Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 2 (Nr. 27-52)

Seite: 1390
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Weihnachten \m

£s Kam clie heil'ge Nacht, da fonft die engel fangen:
Noch deute schwelgen sie tieftraurig und erschrocken,

Und foienklage tönt aus all' den tausend Stocken,

Sie fonft so sreudenvoU zum friedenssefl erklangen.

]ft denn die Welt so arm, der Himmel leer geworden)
Nein! tzorcht nur weil hinaus, so werdet ihr's erlauschen:
von einem frieden raunt auch heut' ein hüsterauschen,
vom großen frieden nach dem ungeheuren Morden!

vom frieden, der da kommt, um nimmermehr zu fliehen,
vom deutschen frieden, der mit weißen Mefenschwingen
ves Abgrunds Mächte bannt in leuchtendem vezwingen
Und ihre Wirrnis löst zu Menschheitsmelodien...

]n fherubwassen wird man diesen frieden schauen,

Hufs bloße Schwert gestützt, doch gütig jedem guten —
will Niedertracht auss neu' die Völker lassen bluten,
vergeht der Satanstrug vorm Zucken feiner vrauen.

fianns von ßumppenberg

Mre gelße

Bon Rurt Düchlcr (Hamburg)

Zu Hunderten tagen die Soldaten, nusruhend von der Sästacht,
in den weißen Felsenhöhlen der Champagner Offiziere und Mann-
schaften, pulverschwarze Kanoniere von den Geschützstellungen hoch in
den Hügeln und nasse Infanteristen aus den Schützengräben, die
Uniformen gelb und braun von Lehm und Erdspritzern,

Biele, viele harte und blutfordernde Wochen lang dauerte schon
das Ringen uni die Stellungen cm der Aisne. Menschenmauer stand
gegen Menschenniauer, Granaten, Schrapnells und Infanteriekugeln,
manchmal auch tückische Fliegerbomben, rissen breite Lücken in die
Mauern, Aber die Lücken füllten sich wieder , , , kein Todeswerkzeug
schien stark und schrecklich genug, die Mauer der Menschen nieder-
zubrechen , , .

In den: weißen Felsenhöhlen hoch über der Aisne ruhten sie
aus von bm lähmenden Gewittern der Schlacht,

Schön war's in den dämmrigen Gangen und Kammern aus
weißem Stein , , . man hörte das dumpfe Grollen der Kanonen, das
wütende Peitschengeknall der Gewehre, das Schreien der platzenden
Schrapnells, das Heulen und Weinen der Granaten, Man hörte auch
wohl die drängende und drohende Marseillaise der Franzosen aus
den nahen, feindlichen Schützengräben , ■ . aber man lag, die matten
Glieder auf Matratzen hingestreckt, im Gefühl der Sicherheit schöner
wie in einem dicken Bett, wenn man auch nur ein zerlöchertes Woll-
tuch, oder einen Mantel, oder eine verwetterte Zeltbahn als Decke
hatte. Zerplatzte eine Granate draußen vor der Felswand, so krackelte
es ein wenig, ein paar Schnttstücke bröckelten ab und die eisernen
Granatsplitter knirschten vor Wut und Ohnmacht und torkelten matt
und tot zur Erde,

Zauberhaft, wie in den bunten Märchen ans dem heißen, wunder-
samen Morgenland, war's in den weißen Felsenhöhlen der Champagne,
lind wenn nicht Krieg gewesen wäre , , , aber cs war Krieg, schreck-
lichster Krieg.

Tagsüber waren die merkwürdig gewundenen und gestalteten
Gänge und Kammern mit den seltsam gewölbten, gekuppelten und

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