Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Am Zaun

Das alte Haus ist öd und leer;

Ich weiß nicht, warum kam ich her?

Und muß doch stehn und lange schaun

Hinab zum grauen Gartenzaun.

Die morsche Tür ist angelehnt,

Als hätte sie mich längst ersehnt.

Der Buxbaum duftet hoch und weit,

Das Gras wuchs über Weg und Zeit.

Die blauen Veilchenaugen sind

Erwacht wie einst im Frühlingswind.

Die liebsten zwei doch blühn nicht mehr;

Ich weiß nicht, warum Kain ich her?

Franz tbangheinrich

3m Kurort

„Ich bin müde," sagte die hochaufge-
richtet dasitzende Frau und legte sich zu der
anderen, die schon auf dem Felshügel, der
sich mitten auf dem Promenadenweg erhob,
weit ausgestreckt dalag.

Heimlich redende Linien entsprangen die-
ser Bewegung, kreuzte» sich, richteten sich
auf und sanken wieder ruhig ineinander.

Das sah Einer.

Unbemerkt lehnte er sich an die Felsen-
wand, die gerade so hoch war, daß er un-
gesehen dort stehen konnte.

Nicht aus Neugierde tat er dies, sondern
wie hingebannt an diese Linien, die ihm wie
ein Versprechen dünkten.

„Daß du plötzlich mit so klaren Augen
in das Licht schaust, das wundert mich; ich
habe dich, solange ich dich kenne, immer
nur mit halboffenen Augen gesehen. Du
siehst wirklich ordentlich fromm aus," sagte
eine Stimme oben.

„Ich lache jetzt über meine Leidenschaften,
die mir beinahe das Rückgrat gebrochen
haben, und bemitleide mich ob der Ziele, die
mich weit über das einzige Ziel hinausjagten.
Die Liebe sich zum letzten Ziele machen zu
wollen rurd garnicht wissen, ob wir nicht
Besseres gewinnen können, das tun nur wir
Frauen und immer auf Kosten unserer see-
lischen imb körperlichen Gesundheit."

„Wie du heute so weitsichtig, so großzügig
und befreit sprichst. Du bist ja wieder gesund,
ja natürlich, du bist wieder ganz gesund."

„Glaubst du wirklich, daß ich das bin?"

Als sie das sprach, entrollte ihrer Hand
ein schöner Apfel. Der sprang den Abhang
hinunter und über seinen Kopf hinaus ge-
rade zu den Füßen des Lauschenden.

Mila de pinggeea

Jm Motorboot

Ethische Gespräche von Alfred Manns

Es war ein warmer Frühlingstag. Das
Meer lag klar und glatt. Das starke, seetüchtige
Motorboot hatte die Kugelbake passiert und nahm
bai Kurs westlich auf Scharhörn zu, dem Ziele
des Ausflugs.

Gerd Meck, der Sohn von Meck und Com-
pagnie, mit den schwärmerischen Augen und den

dicken Brillanten auf den etwas schlaffen Händen,
trank bemerkenswert viel Cognak.

„Mein Stoff scheint Dir zu schmecken," meinte
Hans Dubbing, der junge Reeder und Besitzer
des Fahrzeugs.

Gerd winkte ab. „Das ist nicht des Cognaks
wegen, es ist des Alkohols wegen; Du weißt,
ich verachte ihn sonst, aber heute brauch ich ihn."

Der gesunde Arzt, der dritte im Boote, pfiff
vor sich hin.

„Aha, irgendwelche Augiasställe schreien wie-
der nach der reinigenden Mistgabel des Herkules
Meck & Cie. junior. Beschwichtige Deine Seele
durch einen weiteren Cognak und dann niache
zweckmäßige Vorschläge, wie man dieser empören-
den Unkultur, über die Du uns sogleich berichten
wirst, entgegentreten kann!"

Gerd Meck lächelte müde.

„Ich war vorhin im Schlachthaus, Peter
Lüdeke."

„Ha, wie entsetzlich! Aber richtig, da füllt
mir's ein, Du beabsichtigst ja demnächst Dein
erstes Debüt als Hasenjäger ans der Altenlander
Jagd Freund Dubbings zu geben, da wolltest Du
vorher Privatstunden in Kaltblütigkeit nehmen."

Der andere blickte den Spötter aus seinen
großen schwarzen Augen ernst an.

Dubbing schmunzelte. „Laß hören, Gerd."

Meck wandte sich dem Reeder zu.

„Du kannst Dir unschwer vorstellen, Hans,
daß ich nicht aus plötzlich erwachter Leidenschaft
an Deinem rohen Sport teilzunehmen beschloß,
sondern lediglich, weil es mich interessierte, an Dir,
den ich als einigermaßen verfeinerten Kultur-
menschen kenne, das Erwachen der brutalen In-
stinkte aufdämmern zu sehen."

Dubbing räusperte sich und hantierte an seinem
Motor.

„Na, weißt Du, so gewissermaßen als Ber-

suchsmeerschweinchen-—"

Dn hast ganz recht, Hans, das habe ich
schließlich auch eingesehen, ganz besonders deshalb,
weil gerade bei Dir dieses plötzliche willkürliche
Ablegen der allerelementnrsten ethischen Selbst-
verständlichkeiten mich sehr schmerzlich berühren
würde, denn ich erkenne es durchaus an, daß Du
mit Hilfe gut angewandter Vernunft auf ein ziem-
lich hohes Kulturnivean Deines Innenlebens ge-
langtest, was ich um so höher einschätze, als —
Du verzeihst — Deine natürliche Veranlagung
Dich hierbei eben nicht allzu sehr unterstützt."

Dubbing blieb ernst, nur ein ganz klein wenig
zuckte es um seine Mundwinkel.

„Du bemühst Dich ersichtlich objektiv zu sein,
aber wolltest Du uns nicht vom Schlachthaus
erzählen?"

Der Arzt schlug sich auf die Schenkel, und
bevor Meck beginnen konnte, fragte er so harm-
los wie möglich: „Sag mal, Gerd, wie hoch
stehen Liebig-Aktien?"

Der Ästhet blieb völlig gelassen. „Glaube
nicht, mich durch Deine Plumpheiten verwirren
zu können, Du weißt recht gut, daß ich mit deni
Tun und Wesen meines Vaters, soweit es im
materiellen liegt, keine Gemeinschaft habe."

„Ja, seit Tante Adelgundes Erbschaft," warf
Lüdeke erbarmungslos dazwischen. „Früher-"

„War ich ein unfertiger, suchender Mensch.
Ich will nichts gegen meinen Vater sagen, aber

auch nur wurde der Kampf gegen allzu greifbare,
unechte Lebenszwecke nicht erspart, die rohe Kraft
des ererbten Blutes suchte auch mich an das
Stoffliche zu fesseln. Aber ich machte mich frei,
denn das ureigenste Ich ist kein Abstnmmungs-
produkt, sondern ein Produkt der Schöpfung,
oder deutlicher: bei der Geburt eines Menschen
sind zwei Kräfte im Werke, die ursächliche, ma-
terielle des Mikrokosmos und die rein geistige
des Makrokosmos!"

„Und jetzt kommt das Schlachthaus!"

Meck sah über Lüdeke hinweg ins Weite und
spielte mit den Ohren seines kleinen Terriers.

„Merkwürdig, das Bewußtsein für ethische
Grundsätze kommt uns meist aus gemeinen Bei-
spielen der Wirklichkeit. Eines Tages hatte ich
diesem Tierchen hier versehentlich auf die Pfote
getreten. Der Schmerzensschrei und die flehenden
Blicke des Hundes schnitten mir in die Seele,
und in diesem Augenblicke kam mit elementarer
Gewalt die Gewißheit über mich, daß bei der
Menschheit von einem Kulturhöhepunkt nicht eher
die Rede sein kann, als bis ihr die Idee der
Verbrüderung mit allem, was lebt, geläufig ge-
worden ist."

„Jawohl, Recht hast Du," sagte Peter, „und
ich will mich bemühen, dem Bruder Floh, der
soeben von Deinem Hunde zu mir auswanderte,
eine freundliche Gesinnung zu beweisen."

„Ich habe das Tier auf den Schoß genommen
und ihm Kompressen gemacht; selten oder nie
empfand ich solch reine, schrankenlose Freude wie
in demAugenblicke, als der Hund mich schmerz-
befreit, voll Dankbarkeit ansah."

„Du hättest das durch eine Frankfurter Wurst
in zwei Minuten erreichen können."

Gerds Stirn zeigte leichte Falten.

„Ich möchte Dich bitten, Lüdeke, meine Worte
zu ignorieren; ich besitze tatsächlich soviel Ver-
stand, daß ich weiß, welche Witze Du an jener
Stelle meiner, für Dubbing bestimmten Erklärung
zu machen fähig bist, auch ohne daß Du Dir die
Mühe bereitest, sie auszusprechen."

„Nichts für ungut, Gerd, aber vielleicht bist
Du mir dankbar, wenn ich Dich an das Echlacht-
haus erinnere."

Hans Dubbing sah gedankenvoll auf die kleine
Rettungsjolle, die sich Mittschiffs über dem Ka-
jütenkasten befand.

Meck fuhr fort: „Wenn ich nun bis dahin die
schmerzlose Abtötung von Tieren zu Nahrungs-
zwecken im Hinblick auf die Naturgesetze als einiger-
maßen berechtigt ansah, so bekehrte ich mich jetzt
zu anderer Ansicht. Ohne alle Sentimentalität:
Will man von den Jagden einiger wilder Völker
absehen, die das Fleisch buchstäblich zu ihrer
Selbsterhaltung gebrauchen, so bleibt der Sport
übrig und die Tierzucht. Denkt einmal über beides
nach. Verdient dieser Sport denn nicht wirklich
die Bezeichnung, mit der sich unser lieber Lüdeke
ein Gelächter verdienen wollte? Und nun die
Tierzucht: Lebewesen mit Sinnen und Gefühlen
lassen wir erstehen, hüten sie, halten sie so, als
ob wir den Schöpfungsgedanken in ihnen ver-
ehrten, dann schlagen wir sie tot und verschlingen
sie. Wir geraten außer uns, wenn ein Mensch
den anderen tötet, aber wir leiten andererseits
aus der Tatsache unserer feineren Organisation
das Recht ab, unsere Mitgeschöpfe — wer will
leugnen, daß sie eine Seele haben — zu schlachten
und zu morden."

Gerd machte eine kleine Pause, die Peter roh
unterbrach.

„Hans Dubbing, ich weiß, Du hörst manchmal
gern meine Ansicht: Solange dieser verflixte Floh
an mir herumfrißt, bin ich der Verbrüderung ent-
schieden feindlich; meine guten Vorsätze halten
nicht stand und unter dieser Beeinflußung bin ich
nicht in der Lage, ein Filetsteak mit leicht ge-
dämpfen Zwiebeln zu verachten."

Gerd Mecks Gleichgültigkeit war nur ein
dünner Überzug gewesen, unter dem das Tem-
perament gelodert hatte, nun sprengte es die
Hülle.

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Paul Segieth: Vignette
Franz Langheinrich: Am Zaun
Alfred Manns: Im Motorboot
Mila de Pinggera: Im Kurort
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