entschlossen, die Marie zu heiraten.
Wie schön sie war. Und so hübsch dick. Nächstes
Jahr würde er sie heiraten. Freilich, Geld hatten
sie Peide keines. Und die Gemeinde würde wohl
Schwierigkeiten machen. Aber das schadete gar
nichts.

Denn eines Tages, wenn der Peter gerade
auf der Wiefe lag und die Gänse das A-B-C
lehrte, da würde aus dem Wald ein Herr kom-
men, mit einem großen, weißen Bart, in einem
wunderbaren blauen Mantel, und würde sagen:
„Peter, weil Du so brav warst, schenke ich Dir
mein Königreich!"

„Danke schön!" würde der Peter antworten.
„Was wird aber aus meinen Gänsen?"

„Die nimmst Du mit und hütest sie fortan
im goldenen Thronsaal!" Mit diesen Worten
würde ihn: der Herr eine Krone aufs Haupt
setzen, und der Peter ginge ins Dorf hinunter,
und alle würden sich vor ihm verneigen: der
Bürgermeister und der Pfarrer und der Bczirks-
arzt und der dicke Kuno und der lange Hans
und die Gänse.

574
Karl Ettlinger: Der Genießer
Margarete Lech: Die Firne
Ferdinand Staeger: Vignette
Heinrich Schanzer: Trotz
Kurt Schede: Die rote Esse
loading ...