Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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(Keulchen

(JMotlv aus GetbTemane)

Ihr Richtermasken wider liefern willen,

Ihr Hellen Angen hinter trüben Brillen,

In euer» Gugclkappen feh ich klar
Mißbrauchten Lichts scheintote Diademe:

Nicht ihr, die Zeit zerrt mich vor diese Leine,
Und ihr bleibt Werkzeug, wie es ist und war.
vergebt mir, wenn in Elend und Gefahr
Ein wenig ich in Schutz mich selber nehme.

Mein Derr und Meister, der sich nie ergründet.
Zeitloser Glanz, der auch in mir gezündet.

Du weißt, errötend nur griff ich zum Zchwerte,
Und kennst mein verz und seine Menschenklagen.
Das Lied, zu dem mein Leben sich verklärte.
Und das mit meinem besten Blut ich nährte,
Verblutet nicht mit meinen dunkeln Tagen . . .

Und ihr, die mich verdammt zu diesen Schauern,
Bei Licht muß ich euch lieben und betrauern.
Nur euren Larven Hab ich Krieg geschworen —
Doch läßt, was lebend tot, sich nicht mehr morden.
Der Tod beherrscht wie alle Zeit auch diese.

Die Sehnsucht würgt wie ei» gebundner Riese
Am Leben, dessen gern sie froh geworden ...

Kurt Piper

Der zerKrscheire Rerker

Vor den letzten Gassen stand ein stummes Haus.
Ging mancher hinein und kam tot heraus:

Im engen Garten

Tal sein ein Fallbeil warten.

Und das stumme Haus hatte euch Mauern,
Als sollten sie überdauern
Ewigkeit und Zeit,
llnd tausend Herzeleid!

Und nun sind sic gekommen mit Wagen,

Und haben die Steine fortgetragen;
Nacheinander in Ruh'

Und die Gitter dazu . . .

Richard Elchingcr

Der Quadratmeter

Einmal ging ich mit einem Bauern von Can-
nero vors Dorf hinaus. Da ist nicht viel Ebenes.
Nur steile Hänge zielen auf die Straße. Gott-
seidank, sie zielen nur, sie schießen nicht. Denn
wenn die Hänge schießen würden, in das Rutschen
kämen, so schlügen sie um ganz Cannero den Sarg
von Stein. Das gäbe einen festen fugenlosen
Sarg, aus dem kein Auferstehen mehr sein würde.

So sagte mir der Bauer von Cannero. Und
dann setzte er hinzu, gerutscht wären sie schon
einmal, diese Hänge, vor altersgrauer Zeit. Aber
damals hätte Cannero noch nicht gestanden. Son-
dern erst auf das in den blauen Langensee hin-
eingerutschte Dreieck hätte man es aufgebaut.

Auch nicht gleich. Sondern erst wuchs einmal
Rohr auf diefeni Dreieck, ein hundert Jahre oder
so. Rohr aber hieße eanna hierzulande. Und
so entstand aus einem Bergrutsch und aus Rohr
seine Heimat Cannero.

Das hat er nicht poetisch gemeint, der Bauer,
mit dem ich ging. Auch das nicht, daß in einer
fernen, fernen Zeit, nach einem jahrtausendlangen
Zielen, die Berge rings zum andern Male schießen
würden. Was Bauern sagen, ist nienials poetisch
gemeint, sondern schlicht und werkeltäglich.
Und dadurch wird's von selbst poetisch, ohne
daß sie's wissen.

Oder ist das nicht poetisch, daß ein Dorf am
See zwischen zwei Bergstürzen aus dem Rohr
erblüht und tausend Jahr atmet, um im Donner-
gange wieder zu versinken? Ist das nicht poetisch
— für den Städter? Für den Mann in Cannero
ist es zwischen Arbeitspausen ein Blick zuin Blau-
see mit einem leichten Rieseln im Rücken.

Aber schließlich sagt mir einer, daß gerade
das — der Blick zur Schönheit und im Rücken
die Gefahr — die Grundursache aller Poesie sei?

Einverstanden, Aber dann hat doch wenigstens
der Quadratmeter nichts mit Poesie zu tun. Der
Quadratmeter, den mir jetzt der Bauer zeigte.

Das war kein Quadratmeter, wie wir ihn in
der Schule lernten: Einen Meter lang und einen
Meter breit, und Länge mal Breite, das gäbe
dann den Inhalt, sagte der Lehrer. So lernten
wir die Formel für den Flächeninhalt. Aber es
gibt nocl> eine zweite Formel und einen zweiten
Inhalt für den Quadratmeter. D i e Formel und
den Inhalt lernt man nicht. Die hat man
und erlebt man, oder hat man nicht und erlebt
sie nicht.

Mein Bauer und Begleiter hat ihn miterlebt,
den Quadratmeter.

„Sehen Sic, Herr," sagte er und wies auf
ein hängendes Feld, „hier ist der Quadratmeter."

„Was für ein Quadratmeter?" frage ich
natürlich.

„Der da," sagt er, und stellt seine beiden
Handflächen senkrecht auf eine rohe Grenzmar-

kierung, die zwischen zwei steilen Weingärten auf
die Straße herabläuft.

„Aber," sage ich, „das ist doch kein Quadrat-
meter, das ist ein Strich."

„Nein, Herr," sagt er, und nickt mit dem
Kopf auf den schmalen Zwischenraum zwischen
seinen senkrechten Handflächen, „nein, Herr, das
gibt einen Quadratmeter."

„Aber dann muß man den Streifen ordentlich
lang nehmen," sage ich.

„Ja, bis da hinauf," sagt er, und zeigt jetzt
ein hohes Stück den Berg aufwärts.

„Hm," sage ich, „und woher wißt ihr, daß
das einen Quadratmeter gibt?"

„Er ist gerichtlich ausgemessen worden, Herr."

„Also ein Grenzstreit?"

„Ja, Herr."

„Wegen eines solchen dünnen Streifens, der
doch keinen Wert hat?"

„Keinen Wert, Herr? Er ist gerade breit
genug, daß ein Rebstock daraus wachsen kann
— sehen Sie, Herr." Und mit dem Zeigefinger
in der Luft tupft er eine Reihe an. Und nun
sehe ich erst, daß sich eine schnurgerade Reihe
Weinstöcke auf der Grenze aufwärtszieht.

Und dann erzählte er mir die Prozeßgeschichte
dieses Quadratmeters. Wenn ich wollte, könnte
ich jetzt eine schöne kunstgerechte Novelle aus dem
Quadratmeter herausspinnen, mit Exposition, mit
Knotenschürzung und mit einem kunstgerechten
Dramenschluß. Und um die Rebstöcke dieses
Quadratnieters könnte ich Rede und Gegenrede
ranken und sie mit dem Baste des Gefühls sach-
verständig um die Stöcke ranken — einmal, zwei-
mal, dreimal — so oft die Fabulierlust niich da-
zu verführte.

Aber um einen Quadratmeter herum mag ich
nicht fabulieren. Auch mein Begleiter hat nicht
fabuliert. Sondern er hat die lange Länge dieses
schmalen Rechtecks sachgemäß entwickelt und sie
multipliziert mit der spannendünnen Breite. Und
das gab dann haargenau einen Quadratmeter
Schicksal.

Und so wie er will ich's auch machen: „Das
ist die Länge, und das ist die Breite," will ich
sagen, „und soviel ergibt die Multiplikation; die
Ranken macht euch selbst darum."

Die Länge, das war der Neid des einen Wein-
bergs auf den andern. Denn der eine Weinberg
war gut dreimal so groß wie der andre.

Und die Breite, das war der bockbeinige Stolz
des andern Ackers gegen den einen.

Ein langer Neid, vermehrt mit einem dicken
Stolz ergab aber, sauber wie die Rebenstöcke in
eine Reihe gesetzt, folgenden Inhalt:

„Die Trauben ranken sich nach meinem Grund,
ich ernte sie."

„Die Weinstockreihe aber wächst noch aus
meinem Grund; mir gehört die Frucht."

„Spitzbub!"

Paul Haustein (Stuttgart)

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Fritz Müller: Der Quadratmeter
Otto Ehinger: Der zerbrochene Kerker
Paul Haustein: Ornamentleiste
Kurt Piper: Menschen
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