Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

Page: 2
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1916_1/0006
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ln Stille und Sturm

«Unserer wclirhnslen lugcntl)

lungtiolh J ergründe deine Seele
Und sammle deine heilige Kraft —

Die Stunde will';! Daß jetzt nicht; fehle!

füjjlft Dödur; griff nach deiner Kehle)
volldring die Cat, die Kettung schafft!

Die mächtige Cat, die langem Irren

frochriel und treue Pfade weist
Und blutige Itlirrni; Hilst entwirren!
Neutrale Schwätzer mögen girren —

Nur Cat zetigt Wunder-Heldengeist!

Und al; ein Siegeltest Dcerfolg’ werbe,
Die fel;gleid) au; der Brandung ragt

Und mit dir schützt der freien erbe
voll jungen Mut;, daß nie ersterbe
ln Nacht, wa; deiner Kraft enttagt!

m. 6 Conrad

Die DTinenfuUjer

Von k. B. IDcnborf

Der Morgen war kalt, naß, dunkel. —

Als die zehnte Hilfsminensuchdivision aus dem
Hafen durch die Sperre fuhr, war es vier Uhr.
Der Kommandant der Division, ein junger Ober-
leutnant zur See, stand an Bord seines Führer-
bootes, über das schwärzliche Wasser spähend. Er
hatte vor einer Stunde schön geflucht, als er mitten
in der Nacht aufstehen sollte, er tat das alle Tage,
obwohl es ihm garnicht schwer wurde, heraus zu
kommen.

Er mar ein schöner Mensch. Sein bronzefar-
benes Cäsarengesicht war jetzt unbeweglich, seine
seegrünen Augen, das Entzücken der Damen,
blickten adlerscharf und hart über die Iademün-
dung. Kein Zucken verriet, daß er an der Stelle,
die er jetzt durchfuhr, vor wenigen Wochen den
entsetzlichsten Tag seines Lebens, die furchtbarsten
Minuten, erlebt hatte. Das war an jenem Nebel-
tag, als die Park ihren Weg verlor, auf eine
Mine kam und vor seinen Augen zerbarst.

Er hatte mit seinen Booten gerettet, geborgen,
so viel er konnte, immer mit der heimlichen Angst
im Herzen, seinen besten Freund verstümmelt und
entstellt aus den Fluten zu ziehen. Und er dachte
bei dkm Rettungswerk nur immer „lieber tot,
als verstümmelt, lieber garnicht mehr auf der
Welt, als leben und nidjt mehr Offizier sein
können."

Aber der Freund ward nicht gefunden. Seinen
zerrissenen Leib hatten die Wasser barmherzig
ausgenommen.

Der Oberleutnant Roland Negendank dachte
an diesem trüben Morgen an viele andere, an
denen er mit seinem Freund nach Haus gekommen,
nach übermütigen Nächten oder nach strammem
Nachtdienst; immer waren sie unzertrennlich ge-
wesen, immer zusamnien durch Dick und Dünn
gegangen.

Nun hatte der Tod sie getrennt. Seemanns-
tod. Eines Tages würde er auch zu ihm kommen,
vielleicht schon bald. Schön mußte cs sein, für
das Vaterland zu sterben. Für den Kaiser. Ein
Abend fiel ihm ein, der wirklich nichts mit Sterben
zu tun hatte, sondern mit lachendster Lebenslust:

Herrenabend im Kasino. Und S. M. mitten
unter ihnen, wie ein Kamerad. Da hatte ein

Rieh. Fiedler (Bootsmaimsmaat)

Spaßvogel ein Lied gedichtet, es ging nach einer
bekannten lnstigen Melodie und sing an:

Als ich zuerst Wilhelmshaven fand, haven fand,
Rief idj: O Stätte des Glücks,

Dn Paradies an dem Fadestrand, Iadestrand,
Schinimernde Perle des Schlicks!

Und im Kasino kein Prassertum, Prassertum,
Wasser nur frühe und spät.

Seht doch, wie nah ja der Wasserturm, Wassertnrm,
Bei unser«» Weinkeller steht!

Roland Negendank hätte fast gelüchelt bei der
Erinnerung.

Der Fisd)creidampfer, welcher seit Formation
der zehnten Hilfsminensuch-Division als Führer-
boot fuhr, sd)lingerte heftig. Ein Wind kani auf.
Es wurde Tag. Man kam nun in eine Gegend,
weldie mit Minen verseucht sein konnte. Tele-
funkte Befehle gingen an die Kommandanten der
einzelnen Suchboote. Die Division fuhr nun in
zwei Halbdivisionen zu je sed)s Booten in be-
stimmten Abständen nebeneinander.

In der Ferne wurden Raud>säulen gesichtet.
Alle Herzen taten ein paar rasche Schläge, in
der Hoffnung mit den Engländern zusammenzu-
treffen. Ach, daß man nidjt auf einem Unter-
seeboot war und gegen England fahren konnte!

Sie litten Alle mehr oder weniger daran, vom
Kommandanten an bis zum Heizer, daß sie nidjt
direkt mit konnten, um bei der großen Abredjnung
dabei zu sein. Sie mußten sich begnügen, eng-
lisdje Minen wcgzuräumcn und den stolzen Ge-
schwaderschiffen und kleinen U-Booten den Weg
zu bahnen. Wenn nur wenigstens recht viele eng-
lische Minen dagewesen wären! Sie hatten ihren
kleinen Ehrgeiz unter sidj, die Konimandanten
und Mannschaften der einzelnen Sudjboote: wer
am meisten Minen fand und vernichten konnte.
Und sie waren mit einem Vergnügen bei ihrem
gefahrvollen Werk, daß sie an die Gefahr über-
haupt nidjt mehr dadjten.

In den ersten Tagen hatte wohl der Eine
oder Andere heimlidj einen Rettungskork unter-
geschnallt, als es hieß, nun geht in die verseuchte
Zone hinein, und hatte Mancher mit bangem Her-

2

zen an die Lieben daheim gedadjt. Aber jetzt, da
hatten sie allzu oft den Tod vor Augen gehabt,
zu nah, uni sidj vor ihm zu fürdjten.

Richtig verankerte Minen, was waren ihnen
die? Garnichts. Die Treibminen, die in der
Gegend herum sausten, weil die verd. Blase, die
Engländer, sie so sdjledjt verankert hatten, die
waren ja allerdings eine gemeine Sadje. Da
nmßte man schon fabelhaften Dusel entwickeln,
um nidjt so ein Ding zu überfahren. Dann wäre
es freilidj aus gewesen.

Der Offizier der zweiten Halbdioision meldet
durdj Telefunken eine Mine Badibord voraus.
Alles stoppt. Wenige Minuten später ist Roland
Negendank drüben an Bord des betreffenden
Bootes und wieder wenige Minuten darauf fährt
das Gesdjoß aus dem Geschützrohr. Eine haus-
hohe dicke Wassersäule springt aus dem Meer,
Splitter fliegen bis in die Nähe der Boote, wo
alles freudig den Treffer gesehen hat. Die hoch-
gcsdjleuderten Wassermassen stürzen in sidj zu-
sammen, fallen ins Meer zurüdi und laufen als
kleine Wellen bis zn den Schiffen hin. Negen-
dank begibt sidj wieder an Bord seines Führcr-
bootes. Die Division setzt ihre Fahrt fort.

Beim Mittagessen, das der Kommandant allein
in seiner Kajüte einnimmt, während die Offiziere
zusammen in ihrer Messe speisen, wird wieder eine
Mine gemeldet. Wieder dröhnt der Schuß, fliegen
die Minensplitter, brausen die Wasser. Eine halbe
Stunde darauf zeigt sidj wieder eine Mine. Der
Seegang ist inzwischen stärker geworden und das
kleine, auf und nieder tanzende Ding ist schwer
zu treffen. Erst nach dem dritten Schuß ist sie
gänzlich unschädlich. Gewölk zieht auf und die
frülje Dämmerung bricht herein. Da ist es für
die Minenstidjdivision Zeit, sidj auf die Heim-
fahrt zu begeben. Denn sie braudjt Lidjt zu ihrer
Arbeit . . . Der junge Kommandant der Division
hatte in seiner Kajüte gearbeitet. Aber er war
unlustig und sdjob diese schriftlichen Sachen, die
er nidjt sdjätzte, auf, für den stillen Abend in seiner
Wohnung und ging wieder an Deck. Die Wolken
halten sidj verzogen, leidjt gerötet stand der Abend-
Himmel. Südöstlidj, kaum erkennbar, lag Helgo-
land. Sdjarf über die grünlidje See spähend,
stand Negendank auf der Kommandobrücke. Der
Leutnant der Reserve Brummer, der neben ihm
stand, erlaubte sidj eine halblaute Frage: „Glauben
Herr Oberleutnant, daß wir nun heraus sind?"
Aber er bekam keine Antwort. Als er verwundert
zu seinem Kommandanten aufsah, fuhr ihm der
Schredr in die Glieder. Ehe er einen Gedanken
fassen konnte, war der Kommandant schon ani
Spradjrohr und sdjrie hinunter: „Dreifache Kraft
zurück!" . . . Und gleidj darauf tönte seine ruhige
Stimme laut über das Sdjiff: „Alle Mann an
Dedr!" Da sah der kleine Leutnant zur Sec,
Brummer, was los war, da, fünf Meter vor dein
Sdjiff, gerade auf es zu, trieb eine Mine auf
den Wellen. So war es also aus. Er drehte
sidj zu seinem Kommandanten um; der sah ihn
ein wenig lädjelnd an und wandte sidj an die
heranstürmende Mannsdjaft: „In einer Minute
fliegen wir, Leute! In den Tod mit Gott für
Kaiser und Vaterland!" — — —

Ein leises unheimlidjes Kratzen an der Bord-
wand ward hörbar. Es überlief sie alle dodj
mit eisigem Sdjauder. Der Kommandant setzte
mcdjanisdj seine Mütze auf.

„Jetzt," sagte er leise. — — —

Eine Minute verging, nodj eine. Nur das
Stampfen der mit aller Kraft rückwärts arbeiten-
den Maschinen war zu hören. — — „Kinder."
sagte der Oberleutnant Negendank, „ich glaube,
das Biest ist weg!"

Die Welle, die den Tod bis an die Bord-
wand getragen, hatte ihn nodj einmal wieder mit
hinaus genommen ins Meer.

Mit Volldampf ging's zurüdi und unter be-
freiendem Ladjen der Mannsdjaft fuhr der Schuß
über die Wellen, der kradjend dem heimtückischen
Feinde den Garaus madjte. Singend _ fuhr die
Mannschaft des Führerbootes durch die Sperre
in den sdjützenden Hafen.

- A
*


. l w
F. B. Wendorf: Die Minensucher
Richard Fiedler: An der Elbemündung
Michael Georg Conrad: In Stille und Sturm
loading ...