Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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A.n eine Fahne,

die im AJbendwmd wehte

Über den Straßen, die schon dunkeln.
Steht dein stolzer, breiter Schwung,
Deine klaren Farben funkeln
Brennend in die Dämmerung.

Unter dir der Stadt Gewimmel
In der Gassen engem Schoß,

Über dir ein blasser Himmel,

Ruhevoll und grenzenlos.

Die wir irdische Wege wandeln.

Dem Gebot des Tags geweiht.

Unser Denken, unser Handeln
Engt der stählerne Bann der Zeit.

Was sich, nie geahnt, begehen.

Glühte unsere Seele hart.

Und nun sind wir ganz Erleben.
Wille, Kraft und Gegenwart.

Siehe, alles, was wir litten,

Neid, Verkennung, Haß und Fluch,
Was geopfert und erstritten.

Ist für dich, du heiliges Tuch.

Unserem tiefsten Sein entstammst du.
Ungebeugt in Nacht und Not,

Über unseren Häuptern flammst du
In ein neues Morgenrot. GR]MM

SeifenLkafen

Felix Hell hatte wieder sein Wesen gefunden.
Langsam. Nach und nach. Man Konnte das
an seinem Gesicht beobachten. Freunde, die ihn
gut Kannten, sagten, er sähe sich nun wieder
ähnlich. Die Maske, die ihm ein fremdes Leben
die langen Monate hindurch auf den Schlacht-
feldern Galiziens aufgedrungen hatte, begann zu
verblassen. Der leidende Zug, den ein wochen-
langes Krankenlager ihm ausgeprägt, schmolz zu
einem feinen Schatten um die Mundwinkel zu-
sammen. Und es kam wieder das frühere Ge-
sicht Felix Hells zum Vorschein. Die Augen,
wie sie früher schauten, nur etwas tiefer noch
geworden, leuchteten wieder auf. Kurz, er schien
wieder an seinem alten, ureigenen Platz zu stehen.
Dem Platz, den jedes Wesen für sich ein für alle-
mal, seiner Art nach, in der Welt einnimmt.
Bon wo aus es einzig und allein sich im Gleich-
gewicht und in Beziehung zu allen Dingen hält.

Er hatte wieder das Ruhige, Ausgeglichene seines
Wesens gefunden, das dem lautlosen Gleiten eines
großen Schiffes durch unbewegliche Wasser glich.
Das sich am wohlsten fühlt im tiefsten Schweigen.

Nur manchmal noch flog es wie ein Schatten
vorbeiziehender Wolken über seine Züge. Ging
es wie wüster Kriegslärm durch seine Sinne. Und
in seinen Träumen gellten innner noch Signal-
rufe, surrten immer noch Schrapnells, stöhnten
immer noch Sterbende . . .

Es war im Villenviertel einer stillen Stadt,
wo Felix Hell seinen Krankenurlaub verbrachte.
Und Felix Hell führte ein stilles Leben, wie es
seine Gewohnheit war. Ein Leben, das die tiefsten
Erlebnisse hat und doch einförmig klingen würde,
wenn man es erzählen wollte; seltsam einförmig
wie das Leben einer Fliege. Es ist das flachste
Leben, das sich dramatisch verwerten läßt; das tiefste,
innerlichste Leben fassen nicht die einfachsten Worte.

Was tat Felix Hell? — „Nichts", würde
Jedermann sagen, der ihn beobachtet hätte. Und
würde dieses Nichtstun eventuell mit seiner Re-
konvaleszenz entschuldigen wollen. Aber Felix
Hell hatte noch nie so intensiv gelebt als die

Panzer-Kreuzer R. Fiedler (Bootsmannsmaat)

Tage her, feit er sein Krankenlager verließ. Er
lebte sein Leben in vollen Zügen. Er lebte eg
zum erstenmal in seinem Leben bewußt. Wie
einer, der von der Schwelle des Todes herkommt
und nun erst weiß, was Leben heißt. Denn das
tiefste Wissen über das Leben kommt aus der
Nähe des Todes.

Felix Hell machte Spaziergänge. Seine Spa-
ziergänge waren Festzüge... Er schaute. Wißt
Ihr, was Schauen heißt? So wie Felix Hell
schaute? Die kleinsten Dinge faßte es an wie
mit liebkosenden Händen. Und ist doch nicht
kleinlich. Bleibt doch ein wissendes, ein makro-
kosmisches Schauen. Sein ganzes Wesen, seine
ganzen Erlebnisse lagen in seinem Schauen. Er
war ein Dichter. Obwohl er nie etwas geschrieben
hatte, außer sein Kriegstagebuch, das nur trockene
Daten enthielt. Er war dennoch und vielleicht
gerade deshalb unbestreitbar ein Dichter. — —

Es war eine helle, reine Nacht ... Es gibt
Nächte, die klar sind und durchsichtig wie Kristall.
Es scheint sich alles näher zu rücken und ver-
trauter zu sein in solchen Nächten. Die Sterne
rücken so nahe, daß sie uns näher dünken als
der Horizont. Eine solche Nacht war.

Felix Hell lehnte ani Fenster. Er schaute in
die Sterne . . .

Es ist das eine Gattung Menschen für sich,
die gerne in die Sterne schauen. Es find meistens
die Einsamen unter den Menschen, wie Felix Hell
einer war. Die Einsamen sind meistens die Wis-
senden. Wissend durch die Größe des Horizonts,
an den sie sich gewöhnt haben.

Da flamnite ein Licht irgendwo auf. Das
blendete Felix Hell. Sodaß er aus seinem Sinnen
auffuhr und sein Blick, von dem Lichte angezogen,
auf ein beleuchtetes Fenster fiel, das gelb in die
Nacht hinnusschaute. Schief gegenüber lag das
Fenster und gehörte einer Villa an, deren Silhouette
sich dunkelblau in den Sternhimmel zeichnete, lind
Felix Hell wollte eben den Blick wieder abwen-
den, als eine Mädchengestalt im Fenster erschien.
Schlanke Arme sah er das Fenster öffnen. Dann
sah er die Gestalt an der Brüstung lehnen und
gleichfalls in den Himmel schauen.

Dies alles war so schemenhaft geschehen, daß
er seine Augen nicht abzuwenden vermochte, von
der Gestalt. Es war ihm, als wäre Unerhörtes
vorgegangen im Augenblick. Wenn es Sterne
geregnet hätte zur Erde, es wäre ihm nicht selt-
samer vorgekommen, es hätte sein Inneres nicht
mehr aufgcrührt, als die einfache Bewegung der
Hände dort drüben. Wie diese schlanke Mäd-

chengestalt dort lehnte, — es schien ihm eine un-
nachahmliche Gebärde.

Felix Hell, — er lächelte selber darüber, aber
er glaubte in diesem Augenblick an Mächte, die
nianche Seelen über andere, gleichgestimmte Seelen
haben, lind er schaute unverwandt hinüber zu
der Gestalt, die in dieser Stunde zum ersten Mal,
schatlenhnft, in sein Leben getreten und die er
dennoch fühlte wie viele Menschen nicht, denen
er hunderttausend Mal im Leben begegnet war.

Als die Gestalt nach einer Weile wieder zu-
rücktrat, starrte er lange noch auf das Fenster
hin. Wie ein König in den Brunnen starrt, in
dem seine Krone versunken, schaute er in die
gelbe Leere. Und in derselben Nacht war es so
merkwürdig still in seinen Träumen. Nichts mehr
von, Krieg. Eine friedliche sternnächtige Stille
war sein Schlaf. Nur eine zierliche Mädchenge-
stalt huschte hin und wieder, wie ein Schattenbild,
mit einer Grazie, die an Musik grenzt, an seinen
inneren Augen vorüber. . .

Am andern Morgen kleidete sich Felix Hell
mit einer heiteren Ruhe an. Eine gewisse Be-
friedigung war in ihm, als hätte er etwas Wun-
derschönes erlebt oder als stände er unmittelbar
vor Dingen, die erfreuen. Wie einem armen Mann
am Feiertag ist, so war ihm. Oder wie einem aus
der Verbannung zurückgekehrten König, dem ein
Volk zujubelt. Oder wie einen Vagabunden, den
man fürstlich beschenkt hat. So war es Felix Hell.

Aber als er ans Fenster ging und drüben
das Fenster verschlossen sah; drüben das Fenster
verschlossen blieb und nichts sich zeigte, da kam
eine leise Trauer über ihn. Er fing an zu zweifeln,
ob er das Gestrige erlebt habe oder ob er es nicht
vielleicht geträumt. Er musterte das Haus drüben
niit ungewissen, mißtrauischen Augen. Es lag
reglos dort wie ein verwunschenes Schloß . . .
Was war das nur gestern nachts?

Felix Hell ging den Tag über wie ein Traum-
wandler umher.

Ein jeder Anderer hätte sicherlich Erkundi-
gungen eingezogen über die Bewohner dieser Villa.
Hätte an seiner Stelle Umfrage gehalten, in Er-
fahrung zu bringen getrachtet, wer diese Erschei-
nung war von gestern nachts. Oder wäre zu
mindest ein, zwei Mal an dem bewußten Hause
vorbeigegangen, ob er nicht doch etwas wahr-
nehmen könnte, was für ihn von Interesse wäre.
Aber Felix Hell war eben ein Anderer als die
Andern. Er ging aus. Aber er hütete sich ängst-
lich, an dem Haufe vorbeizukommen. Als ob dort
etwas auf der Lauer läge, ein Unsichtbares, vor
deni er machtlos war. ging er scheu, in weitem
Bogen um das Gebäude herum. Weit aus dem
Umkreis der Stadt. Mied jeden Menschen. Er
hatte das Gefühl, als würde jeder, mit dem er
spräche, auf dieses Haus zu sprechen kommen,
von diesem Mädchen zu erzählen beginnen. Er
müßte denjenigen hassen wie seinen ärgsten Feind.

Tagsüber begann feine Trauer zu verebben.
Machte einem Gefühle Platz, das vielleicht deni
gleichkommt, das Einen verklärt, der ein tiefes,
köstliches Geheimnis in seinem Innern bewahrt.

Spät am Abend erst kam Felix Hell in seine
Wohnung zurück.

Auf seinem Gesicht lag ein stiller Frieden.
Wie über grundlosen Meerestiefen der grüne
Wasserspiegel liegt. . .

Felix Hell nahm ein Buch zur Hand und
setzte sich in einer Ecke des Zimmers auf den
Divan. Er blätterte in dem Buche und hatte
eigentlich gar nicht die Absicht zu lesen. Er hatte
seine Gedanken gar nicht bei sich; sie flatterten
irgendwo umher wie scheue Vögel, die irgend ein
Licht geblendet... „Manigfache Wege gehen die
Menschen, wer sie verfolgt und vergleicht, wird wun-
derliche Figuren entstehen sehen..." Ach ja, der
gute Novalis! Felix Hell legte das Buch wieder weg.

Er ging im Zimmer auf und ab. Und ganz
gedankenlos, ohne eigentlich zu wollen, lenkten
ihn seine Füße wieder zu dem Fenster, an dem
er gestern gestanden war. Gedankenlos, habe
ich gesagt, und meine damit etwa so, wie Eisen-
feilspäne gelenkt werden, die im Feld eines Mag-
neten dessen Kraftlinien folgen.

, Drüben war eine ganze Reihe Fenster erhellt.
Wie eine Reihe Perlenzähne zwischen lachenden

>02
Karl Grimm: An eine Fahne, die im Abendwind wehte
Richard Fiedler: Panzer-Kreuzer
Karl Burger: Seifenblasen
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