Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 2 (Nr. 27-52)

Page: 1268
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Das rote Bereu;

Dem Blonden hängt der Aermel leer
i)lm Waffenrock herunter;

Sein blaues Auge blitzt umher,

Sein goldner Bart glänzt munter.

Zwei Schmerzensfalten dunkeln ihm
Die Stirne unbewußt —

Aber eine Rose, eine leuchtende Rose
Trägt er doch an der Brust.

Als ob ihn der Granatenschuß
Gefüllt mit Eisen habe,

Schleppt einer seinen schweren Fuß
Mühvoll am harten Stabe.

Rur langsam schweift sein Schalten hin
An der besonnten Wand —

Aber eine Rose, eine schimmernde Rose
Nickt ihnr doch in der Hand.

Aus weißen Kissen, schweißbedcckt
Die fieberkalte Wange,

Hat einer sich emporgereckt
Zum letzten Waffengange.

Leer sinkt die tapfre Hand zurück,

Mild küßt sie ihm der Tod —

Aber eine Rose, eine weinende Rose
Blüht zu Häuplen ihnr rot.

Du meiner Heimat bestes Blut,

Wie wild mußt du verbluten,

Du meiner Heimat schönste Glut,

Wie sehren dich die Gluten!

Kein Dank der Erde lohnt genug
Dem, der dir alles gab —

Aber die Liebe glüht segnende Rosen
Fern über das ärmste Grab.

sran; Langkeinrick

Vas 5chuppendand

Der graue Militärkoffer war gepackt: Wäsche,
Uniformen, Stiefel, Abkochapparat, Feldstecher,
alles war „kriegsbereit". Roch einmal küßt der
Mann sein Weib, preßt ein letztes Mal sein Kind
an sich. Fort!

Da reicht die Frau ihm noch ein schmales
Band, ein Silberschuppenband, wcißgrau, matt-
glänzend und dehnbar in der Kette. „Du kennst
es," sagt sie.

Er kennt es. Zwei, dreimal war diese Frau
gezwungen, fern von ihm, der Heimat und dem
Kinde, ein einsames Leben der Erholung und zur
Kräftigung ihrer gefährdeten Gesundheit im Aus-
land zu verbringen. Hart war der Abschied, bitter
die Trennung. Doch eine ungewöhnliche Seelen-
stärke hielt die sensitive Frau aufrecht und die
nicht alltägliche Freundschaft einer alten hollän-
dischen Danie, die siä, zu dem jungen Weib rasch
hingezogen fühlte. Bon ihr kam das Silber-
schuppenband, das dehnbar in der Kette ging.

„Du wirst cs tragen am linken Oberarm wie
ich, wenn Du von mir gehen mußt, und gewiß
wirst Du etwas von der Lust und Hoffnung in
Dir strömen fühlen, die mich stets beseelte, wenn
ich an Dich dachte und mir das Wiedersehen mit
Dir erzwang. Es ist eine Art mentale Hülle,
etwas Seelisches, das den Leib bekleidet. Härte,
Hoffnungslosigkeit, Unfreiheit, Kümmernisse, Sor-
gen können Dir nichts anhaben, wenn Du das
Band trägst, es ist das Symbol meines Ge-
denkens an Dich, meines unüberwindlichen Glau-
bens, daß Du wieder komnien mußt."

So sprach die Frau am 1. August zu dem
Manne, in der Abendstunde der Gewißheit, »ach
den nervenzcrwühlenden Stunden der Erregung,

E. LENGNICK

die dem Mobilmachungsbefehl des deutschen
Heeres vorangegangen.

Und er trug das Band. Gesättigt von den
tiefen Wünschen, beladen nüt dem innersten Wesen
der Frau, die es getragen, war es unbewußt eine
schweigende Kraft, ein fester, steter, unaufhalt-
samer Druck, Energieen erzeugend, die er nie zu
ahnen gewagt, die Resultate zeitigten, in kühnsten
Träumen kam» erhofft. Kameraden fielen scharen-
weise an seiner Seite, Pferde stürzten, Granaten
schlugen auf, die Hitze schlägt Hunderte zu Boden,
er stürmt weiter. In Momenten der körperlichen
Schwäche, der physischen Hilflosigkeit, da kein
Wasser zu haben, die Mannschaften dem Ber-
dursten nahe, ist es ihm möglich, soviel geistige
Kraft mobil zu machen, daß er, die Kanieraden
mit sich reißend, vorwärts stürmt, dem Feinde,

dem Ziele entgegen. Ins ... . bis zu dem

Augenblick, da auch über ihn die Pferde hinweg
jagen, und die Samariter des Roten Kreuzes
ihn bewußtlos vom Platze tragen.

Er wußte nichts mehr, sah nicht, hörte nicht,
empfand nichts, und alle spirituellen Strömungen
schwiegen, die Gedanken-Fernleitung war unter-
brochen, als Arzte ihm den linken Arm, von
zwei Kugeln durchschossen, wuschen, reinigten, ver-
banden, den Arm, der an seiner oberen Hälfte das
grauweiße, mattglänzende Schuppenband getragen.

lind die Frau saß daheim, pflegte den Kleinen,
gab nach rechts, nach links, blieb Herr über alle
Bitternisse und Härten der schweren Zeit und er-
möglichte es, dank einem jahrelang fortgesetzten
Training um innere Krast und schweigendes Er-
tragen, alle Furchtströmungen von sich zu weisen,
auch als die Verlustlisten den Namen, den sie trug,
unter „Schwerverwundet" brachten. Ihre Fähig-
keit, sich mentale Wellen von einer höheren Art
dienstbar zu machen, gab ihr die geheime Kraft,
unaufhörlich an ihren kranken, hilfsbedürftigen
Mann ruhig, ohne Ungeduld, doch fest, klar und
zuversichtlich zu denken; ihren Gedankenstrom auf
das Schuppenband zu lenken, das, beladen nüt
ihrem Wesen, nun auch ihm Ströme der Selbst-
erhaltung, Mut und Kraft, den Kampf auch mit
dem zähsten Feind, dem Tod, zu wagen, geben
mußte.

Unaufhörlich gingen die Gedanken dieser Frau
nach dieser Richtung, Tag und Nacht, Nacht
und Tag.

Ob bewußt oder nicht ... der Mann empfand
den Druck.

Eines Tages machte er die Augen auf, sah
sich in der fremden, seltsamen Umgebung, sah an
seinem linken Arm herunter und begriff, daß er
physisch die Fähigkeit, etwas zu leisten, verloren
hatte; er fühlte die Stiche am Rippenfell, in der
Lunge, das Fieber wie ȟt Zangen in den Adern
bohren und glaubte deutlich die Sphäre des Todes
zu empfinden, die ih>' umlauerte.

Da gingen irgenowie unter dem geheimnis-
vollen Zwange eines Vorstellungsbildes seine Ge-
danken zu dem Schuppenband, das ihm die Frau
mit auf den Weg gegeben, die ihm den Sohn
geboren hatte. Er fand es nicht an seiner Stelle;
der ganze linke Arni war ein einziger Verband
in Gips, eine weiße, harte, formlose Masse.

Das Band war fort Wo war sei» Weib,
sein Kind?

Todcsschauer ini Körper, mit matter Stimme
fragt er den Arzt im weißen Mantel; der weiß
natürlich nichts; auch die Krankenpflegerin mit
der Feldbinde hat nichts gesehen. Die Ober-
schwester — eine Dame mit weißem Haar — in
der Tracht der Schwestern vom Roten Kreuz,
fugt: „Sic dürfen nicht sprechen, Sie müssen alle
Kraft behalten, um gesund zu werde». Das
Schuppcnband befindet sich an Ihrem rechten
Arm. Ich habe es vor der Operation abge-
nommen. Es ist ja kein gewöhnliches Armband,
das Sie tragen; es existieren nur zwei von dieser
Art. Ein alter Holländer hat sie geschmiedet.
Ich besitze das eine, das andere hat meine
Schwester einer Frau geschenkt, die ihrem
Herzen unsäglich teuer war." Und — nachdem
sie den ungestüm ausfahrenden Kranken in die
Kissen zurückgebettet und ihn ermahnt hat, still zu
liegen, schiebt sie den linken Ärmel in die Höhe und
zeigt dem Erstaunenden das gleiche silberne Arm-
band. „Es ist keine alltägliche Gabe," fährt sie
fort, „der Gedanke, der sie begleitet, bringt dem
Empfänger Wohl oder Wehe. Ich weiß, auch
mit Ihreni Silberband ging der tiefe Wunsch zu
helfen; der intensive Wille zur Hilfe gab einer
geistig hochstehenden Lebensgefährtin die psychische
Kraft, alle ihre Gedanken und Fähigkeiten auf
Sie zu konzentrieren, um Sie mit neuem Mut
zum Leben zu erfüllen."

Die Schwester schwieg und besah sich die
Wirkung ihrer Worte. Der Mann lag jetzt
ruhig da, zufrieden, und in den Augen ein glück-
liches Leuchten, einen festen Vorsatz.

„Hier etwas Zitronenlimonade! Der Doktor
hofft, daß das Fieber in ein paar Tage» herunter-
geht, aber Sie dürfen nicht sprechen, nur stets
daran denken, bald gesund zu werden.

Ich weiß, was Sie sagen wollen. Ich habe
sofort das Schuppenband erkannt; ich habe so-
fort an Ihre Frau — die liebe Freundin meiner
mir über alles teuren Schwester — geschrieben
und ihr mitgeteilt, daß ich Sie an dem Schuppen-
band erkannt, daß Sie gerettet sind. Und im
Einverständnis mit meiner mir Vorgesetzten Be-
hörde weis; Ihre Frau, daß Sie, wenn Sie erst
etwas gekräftigt sind, den Weg in die Heimat
antreten werden, um, gepflegt von Ihrem Weibe,
bei Ihrem Kinde Kräftigung und Ihre Gesundheit
wieder zu finden."

GIga Bogner

wohltun und wohltäteln

Quellen des Wohltuns sprangen auf in
diesen Tagen. Laßt ihre klaren Wasser sich
nicht mischen mit den Abwässern des Wohl-
tätelns.

*

Wohltun — ein rücksichtsloses Ja und
Amen. Wohltäteln — ein Geben zwischen
Tür und Angel mit einem Schielen durch
das Fenster auf die Straße.

*

Wohltun verhält sich zum Wohltäteln
wie Kampf fürs Vaterland zum Sport.

Wohltun zieht Wurzeln, während Wohl-
tüteln über Bruch- und Zinsenrechnungen sitzt.
*

Wohltäteln läßt die Kupferpfennige vor
dem Volke auf dem Asphaltpflaster tanzen.
Aus des Wohltuns Händen gleitet Gold
verstohlen auf den Samt des Mitleids.

M.

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E. Lengnick: Vignette "Kirchhof"
Franz Langheinrich: Das rote Kreuz
F. M.: Wohltun und Wohltäteln
F. M.: Wohltun und Wohltäteln
Olga Bogner: Das Schuppenband
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