Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Blühende Träume

Der Frühling ist so voll Güte,

Dost er mein Herz bedenkt.

Mit jeder jungen Blüte
Wird mir ein Traum geschenkt.

Die Gröfer, Blumen und Bäume,
Der Wiesen bunter Strauß
Glühn meine blühenden Träume
ln Hain und Haide aus.

Arthur Silbergleit

Schöner Tag

DerTagoerklang.Und seine letzten Töne
Sind noch ein brausend Lied aus

dos, rnas mar.

Und im Verklingen liegt die ganze

Schone,

Die dieses Tages tiefster Zauber mar.
Nun, da ich mich in meiner

Kammer sehne

Nach dem gegangnen Glück, roird

es mir klar,

Was diesem Tag den goldnen

Kranz umhing -

Der Schritt nur, den ich Dir zur

Seite ging.

Arthur Hoßbach

SSutei

Bon Arthur Lemberg

(LngeTs-2-Sprelzerrig

Bub! bekam einen schönen roten Luftballon
und trappelte mit dem andächtigen Stolz des
Fahnenträgers einer Prozession vor uns her.
Bubi's Mutter fragte: „Wie werden denn eigent-
lich diese Dinger gemacht?" — Angestrengt suchte
ich in meinem Kopf-Lexikon utiter Luft mtd unter
Ballon . . fand aber nur eine ungefähre Vor-
stellung von Schweinsblasen. Ich verzichtete auf
solch profane Dinge — und fantasierte drauf los:

-Es gibt Menschen — nehmen wir an, sie

leben auf dem Mars — die haben einen Körper
wie du und ich, doch an Stelle des Kopfes einen
Luftballon. Zum Rumpf hängt ihnen statt des
Halses eine Schnur aufwärts — und daran schwankt
so eine glatte hohle Kugel. — —

..Pfui."

— — Ja. Wer recht viel Bindfaden besitzt,
der läßt seinen Ballonschädel bis in die Wolken
hinaufsteigen. Bescheidene tragen ihn unterm
Arm. Demütige zwischen den Beinen hindurch
am Rücken. And gar Bequeme lassen das bissel
Gas aus, falten die leere Hülle zusammen, wie
wir einen Panamahut — und stecken das Ding
in die Tasche. — Es ist sehr possierlich, solch
kopflose oder kopfverdrehte Leute zu sehen.-

A. Reinbold

..Hör auf!"

Diese Marsmenschen leben nämlich nur für
ihre Seligkeit, sie töten ihre fünf Sinne ab, und
daher ist der Kopf zu einer Gasblase verkümmert.
Sie vegetieren nur für den großen Augenblick,
wo der Bindfaden reißt und die erlöste Seele gen
Himmel schwebt. Gen Himmel, zu welchem für
die Marsbewohner auch unsre Erde gehört. Und
wenn solch ballonverkörperte Seelen hier einlangen
und eingefangen worden sind, geben wir dem
Mann ein Sechserl fürs Stück — und ein Eng-
lein, wie unser Bubi, hat ei» bejubeltes Spiel-
zeug. —

Da stößt Bubi einen Weheschrei aus! Der
Ballon ist seinen Händchen entschlüpft . . . Ver-
geblich springe ich ihm nach . . . Auch mein Stock
holt den Flüchtling nicht mehr ein. Er steigt —
eine kleine Majestät — hoch in die Höhe. . .

Sämtliche Passanten bleiben helfend stehen
und recken den Hals nach der winzig werdenden
roten Kugel — bis sie als Punkt am blauen
Firmament verschwindet.

Einige trösten unser fassungslos weinendes
Bubi. Andere ergehen sich in Betrachtungen:
wie weit wohl der Ballon fliegen kann. Einer
sagt: er muß ja bald platzen und wieder herunter-
fallen. Ein junges Mädchen seufzt: Wenn man
mit ihm empor könnte!! Bis auf einen Stern!!

Während der Fahrt aus der Stadt zum Aus-
flug erschrak Liebchen: „Ach du — ich Hab mein
Taschentuch zu Haus vergessen — am Tisch liegt
es — zu dumm!"

Da wurde er, der Liebste, rot und bedauerte
sehr, kein zweites bei sich zu tragen. — Beide
hatten nun den gleichen Gedanken: mußt halt
deines borgen . . mußt halt deines borgen . . .
Und Liebchen blickte den Liebsten zutraulich an.
Er hätte nur zu nicken gehabt . . . ein intimes
freundliches Nicken. Er hätte obendrein ein Schön-
Dank-Lücheln eingeheimst. Aber nein: er genierte
sich — — wahrhaftig, er verleugnete sein Lieb-
chen. „Ach, das tut nur aber leid — ich Hab
kein zweites bei mir," hatte er verlegen geflüstert.

So. Damit war sein Eifer erschöpft. Oft hatte
er sich über die kleine Schönheit der Rase Lieb-
chens gefreut: heut ist das Näschen in Verlegen-
heit — das ist sehr genant — man muß dran
vorbeisehen.

Schade nur: die Laune litt darunter. Die
Unterhaltung mar eine gequälte: immerzu mußte
man sie von neuem beginne», und immer wieder
war das Thema gleich aus.

So kam das Pärchen draußen an, und so
begann es die vorgenommene Landpartie; wie
zwei kleine Ackerpferde stapften die Beiden los.

Ein herrlicher Tag war. Liebliche Gegenden
kamen. Lauschige Einsamkeit fanden die Zwei.

Dilles wurde . . absolviert. Auch, daß Hans-
Tapp-Galnn die Liebste an sich zog. Gleich aber
gab er die Widerstrebende aus dem Arm: „Du
bist mißgestimmt," stellte er sich dumni. „Was
hast du?" fragte er beleidigt. Ihr: ,nichts . . .
gar nichts . .‘ wiederholte er spielend: „Nichts!
Gar nichts!"

Man durfte beileibe nicht aus der Rolle fallen.
Und die Beiden gingen langezeit stumm neben-
hin . . Nebenweg.

Liebchen maulte still:

,Treue hat er mir versprochen. Aber sein
Taschentuch mir anbieten — das kriegt er nicht
fertig. Er ekelt sich wohl. Gewiß: er ekelt sich!‘

Dameil der Liebste sich sagte:

,W!r sind ja vertraulich genug sonst. Sie
kann mich doch drum ersuchen. Ich tue dann:
Ja richtig, du hast keines bei dir. Verzeih meine
Vergeßlichkeit. — Und ich will ihr dann viel
süße Worte geben, damit wir über den Unsinn
wegkommen/

So stießen sich die Widersätze unter scheinbar
unbewegter Oberfläche. Die Zwei betrieben ge-
messen und höflich neunmalweise Diskussionen
— — wie überartige Kinder: eines dem andern
gelehrig. — Begegnende mochten spöttisch denken:
Die hohe Schule der Liebe! — Während jäm-
merlicher Liebeskummer in den zwei Herzen
zuckte.

Und es kam ein zarter Moment, wo der
Liebste diskret in. den Himmel starrte, dieweil
hinter seinen, Rücken Liebchen das Schuhband
neuknüpfte-aber auch — Zorntränen ver-

schluckend — das Näs'chen in irgend etwas aus-
giebig rieb.

Jetzt gab's überhaupt kein Vertragen mehr.
Jetzt verlangte Liebchen nach Hause. Und der
Liebste sagte: „Du bist launisch heute. Es ist
wirklich am besten, wir gehen zur nächsten Sta-
tion hinunter."

Unerfrischt kam das Paar in die dumpfe
Stadt zurück. — Er, der Liebste, zankte über die
vielen Leute, die lange Fahrerei, das Wirtshaus
draußen, wo man sich selber bedienen nmßte . . .
auf den ganzen ordinären Sonntagsrmnmel. —
Liebchen hörte mit stillem Gesicht zu.

Noch ein zarter Monient kam, als er nicht
mehr umhin konnte — — es war das zurück-
gehaltene erste Mal: sein Taschentuch zu benützen.
Und da überzeugte sich Liebchen mit deutlich
sprechenden Blicken, daß es ein zusammengefaltet-
blütenweißes war.

Liebchen hörte ihn seine Frage wiederholen,
wann das nächste Stelldichein fein solle — —
und antwortete: „Nie. Ich verachte dich!" Er
ließ Liebchens Hand fallen und zog lief den Hut,
recht tückisch . . der . . na: Ästhet . .

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Anton Reinbold: Vignette "Frühling"
Arthur Hoßbach: Schöner Tag
Arthur Lemberg: Zwei Skizzen
Arthur Silbergleit: Blühende Träume
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