Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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Don luftigen und von groben Soldaten
oder: Unterstandsgeschichten

Der Verärgerte

Um cs ehrlich herauszusagen: es sind nicht lauter Engel, die da draußen
im Felde stehen. Sch denke dabei an den Mathias Gallenbichler, der ein
Gerichtsschreiber und als solcher der Humorlosigkeit ergeben war. Dieser
Gallenbichler kam nämlich aus dem Verdrießlichsein gar nicht heraus.

Einmal bekani er mit der Feldpost eine Taschenlampe. Die brannte
aber nicht. Er arbeitete dran herum, stundenlang, unb es durfte ihm gar
Keiner in die Nähe gehen. Zum Schluß glühte er selber, die Taschenlampe
tat das Gegenteil davoir. llnb da schenkte er sie dem Sagerneder. Bei dem
brannte sie binnen drei Minuten wie ein Hochofen.

Der Gallenbichler war wütend.

Acht Tage später schickte ihm ein Freund eine Pfeife. Er stopfte sie
und zog daran, bis er blau im Gesicht wurde. Sie tat nicht! Er verdarb
ein halbes Paket Tabak rnrd eine ganze Schachtel Zündhölzer. Umsonst!
Nun wandelte auch die Pfeife zum Sagerneder. Der fuhr mit einem glühen-
den Draht hinein — und raucht heute noch draus. Dicsninl hätte der Gallen-
bichler fast geweint.

Als Nächstes kam eine Leibbinde an. Sie war ihm um die Hälfte zu
eng, beim er hatte einen bedenklichen Ranzen, was bei seiner verdrießlichen
Gemütsart sozusagen verwunderlich schien. Dem Sagerneder paßte sie wie
angegossen. Aber um nichts in der Welt konnte nun der Gallenbichler dem
Sagerneder mehr auf den Bauch schauen.

Wiederum zwei Tage drauf kam für den Gallenbichler in einer Schachtel
ein Füllfederhalter an. Es scheint keiner von der besten Art gewesen zu
sein, denn etwas Anderes als Klexe brachte Gallenbichler damit nicht zustand.
Worauf er ihn mürrisch zum Sagerneder hintrug.

„Da hast'»!" knurrte er. „Aba bal's Du schreibt ko'st damit, nacha
sangst Oane — daß D' ns grad woaßt!"

Die Geschichte

Sn einem Unterstand, in dem der Pöttinger Hans drin war, gab 's für
die Langeweile keinen Platz. Der Mann war bis an den Hals mit Ge-
schichten angefüllt.

Einmal erzählte er: „Do is z' Kimpsing a Viehhändler g'wen. A rechta
Unchrist, a valog'na! D' Bauern ha'm an a jed's Monat oanwl recht her-
g'haut, aba dös Hot eahm nix bedeit'. Pointhofer Hot a si' g'nennt.

Derselbige Pointhofer Hot mein' Boda'n a Kuah vaka'fl mit 'ran Kaibi.
Un 's Kaibi Hot it g'suffa! Z'weg'n weil 's vo' 'ra andernen Kuah g'wen
is. Uisakra — is da 'r oba mei Boda nußa zu 'n Pointhofcr. ,Pointhofa
— Du hast mi b'schiss'nst sagt n. Da Pointhofer Hot g'rad terokt mid'm
Lehra nn mid'm Posthalda. ,Net wahr is!' schreit da Point Hofer. ,Da schaua
her, Pöttinger: dös G'spiel soll 's aufweis'n! Bal i den Gras-Solo valicr'
nacha ninnn i d' Kuah un 's Kaibi z'ruck u» zahl' Dir no' an Zwanz'gmarch-
zeddl extra' Bai i 'n g'winn, nacha bin i geg'n Di' na in niein' Rechtst
Mei' Boda Hot den Solo og'schaugt. ,Den g'winnst niab moant a. ,Als-
dann — tean nur so?^ — ,Guat is!‘ Und was moant 's, der Bazi Hot . .

In diesem Augenblick fuhr mit bösem Lärm eine Granate her. Zwei
Meter rechts des Unterstandes schlug sie ein. Sch mag nicht dran denken,
wie das ausgeschnut hätte, wenn sie halt ein Bissel weiter links gegangen
wäre. So drückte sie nur eine Wand ein und warf einen Haufen Dreck über
»ns. Alles brüllte und rannte um Hacken und Schaufeln, nur der Pöttinger
Hans lag betäubt in einer Ecke. Ein Balken halte ihnl die Schulter zer
schlagen. Am Abend holten ihn die Sanitäter.

Seitdem waren acht Tage vergangen, als plötzlich aus einem Genesungs-
heim in der Heimat eine Karte kam. Vom Pöttinger Hans. An unsere
Korporalschaft. Sie lautete: „Eibe Kamruden! Un der gans schlechde Kerl
had den Solo gewonen, weilen er den Lerer un den Posdhalder auch be-
schießen had. Das isd aufkomen, wie nacher der Herzehner under den, Disch
glegen is, es grüsd euch Johannes Pöttinger."

Ein Grein wandert iin Unterstand

Als der Hargstöttner sich einmal auf seine Strohschütte warf, fühlte
er plöglich einen Stein zwischen den Rippen. Er warf ihn murrend abseits.
In der Nacht wachte der Langgaffner auf, weil ihn etwas aufs Schulterblatt
drückte. Ein Stein! Der Stein flog rechts hinaus. Nach zehn Minuten
drehte der Hargstöttner sich um. „Auweh!" schimpfte er, „da is ja schon
wieder Einer!" Und schleuderte ihn nach links. Gleich darauf fuhr der
Langgassner in die Höhe und ....

Also kurzum: am anderen Morgen klagte der Hargstöttner: „Deifi —
siebzehn Stoana hob i heunt Nacht aus mein' Stroh außaklaubt!"

Schipper

Schön war's auch, als Exzellenz von B. eine Armierungs-Kompagnie
besichtigte. Nach der Inspizierung der ausgeführten Arbeiten ließ sich Exzellenz
die Leute vorstellen. Und jeden fragte er, was er sei. Ein rechter Müchmasch
von Berufen kam zutage: Kaufmann, Student, Lehrer, Arbeiter, Beamter.

Der dritte Mann im zweiten Glied aber sagte mit einem melancholischen
Lächeln: „Jetzt werden Sie lachen, Herr General: Privatier!"

02

Trompeter der hessischen Garde-Dragon

Konrad Hommel
(Leutnant im Felde)
Conrad Hommel: Trompeter der hessischen Garde-Dragoner
Len.: Von lustigen und von groben Soldaten oder: Unterstandsgeschichten
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