Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Beim Durchblattern meiner Gedichte

Wie diese Verse mir vorübergleiten
Auf einem Strome, der mein Leben führt,

Seh ich der Schiffe Mannigfaltigkeiten
Und zandre, wem der Kranz am Bug gebührt.

Schornsteine . . Masten . . Kahne lastbepackt,
Pinassen und der Segler weiße Horden.
Lustboote ziehen rot und bunt beflaggt,

Musik und Jubel flutet von den Borden.

Und zwischen ihnen: eine dunkle Barke,
Geschwellt von einem unsühlbaren Wind.

Sie geht kieltief, als laste eine starke
Schmerzfracht auf ihr — und geht doch

gleitend lind,

Als trüge sie ein scheues krankes Kind.

Der Himmel, der in Sonne überlohte.

Wallt plötzlich nebelsilbergrau.

Kein Gondolier, kein Passagier im Boote —
Still . . siehst du nichts? . . ich sehe eine Tote,
Ein Schatten stiehlt zu mir sich aus dem Boote,
Ich halte die geliebte schöne Frau.

Der Kranz, den ich dem Leben abgerungen.

Die Tote tragt ihn um die Stirn geschlungen.

2llfeed Hcnschke

Süßigkeiten

Mein Munnerle ifjt unendlich gern gute Schoko-
ladebonbons. Mein Mann hat eine große Packung
Sarotti mitgebracht. Das Kind weicht mir nicht
von der Seite, bis ich das vielversprechende
Paket öffne.

„Gut," sage ich zu dem kleinen Leckermaul,
„jeden Tag sollst Du ein großes Gutzel haben."

Pünktlich jeden Tag holt sich das Frätzle das
Versprochene, und ich sehe das große Schokoladen-
stück in dem kleinen Mäulchen verschwinden.

Eines Tages entdeckt das Kind zwischen den
Schokoladesachen ein kleines Handtäschchen aus
bedruckten! Crepepapier mit Goldschnüren ge-
schmückt:

„Ich will es nuswickeln und sehen, was drin
ist," sagt das Munnerle.

„Und auffuttern," beende ich in Gedanken.

Laut sage ich: „Ninni, ich will Dir das hübsche
Täschchen schenken. Du kannst es Deiner Pippi
(Puppe) geben. Oder Du kannst cs auch selbst
behalten. Aber aufwickeln sollst Du es nicht, sieh
mal, es ist so hübsch." So sprach ich zu dem
dreijährigen Naschkätzchen.

Am andern Tag, als das nächste Gutzel füllig
war, frage ich nach deni Täschchen. „Die Pippi
hat's am Arm und macht Einkäufe .. . aber heut
darf ich's aufwickeln, gelt?" Ich fühlte, wie schwer
mein Nein empfunden würde. Trotzdem beharre
ich. Das Mäusle verzieht's Gesicht, verspricht
aber tapfer noch einmal, auf das Täschchen gut
aufzupassen.

Am nächsten Tag ist die Herrlichkeit ver-
schwunden. Erstaunen meinerseits. Fragen nach
deni Verbleib. Das herzige Gesichtchen wird feuer-
rot: „Ich weiß auch nicht, wo das Täschchen ge-
blieben ist. .. die Pippi muß es beim Einkäufen
verloren haben . . ." Ich seh mir meine Kleine
an. Lügt sie? Schon habe ich ein strafendes
Wort auf den Lippen, aber ein Blick in die
großen reinen Augen meines Kindes halten mich

0. W. Scharrer

zurück. Ich habe nicht den Mut, das häßliche
Wort auszusprechen.

Weiß das Kind überhaupt, was Lüge ist?
Hat es je das Wort gehört, den Sinn erfaßt?
Die großen Augen sind klar und rein.

Und ich finde den Mut zun! Sprechen auch
in den nächsten Tagen nicht, als das Täschchen
auf Nimmerwiedersehn verschwunden bleibt.

Man hat mir mein Kind fortgenommen! Die
Arzte trugen Bedenken, die Kleine stets uni die

tuberkulöse Mutter zu belassen.-Mein Kind

bei Fremden, bei mir guten, lieben Menschen;
aber dem kleinen Wesen ganz fremd!

Ich wühle in den kleinen Schubladen, meinen
Kopf presse ich in die hiergebliebenen Kleidchen
und Röckchen, die Taschen kranie ich aus und
aus den Steinchen, Papierfetzen, Knöpfen baue
ich mir wieder dieses Leben des Spiels auf:
Meinen Lebensinhalt, die Vergangenheit, und ich
spiele die Spiele und die süßen Narreteien des
Kindes — ohne mein Kind. Beklagenswerteste Phi-
losophie, vergrämtes Erwachen zur Wirklichkeit.

Ich nehme das Bauerng'wand vom Haken.
Ninni trug es bei ihren Morgenspaziergängen
in den Luitpoldpark. Wenn sie heimkam, sah
die kleine Tasche aus wie ein Sack. Schwer von
Steinen. Und wir packten dann aus. Große
Steine, kleine Steine, runde Steine, breite, eckige
— eine Welt für die Kindesscele.

Das Bauerng'wand fühlt sich schwer an. Es
müssen da noch Steine sein ... ich packe aus,
und während ich mir mein Kind mit den strahlen-
den schwarzen Augen vorstelle und in Gedanken
mit der Kleinen den Steinen Namen gebe, fühle
ich etwas Klebriges zwischen den Fingern . . .

Ninni, Munnerle, warum bist Du nicht bei
mir? Daß ich Deinen Blondkopf zwischen meine
Hände nehme! „Schau her, Ninni, das Papier-
täschchen mit den Goldschnüren und der einge-
wickelten Schokolade, es ist gefunden. Da, in
der Tasche von Deinem Bauerng'wand ganz
unten unter den vielen Steinen liegt es zer-
drückt. U::d die gute Pippi hat es bei ihren
Einkäufen nicht verloren, wie Du in Deiner Not
damals dachtest.

Gutes, kleines Seelchen, Deine Augen haben
nicht gelogen — ich bin so glücklich!

Und vor lauter Glück — wühle ich meinen
Kopf in die Kissen meines Lagers und weine
mich endlich richtig aus. Rengobi

Die Schwester

Von Aichard Smckal

Ich war ani späten Abend in Sommerholz
angekommen.

Mein Freund, der mich eingeladen und dem
ich meinen Besuch angekündigt, sollte mich in der
nächsten größeren Stadt erwarten, hatte mich aber
verfehlt.

Auf dem kleinen Bahnhof, der wie jeder andere,
den ich bisher auf dieser mir unbekannten Zweig-
strecke durchfahren, spärlich beleuchtet war, stand
eine zahlreiche Gesellschaft. Junge Stimme» hörte
ich und Begrüßungsmorte. Einer von de» Sommer-
gästen mußte von einer Reise zurückgekehrt sein.
Er wurde rasch von der Gruppe eingekreist und
man verließ den Bahnsteig. Ich, der andere Aus-
steigende, blieb natürlich unbeachtet.

Nun galt es, mich zurechtzufinden. Aus einer
Schilderung erinnerte ich mich, daß der Ort selbst
in einer gewissen Entfernung vom Bahnhofe lag.
Wirklich bogen schon einige Lampions, welche
von den Vordersten der Gesellschaft getragen
wurden, draußen auf freier Straße gegen eine
kleine Anhöhe, auf der eine dunkle Silhouette
sich voni weichlich lichten Nachthimmel abhob.
Es konnte ein Wald sein, oder eine Siedlung,
vielleicht Sommerholz.

Es war gut so, daß Martin nicht gekommen war.

Ich liebe dieses einsame Einwandern in einen
mir fremden Ort, der mir zu einiger Rast dienen
darf. Solche man der bursch i ge Erwartung ist
mir noch aus blutjunger Studentenzeit geblieben,
lind obwohl sie nicht gar soferne zurückliegt, hat
sie doch sonst vieles geändert, so daß ich gerne
vergesse.

Also dort liegt Sommerholz.

Wie oft hatte ich diesen Namen schon vor
mich hingesprochen. Wie ein heller Geigenstrich
hatte er mich berührt, als ich ihn zum erstenmal
als Ortsbezeichnung in einem Briefe gelesen.
Ein unbewußter Zusammenhang verkettete ihn
sogleich mit der Erinnerung an ein Kindermärchen,
das mir besonders durch eine beigegebene Feder-
zeichnung gegenwärtig geblieben: es war die Ge-
schichte von dem Brüderlein und dem Schwester-
lein, die nuszogen, Sonnenstrahlen zu fangen.
Mag sein, daß das Dorf, in dem sie gewohnt,
ähnlich geheißen, ich habe nie nachgeforscht.

Im Weiterschreiten überlegte ich: Sommer-
holz, es klang, als ob es dort keinen Winter
gäbe, keinen Herbst und vielleicht auch keinen
Frühling, nur grünen brandenden Sommertag,
der über die weißen Häuser zusammcnschlug, bis
ihr Herz davon erbebte. Dann sollte eigentlich
auch keine Naä)t dort sein? Aber eben war
Nacht, eine übervolle Sternennacht. Die gehörte
wohl dazu.

Der schlanke Kirchturm griff schon aus den
schwarzen Schattenrissen und zeigte de» Weg.
Die Lampions gingen unruhig, Lachen und laute
Worte kamen von den Vorausgehenden zurück.
Die Gesellschaft bewegte sich langsam weiter, wie
es bei fortschreitender Unterhaltung zu geschehen
pflegt. Ich hatte die letzten schon eingeholt. Es
waren drei Knaben, die sich wegen einer an-
scheinend wichtigen Sportangelegenheit stritten. Vor
ihnen schritt eine schlanke Gestalt in jener länd-
lichen Gewandung, die Mädchen in der Sommer-
frische gerne tragen. Sie ging einen nachdenk-
lichen Schritt, ohne Versuch die anderen, zu deneti
sie wie anzunehmen war gehörte, einzuholen.

Ich wollte vorbei. Aber der Weg war schmal,
eine Abkürzung quer durch die Felder, die ich,
indem ich der Gesellschaft gefolgt war, ebenfalls
gebraucht hatte. Der Tritt meiner Füße hatte
das Mädchen aufmerksam gemacht, sie wandte
sich und wollte mich vorbeilassen. Itn Sternen-
licht erkannte ich ihr Gesicht, es war schön, mit
großen dunklen Augen.

Ich sagte wie entschuldigend: „Guten Abend."

„Guten Abend." Ihre Stimme klang lang am,
warm und dankbar.

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Rengobi: Süßigkeiten
Richard Smekal: Die Schwester
Alfred Henschke: Beim Durchblättern meiner Gedichte
O. W. Scharrer: Vignette
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